Die Arbeiten am Riesenrad beginnen. Hier wird die erste Gondel ausgehängt. Foto:  Frank Sperling

Wie man ein 31 Jahre altes, 45 Meter hohes, 220 Tonnen schweres Riesenrad mit 40 bushaltestellengroßen Gondeln zerlegt, ist seit Freitag im nördlichen Teil des Plänterwalds zu beobachten. Wenngleich der Blick auf die Baustelle freilich etwas verstellt ist. Durch den kletterunfreundlichen Zaun, der das 23 Hektar große Spreepark-Areal seit Jahren vor Vandalismus schützen soll. Aber auch durch die fabelhafte Wildnis, die diesen Ort zu einem verwunschenen gemacht hat. Zu einem „Lost Place”, wie es im Pseudoanglizismus so schön heißt.

Zwei Kräne braucht es jedenfalls dafür und viele erfahrene, geschickte Hände, damit das rote Relikt bei der Demontage keinen Schaden nimmt. Damit das legendäre Fahrgeschäft, das auch als ein Monument deutsch-deutscher Geschichte betrachtet werden kann, nach einer umfassenden Sanierung und einem anschließenden Neuaufbau im Jahr 2024 wieder Menschen über die Baumwipfel hinweg tragen kann. Das Riesenrad als Eye-Catcher, als Publikumsmagnet, als Zentrum einer neuen Erlebnis- und Erholungslandschaft, die dann im Jahr 2026 in Gänze fertiggestellt sein soll. Das ist der Plan, der umstritten war und ist, aber nach einem langjährigen Prozess der Bürger-Partizipation doch umgesetzt wird.

Christoph Schmidt, Geschäftsführer von Grün Berlin, beim Rundgang zum Auftakt der Sanierungsplanungen für den Spreepark.
Foto: Engelsmann

Schon am Donnerstag hatte die landeseigene Grün Berlin GmbH zu einer digitalen Pressekonferenz geladen. Als Referenten traten dabei Christoph Schmidt und Christian Pfeuffer in Erscheinung. Schmidt als Chef der landeseigenen Unternehmensgruppe, die in der Stadt zahlreiche Parks und Freiräume, aber auch etwa 100 Gebäude bespielt und bewirtschaftet, Pfeuffer wiederum als verantwortlicher Projektleiter für den ambitionierten Relaunch des Spreeparks. Beide wirkten aufgeregt und erleichtert zugleich, weil bei der Neugestaltung des ehemals populärsten Freizeitparks der DDR endlich auch im Kernstück ein Anfang gemacht wird. Sie haben nach zähem Kampf zumindest ein Etappenziel erreicht.

„Das Riesenrad“, so Schmidt, „ist eine besondere Ikone innerhalb des Spreeparks, geschätzt und bekannt, seit 1989 steht es da. Und für uns war relativ schnell klar, dass wir mit dem Riesenrad, aber auch mit all den anderen besonderen Hinterlassenschaften dieses ehemaligen Vergnügungsparkes ganz besonders umgehen müssen.“ Ein toller Prozess sei da in Gang gesetzt worden, fügte er an, beim dem nun Ingenieure und Künstler Hand in Hand zu Werke gehen sollen. Welche Künstler sich mit dem Thema „Riesenrad“ beschäftigen dürfen, ist allerdings noch unklar, ein Gremium wird in naher Zukunft über die Besetzung des kreativen Kreises entscheiden.

Das alte Riesenrad des ehemaligen Freizeitparks „Spreepark“ ist längst eines der Wahrzeichen Berlins. Foto: dpa/Gregor Fischer

Pfeuffer hingegen schilderte grob einen Ablaufplan der Sanierungsarbeiten, driftete dabei mitunter in die Fachbegrifflichkeit ab, sodass man sich als Zuhörer gleich mal in einer Vorlesung zur Einführung ins Bauingenieurwesen wähnte. Nach dem Rückbau der Gondeln, Kränze und Stützen werde man sich der Materialprüfung widmen, so Pfeuffer. Dabei käme es erst mal zu einer „Sichtprüfung der einzelnen Bauteile“, dann zu „Magnetpulverprüfungen“ und einer tiefergehenden Prüfung mittels „Ultraschallverfahren und Röntgenaufnahmen“. Im finalen Prüfverfahren müssten dann womöglich „bestimmte Prüfkörper entnommen“ werden, „die über bestimmte Zug- und Biegeprüfverfahren“ noch einmal einer Prüfung unterzogen werden müssten. Und, na klar, „der TÜV wird auch mit dabei sein“.

Beim Rückbau stehe man zeitlich etwas unter Druck, bis Ende Februar müsse man damit fertig sein, denn im März würde im Plänterwald die Brutzeit beginnen. Ja, auch das noch, Pfeuffer erklärte: „Wir haben eine ökologische Plan- und Baubegleitung, die uns in diesem Zusammenhang berät und vor Ort auch tätig ist.“ Und die Kosten für die Demontage des Riesenrads? Schmidt antwortete: „Dafür haben wir vier Millionen Euro veranschlagt.“ Was aus dem Kreis der zugeschalteten Journalisten eine doch sehr kecke Frage zur Folge hatte: „Wäre es nicht besser gewesen, einfach ein neues Riesenrad zu kaufen?“

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Doch Altes einfach so durch Neues zu ersetzen, ist in diesem Fall tabu. Hier soll unter dem Titel „Kunst, Kultur, Natur“ eine attraktive, gleichwohl auch nachhaltige Feelgood-Oase für Stadtmenschen geschaffen werden, in der Altes mit Neuem verquickt wird. Schmidt spricht von einem „Gesamtensemble“, samt „Eierhäuschen“, das mit seiner Gastronomie bereits 2022 eröffnet werden soll, samt „Werk- und Merohalle“ und so fort. Gemäß dem Motto: vergesst die Vergangenheit nicht, wenn ihr Zukunft gestaltet. Ein hehrer Anspruch ist das, der mit einer stolzen Gesamtinvestitionssumme von 70 Millionen verfolgt werden darf. Wäre es da nicht besser gewesen, der Natur freien Lauf zu lassen? In diesem Fall lautet die Antwort ausnahmsweise: Nein!