Die  entführte „Landshut“ nach der Landung in Mogadischu (Somalia). Foto: dpa/picture-allianz

Sie ist ein Symbol im Kampf gegen den Terror. Die Lufthansa-Maschine „Landshut“, die im Oktober 1977 mit 91 Passagieren an Bord von palästinensischen Terroristen entführt wurde, um in Deutschland inhaftierte Mitglieder der Roten-Armee-Fraktion (RAF) freizupressen. Nach einem Irrflug von fünf Tagen, bei dem der „Landshut“-Kapitän Jürgen Schumann erschossen wurde, stürmte die Spezialeinheit GSG 9 im somalischen Mogadischu den Flieger, befreite die Geiseln.

Die Bundesregierung plant bereits seit drei Jahren, das Wrack der „Landshut“ als musealen Gedenkort einzurichten, um an die die Ereignisse vor 43 Jahren zu erinnern. Umgesetzt wurde bisher nichts. Stattdessen wird heftig debattiert und gestritten, wo die Maschine  nun stehen soll. Möglicherweise könnte sie in Tempelhof landen. Denn der ehemalige Flughafen Tempelhof wird als Standort für die „Landshut“ geprüft.

Mit abmontierten Tragflächen und Leitwerken steht die Lufthansa-Boeing seit drei Jahren im Hangar des Dornier-Museums.  Foto: dpa

Federführend in der Standortsuche ist die Behörde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Auch wenn man dort eine Ausstellung in Tempelhof „nicht als zeitnah zu realisierende Lösung“ einschätzt, werde dennoch die Option gerade geprüft. „Die Bundesregierung untersucht derzeit verschiedene Standorte, an denen eine ‚Landshut‘-Ausstellung langfristig realisiert werden kann“, sagt ein Sprecher der Kulturstaatsministerin dem KURIER. Voraussetzung für jede Lösung sei unter anderem eine geeignete museale Anbindung der Ausstellung vor Ort und das Einverständnis des Standort-Betreibers.

Dieser ist im Fall des ehemaligen Flugplatzes die landeseigene Tempelhofer Projekt GmbH. Geschäftsführerin Jutta Heim-Wenzler verweist auf das im August vom Senat beschlossene Entwicklungskonzept, das auch eine museale Nutzung des einstigen Flughafengebäudes vorsieht. So soll nach 2026 das Zehlendorfer Alliierten-Museums in den Hangar 7 einziehen. Für den Hangar 6 ist eine Außenstelle des Deutschen Technikmuseums Berlin geplant. „Aus unserer Sicht spricht nichts gegen eine Unterbringung der ‚Landshut‘ in einem dieser Museen“, sagt Heim-Wenzler dem KURIER. „Allerdings ist das die Sache des jeweiligen Museumsbetreibers, dies zu entscheiden.“

Der Hangar 6 am einstigen Flughafen Tempelhof, in dem die „Landshut“ gezeigt werden könnte. Auf dem Rollfeld steht bereits ein einstiger Rosinenbomber. Foto: imago images/Wiedensohler

Tempelhof könnte schon daher für die „Landshut“-Boeing in die engere Wahl kommen, weil die Behörde der Kulturstaatsministerin Grütters jüngst mit der Untersuchung eines anderen Berliner Standortes heftig in die Kritik geriet – dem Militärhistorischem Museum der Bundeswehr in Gatow. Für die Prüfung wurde das Verteidigungsministerium beauftragt. Diese sei noch nicht beendet, teilt die Behörde offiziell mit. Nach Informationen dieser Zeitung hat sich das Verteidigungsministerium bereits festgelegt und will offenbar keine Empfehlung für Gatow abgegeben. Das liegt nicht nur an den enormen Kosten, die auf zehn Millionen Euro geschätzt werden – unter anderem für den Transport der „Landshut“ nach Berlin und dem Aufbau einer neuen Halle für die Ausstellung.

Laut einem „Spiegel“-Bericht habe auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) schwere Bedenken, die „Landshut“ im Gatower Bundeswehrmuseum zu zeigen und sperrt sich offenbar dagegen. Auslöser sei ein Brandbrief, den Historiker und ehemalige Geiseln der Ministerin schrieben. Darin baten sie Kramp-Karrenbauer, eine Empfehlung für Gatow nicht zu unterschreiben: „Bitte degradieren Sie den Erinnerungsort ‚Landshut‘ nicht zu einer politischen Gefälligkeit gegenüber Ihrer Kabinettskollegin Grütters.“ Die Verteidigungsministerin nehme die Bedenken der ehemaligen Geiseln sehr ernst, heißt es aus Kreisen des Ministeriums.

