In der überwiegenden Zahl der Fälle muss ein Kind, das in einer Rettungsstelle untersucht wird, nicht im Krankenhaus aufgenommen werden.
In der überwiegenden Zahl der Fälle muss ein Kind, das in einer Rettungsstelle untersucht wird, nicht im Krankenhaus aufgenommen werden. dpa/Christian Charisius

Der landeseigene Klinikkonzern Vivantes hat die Kassenärztliche Vereinigung Berlin angesichts der vielen Atemwegserkrankungen wie RSV aufgefordert, die Kinder-Notdienstpraxis in seinem Krankenhaus Neukölln auch am Mittwoch und Freitag zu betreiben. An beiden Tagen seien etliche Praxen mindestens nachmittags geschlossen.

Im Gegensatz zu allen anderen Berliner Kinder-Notdienstpraxen der KV gibt es freitags in Neukölln keine Sprechstunden, sagte Vivantes-Sprecher Christoph Lang dem KURIER.  Aktuelle Zahlen belegten aber, dass die Notdienstpraxis dem Krankenhaus große Mengen von Patienten abnehmen könne. Falls sie auch mittwochs und freitags öffne, werde die Zahl noch weiter steigen und die Klinik so entlastet werden.

Bis zum 22. November, also während des Anstiegs der Ansteckungszahlen mit dem RS-Virus, waren in der rund um die Uhr und sieben Tage die Woche geöffneten Rettungsstelle 2022 fast 22.000 Kinder vorgestellt worden. Nur 1918 wurden stationär aufgenommen, 152 mussten in andere Krankenhäuser verlegt werden.  Das waren zusammen keine zehn Prozent.

Von den 21.968 vorgestellten Kindern waren an Wochenenden und Feiertagen 4548 in der Notdienstpraxis betreut worden, also mehr als ein Fünftel. 

Nur ein kleiner Anteil kranker Kinder muss stationär aufgenommen werden

Lang erklärte angesichts dieser Zahlen, dass ein Großteil der kleinen Patienten in der Kindernotaufnahme keiner stationären Behandlung bedürfen und laut Sozialgesetzbuch V (§ 75) von der ambulanten haus-und fachärztlichen Versorgung durch Kassenärzte übernommen werden müssten.

Weil die Rettungsstelle vor allem mittwochs und freitags stark beansprucht sei, wenn die Praxen geschlossen sind, habe die Leitung des Klinikums Neukölln gemeinsam mit dem Chefarzt der Kinderklinik, Professor  Klemens Raile, der KV einen Brief geschrieben. Darin wird gebeten, an diesen Tagen jeweils von 14 bis 22 Uhr die Notdienstpraxis in der Kinder-Rettungsstelle zu besetzen, „damit die Ärzte und Pflegekräfte in der Rettungsstelle sich besser den schwer kranken Kindern widmen können, die stationär aufgenommen werden müssen“. 

Man sei mit der KV zu dem Thema im Gespräch, erklärte Lang, angesichts der Belastung des Gesundheitssystems müssten ambulanter und stationärer Bereich die Kräfte bündeln. Sollten sich keine niedergelassenen Kinderärzte für die beiden Tage finden, könne Vivantes sie selbst stellen: „Unsere Chefärzte sagen, es gebe ausreichend viele.“

Kassenärztliche Vereinigung soll zahlen

Die KV müsse deren Einsatz dann aber wegen ihres gesetzlichen Sicherstellungsauftrags bezahlen oder mindestens in Vorleistung gehen, bis die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angekündigte Entfernung der Budget-„Deckels“ wirksam werde. Also Kinderärzte über ihr festgelegtes Budget hinaus für Behandlungen hinaus voll bezahlt werden.

Der personelle Engpass bestehe bei den Spezialisten der Kinderkrankenpflege, nicht bei den Ärzten. Das führe dazu, dass nicht alle Betten in den Kinderstationen betrieben werden könnten. Man habe gegenwärtig zwölf junge Leute in der Ausbildung, die Kinderkrankenschwester beziehungsweise -pfleger werden wollen. Die  finanziellen Aussichten seien gut: Nach der dreijährigen Ausbildung steigen sie bei Vivantes mit einem Bruttogehalt von rund 3800 Euro ein.

