Layali Jafaar ist in ihrem Element. Sie kocht im Kreuzberger Himmel.


Foto: Christian Schulz  

In Wim Wenders „Himmel über Berlin“ gibt es nur zwei Engel, im Kreuzberger Himmel gleich ein gutes Duzend. In dem überirdisch herzlichen Restaurant in der Yorkstraße ist Platz für Muslime, Christen, Hindus und Juden. Geflüchtete Menschen aus derzeit elf Nationen arbeiten hier zum einen daran, ihre Gäste mit arabischen Köstlichkeiten zu beglücken, zum anderen aber auch an ihren ganz persönlichen Erfolgsstorys.

Seit dem Corona-Lockdown sorgen Layali, Mazi, Maria, Bakri, Othman und all die anderen außerdem mit kostenlosem Essen auch für die Obdachlosen und Armen in der Stadt. Doch eines stößt den unermüdlichen Machern in der Krise gehörig auf. Wo sind Politik und Wirtschaft? Wo ist ihr Anteil?, fragen sie und demonstrieren am Wochenende für ein Ende des Wegduckens.

Vor dem Brandenburger Tor wollen sie eine große Tafel mit knallroten Papptellern aufstellen, um zu zeigen, was unbezahltes Engagement möglich gemacht hat. 60 Tische mit 130 Metern Länge, jeder der Pappteller steht symbolisch für das Essen, das seit März kostenlos an Berliner Obdachlose ausgegeben wird. Über 8700 Mahlzeiten wurden an Bedürftige verteilt, seit behördliche Anordnungen die Versorgung von einem Tag auf den anderen verboten. „Wir machen das jetzt einfach“, hatten im März die Mitarbeiter gesagt, bis heute geben sie um die 100 Portionen am Tag  aus. 

Ob er sauer sei, weil so wenig Unterstützung aus der Politik kommt? Andreas Tölke schnaubt. „Sauer wäre eine absolute Untertreibung“, sagt er. „Seit fünf Jahren leisten wir Unterstützung für Geflüchtete. Dass der Support aus der Politik da spärlich läuft, ist schon erschütternd genug. Aber dass sich Geflüchtete und Obdachlose jetzt in der Corona-Krise zusammentun müssen, damit überhaupt was läuft, ist zum In-Grund-und-Boden-Schämen. Ohne privates Engagement passiert einfach viel zu wenig“, sagt Andreas Tölke.

Proaktives Handeln, Ideen, wie man notwendige Angebote für die Ärmsten in Corona-Zeiten anders regeln könnte, dies alles fehlte völlig.  Wenn Initiativen wie seine oder die von „Moabit hilft“ der Verwaltung nicht ständig hinterherrennen würden, passierte gar nichts. „Wir sitzen das aus“, so sei die Mentalität in vielen Verwaltungen. Dysfunktional sei diese, so sein vernichtendes Urteil.

Andreas Tölke und Geschäftsführer Bakri. 

Foto: Christian Schulz

Tölke, der erfolgreiche Lifestyle-Journalist, ist der Initiator des Kreuzberger Himmels und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Be an angel e.V.“ Dessen erklärtes Ziel: Begegnungen schaffen, vernetzen, Menschen auf ihren Weg bringen – das machen sie seit 2015. „Ich habe immer gedacht, dass ich wahnsinnig viel von dieser Welt nehme und wenig zurückgebe“, hat Tölke einmal im Interview mit der Taz gesagt. Das ist anders, seit er und seine Mitstreiter Hunderte Geflüchtete in ihren Wohnungen beherbergten und sich bis heute für jeden Einzelnen ins Zeug legen.

Für Layali Jafaar  etwa, die vor ihrer Flucht in Bagdad einen Cateringservice für Hochzeiten und Geburtstagsfeiern betrieb. Oder für Othman Achiti, der in Damaskus ein Restaurant mit 25 Mitarbeitern führte. Auch Bakri hat hier im Kreuzberger Himmel eine Aufgabe gefunden. In Aleppo war er Rechtsanwalt, nun hat er als Restaurant-Manager alle und alles im Blick.

Afghanen und Syrer, erzählt Tölke, sind etwa so unterschiedlich wie Italiener und Japaner. Klar, dass es da auch manchmal knallt. Das Paradies ohne Konflikte ist der Himmel nicht. Doch dann reden sie und raufen sich zusammen und lernen. „Jeder, der hier rausgeht, ist ein Botschafter in seiner Community“, sagt Tölke. Von der Hochzeit zweier Männer, die im Kreuzberger Himmel gefeiert wird, bis zum kurzen Kleid der Frau, die Kibbeh bestellte, oder dem Feierabendgespräch über Onanie: die Herausforderungen zum Wachsen bekommen Lehrlinge hier gratis.

Und das Gefühl, dass sie es sind, die jetzt etwas geben können. Sei es ein köstliches Mahl für gestresste Berliner Büromenschen oder die einzige warme Mahlzeit am Tag für Bedürftige.

Grafik: BK/Hecher

„Wir wollen sehr gern etwas zurückgeben und denen helfen, die es brauchen“, sagt Layali Jafaar, als sie in der kleinen Küche Paprika schneidet. „Sehr gern. Denn als wir nach Deutschland kamen, brauchten wir auch Hilfe und wir bekamen sie. Jetzt sind wir dran.“ Also kochen sie weiter sieben Tage die Woche Nudeln, Reis mit Gemüse, Hähnchen und Hackfleisch. Und liefern es an die Partner von Obdachlosen-Initiativen. An die Koordinierungsstelle der Berliner Kältehilfe, die Bahnhofsmission am Ostbahnhof, die Tagesstätte Seeling Treff, die Diakonie Tee- und Wärmestube Neukölln, an die Emmaus-Ölberg-Kirchengemeinde, den Fixpunkt e.V. Standort Kotti und die Notübernachtung in der Storkower Straße. Wer genau hinsieht, findet Spuren der Kreuzberger Engel in der ganzen Stadt. Und wer selber einer sein will, der spende an den Verein beanangel.direct oder gehe einfach in der Yorkstraße essen. www.kreuzberger-himmel.de