Intensivstationen überfüllt, Pfleger und Ärzte arbeiten selbst mit Corona-Infektion weiter, weil sonst niemand mehr da ist: So die Realität in belgischen Krankenhäusern. Ein neuer Lockdown soll uns Bilder wie diese ersparen. Foto: Francisco Seco/AP/dpa

75 Prozent aller Neuinfektionen können nicht mehr nachvollzogen werden: Damit hat Bundeskanzlerin Angela Merkel begründet, was nun auf uns zukommt - „Lockdown Light“. Kneipen, Restaurants, Fitnesscenter und Kosmetikstudios machen ab Montag für einen ganzen Monat dicht. Und das, obwohl sich die allermeisten Gastronomen, Manager und Mitarbeiter um kluge Hygienekonzepte bemüht haben, um sich und uns vor dem Coronavirus zu schützen.

Die Wahrheit ist aber auch: In meinem libanesischen Lieblings-Restaurant trägt weiterhin so gut wie niemand Maske, eine Kontaktliste gibt es nicht – und die Polizist*innen grüßen stets freundlich, wenn sie vor dem nächsten Einsatz im Görlitzer Park dort Essen zum Mitnehmen bestellen. Neulich in einem gemütlichen französischen Restaurant in Neukölln: Die Fenster des kleinen Lokals waren bereits am frühen Abend dicht beschlagen. Offenbar funktioniert die Durchlüftung eben nicht so, dass die Entstehung von Aerosolen tatsächlich verhindert würde. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben es die Gesundheits- und Ordnungsämter der Bezirke nicht vermocht, derartige Missstände stadtweit auch nur ansatzweise einzudämmen oder gar abzustellen.

Das Virus ist längst überall in unserer Stadt verstreut

Auch wenn gebetsmühlenartig wiederholt wurde, dass doch vor allem private Feiern Corona-Ansteckungen vorantreiben: Wieso habe ich dann erneut vier Risikobegegnungen auf meiner Warn-App? Ausgiebig gefeiert habe ich schon lange nicht mehr. Wo ich über eine nennenswerte Zeit mit Corona-Infizierten in Kontakt gekommen sein soll, ist mir schleierhaft: Im Supermarkt, in der U-Bahn – oder eben doch im Restaurant? Tatsächlich ist das Virus inzwischen überall in unserer Stadt verstreut, und wir sehen es den Menschen meist nicht an, ob sie es in sich tragen.

Wir müssen wieder dahin zurückkommen, dass Gesundheitsämter Infektionsketten zurückverfolgen und durchbrechen können. Vor allem müssen wir verhindern, dass bald wieder fast sämtliche Operationen abgesagt werden und auch bei uns Intensivbetten knapp werden. Und weil alle freiwilligen Appelle, Masken nicht nur unter dem Kinn zu tragen und Abstandsregeln ernst zu nehmen, einem nennenswerten Anteil unserer Mitbürger völlig egal sind, kommt nun die Notbremsung.

Vielleicht hätten wir es in der Hand gehabt, diesen neuen Lockdown zu verhindern, wenn wir noch konsequenter gegen alle Maskenmuffel und Corona-Regelbrecher vorgegangen wären. Aber die Zeit dafür ist abgelaufen. Ja, es trifft wohl vor allem die Falschen, aber wir haben leider die Chance verspielt, diesen neuen Lockdown zu verhindern. Und nun müssen wir ihn aussitzen – in der begründeten Hoffnung, dass unseren Krankenhäusern Endzeit-Szenen wie in Belgien erspart bleiben: Dort sind die Intensivstationen bereits jetzt am Limit; infizierte Pfleger und Ärzte arbeiten einfach weiter, weil niemand sonst mehr da ist, die Schwerstkranken zu versorgen.