Zusätzlich bittet Vivantes Medizinstudenten, sich zu melden, um auf den Stationen zu helfen.

Tarifvertrag verschafft überlasteten Pflegekräften mehr Freizeit, aber ...

Der personelle Engpass soll laut Lauterbach auf den Kinderstationen zwar dadurch verringert werden, indem die Krankenkassen nicht mehr überprüfen, dass die gesetzlichen Personaluntergrenzen auf den Stationen eingehalten werden. Dann kann es auch keine finanziellen Kürzungen wegen fehlenden Personals mehr geben.

In Berlin jedoch gilt bei Vivantes und der Charité zusätzlich ein Tarifvertrag, der ein bestimmtes Verhältnis von Pflegekräften und Patienten vorschreibt. Wird es in einer Schicht nicht eingehalten, erwerben die darin eingesetzten Beschäftigten einen Freizeitausgleich, was dazu führen kann, dass es später zusätzliche Personallücken gibt.

Wann muss man mit dem Kind ins Krankenhaus?

Erfahrungsgemäß muss nur ein kleiner Anteil der kranken Kinder, die in einem Krankenhaus vorgestellt werden, dort stationär aufgenommen werden. Eltern wissen aber gerade jetzt in aller Regel nicht, ob ihr hustendes Kleinkind in eine Klinik gebracht werden muss, weil es möglicherweise die gerade für Säuglinge potenziell lebensbedrohliche Atemwegserkrankung durch das RS-Virus erleidet.

Dr. Mikosch Wilke ist Oberarzt der Pädiatrischen Intensivmedizin im Vivantes Klinikum Neukölln und sagt: „Die Symptome ähneln denen der Grippe. Ein Klinikbesuch ist besonders für Babys und Kleinkinder mit schweren Symptomen ratsam. Bei schweren Verläufen kommt es zu bläulichen Verfärbungen der Haut oder Lippen, Atembeschwerden und starkem, keuchendem Husten, oft zusammen mit Fieber.“ Das Virus könne auch andere Symptome verursachen, zum Beispiel eine schwere Mittelohrentzündung.


Meist sei die Sauerstoffsättigung im Blut der kleinen Patienten nicht ausreichend und die Kinder benötigen eine sogenannte „HighFlow“ Therapie mit Sauerstoff, erklärt der Arzt. Durch diese Behandlung solle verhindert werden, dass sich eine Lungenentzündung oder eine Bronchiolitis genannte Infektion der kleinsten Lungenbläschen entwickelt. Denn dann helfe manchmal nur eine mechanische Beatmung zur Unterstützung auf der Kinderintensivstation.

Das sind die fünf Berliner Kinder-Notdienstpraxen

Vivantes Klinikum Neukölln Mutter-Kind-Zentrum Rudower Straße 48, 12351 Berlin, Zugang aber über Kormoranweg. 1. Oktober bis 31. März: Sonnabends., sonn- und feiertags sowie am 24. und 31. Dezember 9-21 Uhr (1. April bis 30. September: Sa., So., Feiertage, 9–20 Uhr).

In allen anderen Kinder-Notdienstpraxen wird auch freitags behandelt: 1. Oktober bis 31. März freitags 15-21 Uhr. Sonnabends, sonntags, am 24. und 31. Dezember und an Feiertagen 9-21 Uhr (1. April bis 30. September: Freitags 15–20 Uhr. Sonnabends, sonntags und an Feiertagen 9-20 Uhr).

DRK-Kliniken Berlin-Westend, kinderärztliche Erste-Hilfe-Stelle, Spandauer Damm 130, 14050 Berlin

Charité-Campus Virchow-Klinikum Haus 8 – Kinderrettungsstelle, Mittelallee 8, 13353 Berlin (Zugang über Augustenburger Platz 1, Seestraße 5 oder Nordufer)

St.-Joseph-Krankenhaus Tempelhof Erste-Hilfe-Stelle, Wüsthoffsstraße 15, 12101 Berlin

Sana Klinikum Lichtenberg Haus B, Erdgeschoss, Räume B012/013, Fanningerstraße 32, 10365 Berlin