Karin Tomzik (69) hat mit ihren Pferden Ace, Blue Eye und Robin T. Foto: Sabine Gudath

Mitte Dezember stellte der Bezirk Lichtenberg in einer Videopräsentation das städtebauliche Konzept für das Gelände der Trabrennbahn Karlshorst vor. Hier soll alles schöner werden, Platz für Wohnungen und Gewerbe soll entstehen. Doch einige blicken mit Sorge in die Zukunft. Denn verschwinden soll auch ein Pferdestall – einige Pferdebesitzer müssten dann einen neuen Unterschlupf finden. Aber wo? Das wissen sie nicht.

Eigentlich, sagt Karin Tomzik, habe sie ihr ganzes Leben auf der Trabrennbahn verbracht. Schon als junge Frau fing sie hier ihre Ausbildung an. Heute steht sie im alten Stall am südlichen Zipfel des Geländes, ihre Pferde Blue Eye, Robin und Ace schauen aus ihren Boxen. Tomziks Haar ist ergraut, sie ist inzwischen 69 Jahre alt. „Aber ich bin noch jeden Tag hier“, sagt sie. „Das ist mein Leben. Und nun soll es mir genommen werden.“

500 Wohnungen sind geplant, dazu 44.000 Quadratmeter Gewerbe

Tomzik ist – wie auch andere, die hier seit Jahren ihre Pferde untergebracht haben – verunsichert. Der Grund ist eine Präsentation des Bezirks Lichtenberg, die im Netz zu sehen ist. Hier geht es um Umbaupläne: Das Gelände rund um die Rennbahn soll bald zum neuen Paradies werden. 500 Wohnungen sind geplant, außerdem mehr als 44.000 Quadratmeter Gewerbefläche, eine Kita und Sportflächen. Ziel sei es, die Nutzungsvielfalt zu sichern und zu erhöhen, sozialen Wohnungsbau zu ermöglichen und den Reit- und Pferdesport zu sichern.

Der alte Stall soll verschwinden, wenn das Gelände umgebaut wird. Foto: Sabine Gudath

Vor allem bei Menschen wie Tomzik sorgen die Pläne für Sorgen. Denn: Zwar soll es auf dem Gelände weiterhin Pferdesport geben, aber wohl nicht für alle. In den Entwürfen kommt der große Kompaktstall, in dem Tomzik und andere Pferdebesitzer ihre Tiere teilweise seit Jahren unterstellen, nicht vor. Wird er abgerissen, müssen sich die Pferdebesitzer ein neues Quartier suchen. „Wir haben von den Plänen nur aus dem Internet erfahren“, sagt die 69-Jährige. „Das ist eine Gemeinheit. Denn viele Pferdebesitzer sind betroffen.“

Freie Plätze für Pferde gibt es vermutlich nur außerhalb Berlins

Momentan sei es sehr schwierig, eine neue Unterbringungsmöglichkeit für ein Pferd zu finden. Das gehe vermutlich nur außerhalb von Berlin – und dann werde es teurer als in Karlshorst. „Außerdem wäre es ein riesiger Aufwand, erst mal auf eine Rennbahn zu kommen.“ Denn viele Pferde brauchen eine Bahn zum Trainieren. „Ich kümmere mich zwar nur noch um meine drei alten Pferde“, sagt sie. Eines davon ist Ace, ein ausgemusterter Pferde-Opa, der geschlachtet werden sollte. Gemeinsam mit anderen kaufte sie ihn der Besitzerin ab. „Solange ich krauchen kann, wollte ich mich kümmern.“

Karin Schmidt (59) holt Blue Eye und Robin T von der Koppel, Jens Sidow (46) hat Tigra HS. und Ace an der Führungsleine. Wie lange die Pferde hier noch bleiben können, steht in den Sternen. Foto: Sabine Gudath

