Steuert Berlin wieder auf den Lockdown zu? 
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Der Senat wird am Dienstag über neue Maßnahmen beraten und voraussichtlich auch beschließen, um die Ausbreitung des Corona-Virus eindämmen zu können. Es wird über ein Papier aus der Gesundheitsverwaltung von Senatorin Dilek Kalayci (SPD) debattiert, das eine Reaktion auf die Pandemie in zwei Stufen vorsieht. In Stufe 2 käme auf Berlin etwas wie der Lockdown im März und April zu. Hamburg wird schon am Montag härtere Maßnahmen umsetzen.

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In Stufe 1 würden die bestehenden Maßnahmen leicht verschärft. Zum Beispiel, dass noch weniger Menschen zu Hause oder im Freien zusammenkommen dürfen. Bislang dürfen sich zum Beispiel Angehörige von zwei Haushalten (ohne Personenbegrenzung) in Räumen treffen, oder Menschen aus einem Haushalt mit fünf weiteren Personen.

In Stufe 2 wären die Maßnahmen deutlich härter: Dann dürften die Berliner nur noch dann ihre Wohnung verlassen, wenn sie zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Arzt gehen. Es könnten nur noch Geschäfte öffnen, die für die Grundversorgung der Bevölkerung notwendig sind. Gaststätten müssten um 21 Uhr schließen, es dürften höchstens vier Gäste am Tisch sitzen, Alkohol würde nur bis 18 Uhr ausgeschenkt.

Vom 18. März bis zum 22. April 2020 waren viele Geschäfte wie dieser Elektronikmarkt am Alex geschlossen. Als er wieder öffnete, gab es eine Schlange vor der Tür. Foto: imago images/Carsten Thesing

Thomas Isenberg, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, begrüßt die Pläne: „Wir müssen alles für eine weitere Kontaktreduzierung tun, der Senat wird weitere Schritte gehen müssen.“

Er verlangt jedoch, dass das Papier ergänzt wird. Eine Schließung von Alten- und Altenpflegeheimen wie im Frühjahr sei unzumutbar. Deshalb müsse geregelt werden, wer die jetzt verfügbaren Schnelltests bekommt, um Besuche noch zu ermöglichen und eine sichere Betreuung zu gewährleisten, nämlich „Heime, Krankenhäuser, ambulante Pflegedienste“.

Angesichts der Entwicklung erwartet Isenberg, dass spätesten übernächste Woche „die Reißleine gezogen“ werden müsse. Denn die Zahl der Menschen, die mit Covid—19 auf Berliner Intensivstationen liegen, habe sich binnen neun Tagen verdoppelt, knapp zehn Prozent der Intensivbetten sind mit Covid-19-Patienten belegt.

Nach dem letzten Bericht der Gesundheitsverwaltung vom Sonntag waren es 117 - fast so viele wie beim Spitzenwert im April (135). Isenberg: „Wenn sich dies Verdoppelungsrate fortsetzt, sind wir am kommenden Freitag bei 240, neun Tage später bei 480 und so fort.“ So komme Berlin schnell an seine Grenzen. Am Sonntag waren laut DIVI-Intensivregister nur noch 201 der 1227 Intensivbetten frei. Allerdings könnten binnen einer Woche weitere 464 derartige Betten aufgestellt werden.

Isenberg, der eine Beteiligung des Abgeordnetenhauses an den Senatsentscheidungen fordert, sieht auch beim Sport das Ende von Fan-Treffen sowohl in Hallen als auch in Stadien wie der Alten Försterei nahen: „Die Zeit ist vorbei.“

Unterricht am Nachmittag?

In Schulen schließlich, meint er, dass ein Vorschlag des Robert Koch-Instituts spätestens in drei Wochen umgesetzt werden müsse: Die Einführung eines Abstands von 1,50 Meter in Klassenräumen. Das führe automatisch zu weniger Schülern pro Raum und mache Nachmittagsunterricht überfällig. „Wir wollen Schulen, aber auch Kitas, nicht wieder schließen. Deswegen ist jetzt konsequentes Handeln nötig.“

Die Ansteckungen breiten sich in Berlin schnell aus:  Binnen eines Tages kamen zuletzt 304 Fälle dazu, innerhalb von sieben Tagen kamen auf 100.000 Einwohner knapp 123 Infektionen dazu („Inzidenz“).

In Hamburg, wo es ähnlich aussieht, dürfen sich von Montag an beispielsweise nur noch maximal zehn Personen aus zwei Familien privat oder in Gaststätten treffen. Alkohol darf zwischen 23 und 10 Uhr nicht mehr ausgeschenkt werden. Der Riesen-Rummel „Winterdom“ ist abgesagt. In München sind ebenfalls weitere Einschränkungen zu erwarten, weil die 7-Tage-Inzidenz über 100 liegt.

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Zurückgegangen ist am Sonntag die Ansteckungszahl in Brandenburg - von 247 auf 157. Allerdings gab es drei neue Todesfälle, jetzt gibt es insgesamt 190 Corona-Tote. 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), mit Corona in häuslicher Quarantäne, appellierte mit einem Video über Facebook an die Menschen in Deutschland, angesichts von fast 15.000 Neuinfektionen pro Tag aufeinander achtzugeben und die Corona-Regeln einzuhalten: „Bitte helfen Sie weiter mit und hören Sie nicht auf diejenigen, die verharmlosen und beschwichtigen. Es ist ernst. Wir wissen, was dieses Virus anrichten kann, gerade bei Menschen mit Vorerkrankungen und bei den Älteren, den Höchstbetagten.“