Das Doppel-Rechenzentrum in Mariendorf.
Das Doppel-Rechenzentrum in Mariendorf. Foto: GL

Unser Hausmüll wird getrennt, dann recycelt, in  Heizkraftwerken verbrannt oder in Kompost verwandelt. Es gibt aber auch unsichtbaren Abfall, dessen Umfang mit der zunehmenden Digitalisierung immer größer wird: Wärme. Sie fällt in Rechenzentren an, von denen es bundesweit – grob geschätzt – 50.000 verschiedenster Größe gibt. Beim neuen, riesigen Doppel-Rechnungszentrum auf dem Gelände des einstigen Gaswerks Mariendorf („Marienpark“) wollen Betreiber NTT und Gasag diese Abwärme künftig in der Umgebung nutzen, zum Beispiel, um Wohnungen und Gewerbe mit Heizung und Warmwasser zu versorgen.

Ein Geschäft mit doppeltem Nutzen für den IT-Riesen NTT und die Gasag

Das Geschäft dabei: Der japanische Konzern NTT muss dann weniger Strom für die Kühlung aufwenden, die Gasag muss Wärme nicht erzeugen und kann so die notwendigen Bauarbeiten finanzieren. Die beiden Unternehmen gehen davon aus, dass der Komplex an der Lankwitzer Straße 2024 oder 2025 Wärme liefert. Einfach die Abwärme ins Fernwärmenetz einspeisen, das funktioniert nicht: Mit 30 Grad erreicht sie nicht einmal ein Drittel von deren Temperatur.

Zuerst sollen 20 Prozent der Abwärme abgeführt werden, was laut dem NTT-Manager Günter Eggers rechnerisch reichen würde, um die 1000 Einfamilienhäuser mit Wärme und Warmwasser zu versorgen. Später soll das um das Vier- bis Fünffache steigen. Zunächst wird muss über einen Wasserkreislauf Wärme über Kühlrippen auf dem Dach abgegeben werden, bei Außentemperaturen über 18 Grad werden Kühlmaschinen angeworfen, die wiederum Strom verbrauchen. 

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Die Größenordnungen sind enorm: Für maximal 24 Megawatt Rechenleistung, die an Kunden vermietet werden, ist das am Donnerstag eröffnete Doppel-Zentrum ausgelegt. Aber auf jeweils 100 Kilowatt Rechenleistung kommen 30 kW für Kühlung und Wärmeabfuhr oben drauf. Das wird laut Eggers in der Branche für vergleichbare Rechenzentren als guter Wert angesehen. Er bedeutet am Ende aber immer noch, dass Strom zu einem beträchtlichen Teil nur für die Kühlung aufgewendet werden muss. Wird Wärme unter anderem in Wohnungen abgeleitet, schrumpft der Strombedarf. 

Gunnar Wilhelm, der Geschäftsführer der Gasag-Tochterfirma Gasag Solution Plus: „Der Investor des Marienparks ist bereits dabei, die Versorgungsleitungen auf dem Gelände zu bauen.“ Dort befinden sich unter anderem Discounter- und Post-Verteilzentren und die Brauerei DogTap mit ihrer Gastronomie. Wilhelm kann sich auch vorstellen, dass innerstädtische Gemüse-Produzenten („Urban Farming“) ihre Gewächshäuser heizen könnten. Fragt also jemand über sein Handy den Wetterbericht ab, macht das Wärme im Rechenzentrum und die Gurken wachsen schneller ...

Abwärme des Rechenzentrums macht Wärmepumpen effektiver

Zentral sei jedoch die Versorgung von Wohnungen und Gewerbe. Mit der Abwärme des Rechenzentrums (die Wärmetauscher stehen schon), könnten dezentrale Wärmepumpen viel effektiver arbeiten als die Luft-Wasser-Wärmepumpen, die ihre Energie aus der Luft holen und mit sinkender Außentemperatur immer mehr Strom verbrauchen.

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Neben dem Rechenzentrum ragen die drei Schlote der Notstromaggregate auf.
Neben dem Rechenzentrum ragen die drei Schlote der Notstromaggregate auf. Foto: GL

Das Doppel-Rechenzentrum mit einer Datenverarbeitungsfläche von zusammen knapp 10.000 Quadratmetern, das um ein Gebäude ähnlicher Größe erweitert werden soll, ist der zweite Standort von NTT in Berlin nach „Berlin 1“ an der Nonnendammallee. Bundesweit betreibt das Unternehmen 28 Rechenzentren an zehn Standorten. „Berlin 2“ soll in ein bis zwei Jahren voll in Betrieb sein, bislang sind nach Angaben von NTT dort drei Viertel der Kapazität vermietet.

Rund 50 Mitarbeiter hat die mit drei Notstrom-Anlagen versehene Einrichtung, dazu würden laut NTT regelmäßig etwa ebenso viele Mitarbeiter der Kunden in den außen mit hohen Zäunen samt Stacheldraht und innen mit Personenschleusen gesicherten Komplex kommen. Über die Baukosten schweigt NTT, es dürften aber deutlich weit über 200 Millionen Euro sein.

Berlin ist nach Frankfurt/M. der zweitwichtigste Standort für Rechenzentren

In Berlin gibt es ein gutes Dutzend großer Rechenzentren. Bundesweit ist die Stadt nach Frankfurt/M., das etwa die Hälfte der bundesweiten Kapazitäten beherbergt, der zweitgrößte Markt. Laut Günter Eggers wächst der Berliner Markt wegen der vielen Start-Ups und dem Bedarf der öffentlichen Verwaltung. Außerdem wollten die Kunden  angesichts wegen weltpolitischer Spannungen Risiken mindern, die aus der Zusammenballung der Rechenkapazitäten entstehen könnten.

Bitkom, der Bundesverband Informationsmedien, rechnete zuletzt wegen der zunehmenden Auslagerung von Rechenleistungen („Cloud Computing“) durch Firmen bis 2025 mit einem Wachstum der Kapazitäten in Rechenzentren von 20 Prozent gegenüber 2021. Die gegenwärtigen Kostensteigerungen bei Strom hätten laut NTT nur geringe Auswirkungen auf die Nachfrage. Zur Einordnung: 2019 errechnete Bitkom einen Strombedarf aller deutschen Rechenzentren von zwölf Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, was dem Verbrauch von ganz Berlin entspreche.