Auch Karin Schmidt (59), die mit 14 Jahren zum ersten Mal einen Fuß auf die Rennbahn setzte und später selbst Rennen fuhr, versteht die Entscheidung nicht. Sie kümmerte sich bisher um das Pferd ihrer Tochter, das hier untergebracht ist. „Es interessiert keinen, was man als Pferdebesitzer macht.“ Um die Ecke sitzt Michael Hönemann in seiner Stallstube. Der 61-Jährige ist als Trainer aktiv, betreut acht Pferde. „Ob wir bleiben können, steht in den Sternen“, sagt er. „Falls unsere Pferde hier wegmüssen, ist das schlecht. Die paar Höfe, die es noch gibt, sind besetzt. Und wenn man eine Fläche findet, ist sie völlig überteuert.“

Unsere Kinder brauchen im Reitzentrum keine Therapie, sie wollen auch keine Minitraber werden. Wir wünschen unseren Kindern weiterhin bezahlbaren kindgerechten Reitunterricht.

Kommentar auf der Projekt-Seite im Netz

Dimitrios Vergos, der Geschäftsführer des Pferdesportparks, kann die Unsicherheit verstehen. Allerdings sei das Projekt wichtig, um die Zukunft des Standorts zu sichern. Denn der Pferdesport sei bundesweit defizitär – „und auch wir haben oft selbst Geld reingesteckt oder von Darlehen und Mäzenen gelebt“, sagt er. Das Corona-Jahr habe die Situation verschärft: Rennen seien ohne Besucher abgehalten worden, dadurch seien die Einnahmen aus den Wetten eingebrochen. „Das hat uns sehr getroffen“, sagt Vergos.

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Und auch in anderen Bereichen komme man finanziell nicht „auf einen grünen Zweig“. 2004 seien in den Ställen 170 Rennpferde untergebracht gewesen, heute seien es noch knapp 30. „Es rechnet sich nicht, für diese Zahl den Trainingsbetrieb aufrechtzuerhalten.“ Auch die günstige Miete für die Boxen bringe nicht genug Geld in die Kasse. „Weil wir das als Verein subventioniert haben, weil wir so viele Pferde wie möglich auf dem Gelände halten wollten.“ Zukünftig werde es Anspannboxen geben, in denen die Pferde nur für die Rennen vorbereitet werden. Natürlich könne es sein, dass einige der Leute ein neues Zuhause für ihre Tiere suchen müssen. Konkrete Pläne seien aber noch Zukunftsmusik, die Feinplanung folge erst noch – auch deshalb habe man bisher nicht mit den Betroffenen gesprochen. Die Umgestaltung sei kein kurzfristiges Projekt.

Trainer Michael Hönemann (61) weiß noch nicht, wo er seine Pferde bald unterbringen wird. Foto: Sabine Gudath

Momentan läuft zunächst die Bürgerbeteiligung, es können Anregungen und Fragen zum Konzept eingereicht werden. Einige fürchten demnach um die Zukunft des Reitens. Das Reit- und Therapiesportzentrum, das erst 2019 eröffnete, soll zwar bleiben, außerdem soll es eine Minitraberschule geben. Dazu schreibt eine Familie: „Unsere Kinder brauchen im Reitzentrum keine Therapie, sie wollen auch keine Minitraber werden. Wir wünschen unseren Kindern weiterhin bezahlbaren kindgerechten Reitunterricht.“ Den gab es bisher unter anderem in der Reitschule Klein an der Treskowallee. Auch hier gab es noch keine Gespräche, hieß es auf KURIER-Nachfrage. Man hoffe, dass die Schule auch nach der Neuordnung Bestand hat.

Ein Unfall zwang Karin Tomzik zum Beenden der Renn-Karriere

Auch Karin Tomzik hofft, dass sich etwas dreht, dass sie bleiben kann. Schon in der achten Klasse lernte sie das Reiten, später kam sie an eine Lehrstelle auf der Rennbahn. Auf die Idee, Rennen zu fahren, sei sie aber nie gekommen. „Aber als ich ein Jahr gelernt hatte, sagte mein Lehrausbilder: Jetzt kannst du deine Lizenz einreichen.“ Sie räumte Pokale ab, fuhr in Moskau, Prag und Budapest. Ein Unfall zwang sie vor acht Jahren zum Aufhören. „Einmal bin ich danach noch mit Blue Eye gefahren, dann war es das. Aber die Tiere habe ich noch. Soll ich sie schlachten lassen?“