Eine der Unterzeichner des Schreibens ist Gabriele von Lutzau. Die heute 66-jährige Künstlerin aus dem hessischen Odenwald war damals eine der Stewardessen der „Landshut“. „Engel von Mogadischu“ wurde sie wegen ihres resoluten Auftretens gegenüber den Geiselnehmern genannt, bekam das Bundesverdienstkreuz verliehen. „Ich würde sofort nach Berlin reisen und mich aus Protest am Zaun vor dem Verteidigungsministerium anbinden, sollte die ‚Landshut‘ nach Gatow kommen“, sagt sie am Telefon dem KURIER. „Was hat denn ein Militärmuseum mit unserer Geschichte zu tun? Die Bundeswehr hat uns nicht befreit. Das war die die Polizei-Eliteeinheit GSG9.“ Dass man überhaupt dieses Museum in Erwägung ziehe, sei für Gabriele von Lutzau ein Unding. „Der Umgang des Bundes mit dieser Thematik zeigt, dass die Opfer des damaligen Terrors in Deutschland nicht richtig wertgeschätzt werden.“

Am 23. September 2017 kommt die „Landshut“ zurück nach Deutschland. Eine russische Antonow landet mit dem Wrack der Boeing in Friedrichshafen. Foto: imago images/Mainka

Die Geschehnisse aus der Jetztzeit um die „Landshut“ verfolgt die einstige Stewardess seit 2017 sehr genau. Seit jenem Jahr, als die ausgemusterte Boeing 737 vom Historiker Martin Rupps in Brasilien entdeckt wurde, wo die Maschine noch als Transportflieger im Einsatz war. Mit Hilfe des damaligen Außenministers Sigmar Gabriel (SPD) wurde die demontierte „Landshut“ im Bauch einer russischen Frachtmaschine vom Typ Antonow 124 nach Friedrichshafen geflogen. Im dortigen Dornier-Museum sollte mit Unterstützung der Bundesregierung das Flugzeug restauriert werden, dann als Erinnerungs- und Ausstellungsort an den RAF-Terror erinnern. „So steht es sogar im Koalitionsvertrag“, sagt Gabriele  von Lutzau. „Und was ist passiert – nichts!“

Das neue „Landshut“-Drama fing in Friedrichshafen an. Experten von Kulturstaatsministerin Grütters mussten sich auf die Suche nach einem neuen Standort machen, „da der Fortbestand des Dornier-Museums über das Jahr 2025 nicht gesichert ist“, sagt ein Sprecher. Die Suche gestalte sich sehr schwierig. „Statt das Flugzeug der Öffentlichkeit zu zeigen, lagert es nun weiter in einem Hangar in Friedrichshafen“, sagt Gabriele von Lutzau. Die Suche und die Debatten um Standorte zeigten nur, dass der Bund nicht wirklich ein Interesse an einer Erinnerungsstätte hätte, sagt sie. „Das ganze Gezerre ist gegenüber den ehemaligen Geiseln einfach nur unwürdig.“

Der damalige Kanzler Helmut Schmidt zeichnet Stewardess Gabriele von Lutzau mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Foto: imago images/Simon

Die „Landshut“ sei ein Teil ihrer Geschichte, die man niemals vergessen dürfe. „Ich war damals 23. Wir alle, ob Crew-Mitglieder oder Passagiere, hatten den möglichen Tod vor Augen“, sagt Gabriele von Lutzau, die durch Splitter einer Granate, die die Terroristen in die Kabine warfen, am Bein getroffen und verletzt wurde. „Nicht alle Überlebenden hatten die Stärke, das Geschehene schadlos zu verarbeiten. Ich weiß von Ehen, die zerbrochen sind. Andere haben sich totgesoffen. Entschädigungen oder psychologische Betreuung seitens des Staates gab es damals nicht. Eine Frau, bei der die Terroristen schon die Pistole am Kopf hielten, um Kerosin für den Weiterflug zu erpressen, hatte sich später hoch verschuldet, weil sie die Kosten für eine Therapie selber bezahlen musste.“

Gabriele von Lutzau vor der „Landshut“-Boeing in Friedrichshafen. Die einstige Stewardess und Geisel kämpft dafür, dass die Maschine als Gedenkort und Museum künftig in Tempelhof steht. Foto:  imago images/Eibner

Ein Museum, das an die Geschehnisse des „Deutschen Herbstes erinnern, sei wichtig. „Abgesehen von einigen Sonderschauen gibt es so etwas in Deutschland bisher nicht“, sagt Paula Lutum-Lenger, Direktorin des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg und Vorsitzende des Landshut-Beirates, der den Bund bei der Umsetzung der „Landshut“-Ausstellung wissenschaftlich berät. Die noch lebenden ehemaligen „Landshut“-Geiseln, andere RAF-Opfer oder deren Angehörige und Nachfahren bräuchten einen Ort seitens der Gesellschaft, „der ihnen zeigt, wir vergessen eure Geschichte nicht“. Trotz der langen Standortsuche: „Der Bund muss schnell ein Zeichen setzen“, sagt Paula Lutum-Lenger. Und das wäre für die ehemalige „Landshut“-Stewardess Gabriele von Lutzau ein schnelles Bekenntnis für Tempelhof. „Ich wüsste keinen besseren und würdigeren Ort.“