Wolfgang Kase (l.) und Marcel Chatron vor dem Erbgrab ihrer Vorfahren.  Foto: Anne Schäfer-Junker

Marcel Chatron und Wolfgang Kase stehen stehen fassungslos vor dem Grabmal ihrer Vorfahren auf dem IX. Friedhof in Französisch-Buchholz. Der Zaun, der die Grabstelle umfasste, ist weg, eine grüne Markierung ist auf den Sockel gesprüht. Die Gräber nebenan sind dem Erdboden gleich, der Boden ringsum aufgewühlt.

Hier haben in den letzten Tagen Bagger gewütet. Die Mauer auf dem Friedhof am Rosenthaler Weg, die aus historischen Erbgräbern, teils opulent ausgestaltet, besteht, muss abgerissen werden. Sie ist nicht mehr standsicher, heißt es vom Grünflächenamt. Doch informiert wurden die Buchholzer über den drastischen Schritt nicht.

Mehrere Dutzend Menschen haben sich an diesem nasskalten Donnerstagmorgen auf dem Kirchhof eingefunden, sie wollen nicht hinnehmen, dass das kulturelle Erbe des Orts, an dem einst Hugenotten siedelten, nun zerstört wird. Dort, wo die Straßen die Namen derer tragen, deren Ruhestätten nun niedergerissen werden, regt sich Protest.

Ein Zeichen des Protests an einem der Grabmale. Über 60 Meter Mauer sollen weg.  Foto: Stefanie Hildebrandt 

„Am Montagfrüh hat mich eine Bürgerin angerufen“, sagt Anne Schäfer-Junker die Ortschronistin in Buchholz. „Wir müssen was machen, sagte sie, die reißen die Mauer ab.“ Spontan wird eine Mahnwache organsiert. Auf die herumliegenden Steinbrocken und Hügel stellen die Buchholzer Kerzen und versuchen, ihrem Ärger darüber, übergangen worden zu sein, Gehör zu verschaffen.

In der Bezirksverordnetenversammlung erwirken sie einen einstimmigen Beschluss über einen vorläufigen Baustopp. Doch der kommt zu spät. Obwohl sich Buchholzer wie Lars Bocian, Mitglied im Bürgerverein den Baggern persönlich entgegen stellen, tun diese, was laut Amtsorder getan werden soll.

Bis auf zwei kleinere Segmente ist ein Großteil der ursprünglichen Mauer nun abgetragen. Nur wenige Teile aus Sandstein oder Granit liegen an der Seite. Sie sollen, so eine Mitarbeiterin des Grünflächenamtes beim Ortstermin, später in einer neuen Begegnungszone auf dem Friedhof integriert werden. Sandsteinblöcke könnten dann als Sitzelement, Bruchstücke aus Granit als Wasserschalen dienen. Nicht wenige, die hier öfter herkommen, finden das nicht angemessen.

Erbe der Hugenotten prägt Französisch-Buchholz noch heute

Die Chatrons, die Mathieus, die Cunis, die Guyots und wie sie alle heißen, prägen das Ortsbild von Buchholz bis heute, auch ihre Nachfahren leben noch hier. „Französisch Buchholz ein Dorf mit französischem Flair, aber von märkischer Derbheit“, heißt es in der Dorfchronik über die  Ansiedlung der Hugenotten – Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, denen als Protestanten der Verlust ihres Hab und Gutes und ihres Lebens angedroht wurde, wenn sie sich nicht zur katholischen Kirche rückbekennen würden.

Mit ihnen entwickelte sich Buchholz zu einem prosperierenden Ort. Die 17 französischen Familien, die wegen ihres Glaubens die Heimat verlassen hatten, stellten gegen 1688 ein Drittel der Bevölkerung.

Die Bürger organisierten spontan eine Mahnwache in Französisch-Buchholz, als sie zufällig von dem Abriss auf dem Friedhof erfuhren. Foto: privat

Die Chatrons leben noch heute in der Nähe und sind richtig sauer. Wir dachten, dass die Grabstätte unter Denkmalschutz steht, sagt Wolfgang Kase. Auch andere Buchholzer, die regelmäßig zum Friedhof kommen sind entsetzt. „Wir waren begeistert, als wir herzogen und haben überlegt, ob man nicht so ein Erbgrab kaufen könnte“, sagt eine Besucherin. Es werde immer über Bürgerdialog geredet und dann werde man vor vollendete Tatsachen gestellt, wirft Anwohner Manfred Meisel ein. „Hier wird Geschichte vernichtet.“

Interesse an den Gräbern war für das Amt nicht ersichtlich

Andreas Johnke, der Leiter der Grünflächenamtes in Pankow stellt sich den Einwänden, versucht sich in Schadensbegrenzung. Die Mauer bereite schon länger Probleme, ein Gutachten habe im April zwei Optionen dargelegt: die angrenzende Straße sperren oder der Rückbau der Grabmale. „Es entstand unmittelbarer Handlungsdruck“, so Johnke. Aus Geldmangel sei nur ein Rückbau in Frage gekommen, nicht aber eine kleinteilige Sicherung. Und so rückten die Bagger an. Es sei nicht erkennbar gewesen, dass es an den Gräbern ein „lebendiges Interesse“ gegeben habe, so Johnke weiter.

Warum es aber seit April nicht gelang, die Bürger vor Ort ins Boot zu holen, dafür gibt er keine Erklärung. Dies sei unglücklich gelaufen. Dabei hätten die Buchholzer durchaus Ideen gehabt, wie man gemeinsam etwas bewegen könnte. Die Pfarrerin der Gemeinde hätte sich gewünscht, dass man gemeinsam Ideen entwickeln hätte können, eine Spendenaktion starten. „Nun ist der Vertrauensbruch da“, sagt Susanne Brusch.

Die Bagger gehen nicht zimperlich mit den alten Sandsteinen um. Buchholzer Bürger versuchten, sie noch aufzuhalten.  Foto: privat

„In anderen Zusammenhängen würde man hier von Vandalismus sprechen“, sagt der ehemalige Pfarrer Martin König. „Ein Friedhof ist identitätsstiftend für einen Ort.“ Er erwarte eine Entschuldigung bei den Bürgern von Buchholz. Absolute Transparenz und dass man bei allen weiteren Schritten mitgenommen werde, sei das Mindeste. Innerhalb von wenigen Stunden haben bereits 250 Anwohner einen Antrag zum Wiederaufbau der Mauer mit den nicht zerstörten Teilen unterschrieben.

Auf verschiedenen Berliner Friedhöfen können Interessierte eine Patenschaft für erhaltenswerte Grabmale übernehmen.  www.berliner-grabmale-retten.de