Berlin: Nebenkläger Ferat Kocak (r., Die Linke), Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin, steht im Gerichtssaal des Kriminalgerichts Moabit.
Berlin: Nebenkläger Ferat Kocak (r., Die Linke), Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin, steht im Gerichtssaal des Kriminalgerichts Moabit. dpa/Christian Ender

Der Buchhändler als Opfer rechter Anschläge stand den angeklagten Neonazis im Gerichtssaal gegenüber: „Ihr seid nicht deutsch, ihr seid feige, ihr seid heimtückisch.“

Der Prozess nach einer Serie rechtsextremer Straftaten in Neukölln. Angeklagt sind Sebastian T. (36) und Tilo P. (39). Der eine Ex-NPD-Kader, der andere Ex-AfD-Mitglied. Sie sollen sich spätestens im Januar 2017 dazu entschlossen haben, Brandanschläge auf Autos von zwei Männern zu verüben, die gegen Rassismus, Hass und Gewalt auftraten.

Es waren die Fahrzeuge des Linken-Politikers Ferat Kocak (43) und des Buchhändlers Heinz Ostermann (66), die in der Nacht zum 1. Februar 2018 abgefackelt wurden. Nun wurden Kocak und Ostermann vor Gericht als Zeugen befragt.

Der Politiker, der für die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt: „Der Anschlag ist immer präsent.“ Er sei in der Tatnacht aufgewacht. Es war viel zu hell. Er sah nach – „Flammen schossen mir entgegen“. Er weckte seine Eltern, brachte sie in Sicherheit, griff nach dem Feuerlöscher, ging gegen Flammen am Gebäude vor, kümmerte sich dann um seinen brennenden Smart in der Einfahrt.

Linkspolitiker Ferat Kocak hatte sich gegen Neonazis engagiert

Glück im Unglück. Ein Feuerwehrmann schätzte ein: „Fünf Minuten später und über die Dachdämmung wäre es ganz schnell gegangen.“ Szenen, die nicht aus dem Kopf gehen: „Bis dahin konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich einer solchen Situation ausgesetzt sein könnte.“ Was geschah, hallt nach: „Immer in Alarmbereitschaft sein.“ Bis heute leide er unter Schlafstörungen.

In jener Nacht brannte auch das Auto des Buchhändlers. Im Fall von Heinz Ostermann war es der dritte Anschlag: zweimal – Januar 2017 und Februar 2018 – ging sein Auto in Flammen auf, einmal wurden die Scheiben seiner Rudower Kiezbuchhandlung eingeschlagen. Es sind drei der 72 Taten, die die Behörden der rechtsextremen Serie im „Neukölln-Komplex“ zurechnen.

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Seit 2013 sollen Neonazis Autos von Menschen angezündet haben, die sich gegen rechts engagierten. Scheiben wurden eingeworfen, Naziparolen und Drohungen an Häuserwände geschmiert. T. und P. werden im Prozess zwei abgefackelte Autos vorgeworfen. Sie schweigen. Fortsetzung: Montag.