Mutter Ilka und Tochter Jessica vor der Charité, wo Oliver Ritter an Covid-19 verstarb. Foto Sabine Gudath

Das Corona-Virus hat ihnen das Liebste genommen, was sie hatten.

Der KURIER berichtete bereits über das schwere Corona-Schicksal von Oliver Ritter aus Treptow-Köpenick. Jetzt ist es traurige Gewissheit: Vor vier Tagen verstarb der Familienvater im Alter von 55 Jahren auf der Intensivstation der Charité an den Folgen seiner Covid-19-Erkrankung. Er hinterlässt seine Frau Ilka (49) und seine beiden Kinder Tim (22) und Jessica (27). Sie trauern um ihren Ehemann und Vater.

„Wir stehen noch immer unter Schock und können nicht begreifen, dass er nicht mehr bei uns ist“, sagt Ilka Ritter. Sieben Monate lang kämpfte Oliver Ritter in der Klinik gegen den schweren Verlauf seiner Krankheit an. Dann brach sein Kreislauf zusammen, weil seine Leber versagte. Seine Familie war in den letzten Stunden an seiner Seite. 

Die Ärzte an der Charité hätten alles getan was in ihrer Macht stünde, so sagt seine Ehefrau. Zum Schluss habe er die Höchstdosis Adrenalin bekommen, um den Kreislauf aufrecht zu erhalten, aber sie habe nicht mehr geholfen. Am Montag hätten sie die Maschinen nach und nach abgestellt und das Morphium erhöht. „Wir haben noch seine Hand gehalten und ihn gestreichelt, aber das hat er wohl alles gar nicht mehr mitbekommen“, sagt seine Tochter Jessica. Zwei Stunden später sei er für immer eingeschlafen. 

Familie will andere warnen, vorsichtig zu sein

Oliver Ritter steckte sich im März bei seiner Frau an, die sich wiederum bei einem Familientreffen mit Corona infiziert hatte. Während bei ihr die Krankheit einen milden Verlauf nahm, wurde sie ihrem Mann zum Verhängnis -  obwohl er keinerlei Vorerkrankungen hatte, wie seine Frau beteuert. Das Virus schädigte seine Organe, er bekam eine Blutvergiftung, erlitt sogar einen Herzstillstand und musste wiederbelebt werden. Der zweifache Familienvater lag zwei Monate im künstlichen Koma und wurde bis zu seinem Tod beatmet. Seine Ehefrau Ilka wandte sich im September an den KURIER, um über die tragische Erkrankung ihres Mannes zu berichten. Sie tat das nicht, weil die Familie gern in der Öffentlichkeit steht, sondern weil sie andere warnen wollte, vorsichtig zu sein und das Virus nicht zu leugnen. 

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„Am meisten Angst hat mir gemacht, dass ich auf der Station zum Schluss so viele junge Menschen gesehen habe, die schwer erkrankt waren“, sagt sie. Auch ihr Ehemann, mit dem sie 28 Jahre verheiratet war, wurde mitten aus dem Leben gerissen. Er war sehr aktiv und begeisterter Wassersportler. Die Familie fuhr jeden Sommer gemeinsam nach Pepelow in Mecklenburg-Vorpommern ins Feriendorf San Pepelone. Oliver Ritter surfte für sein Leben gern.  

Kinder dekorierten das Krankenzimmer

„Wissen Sie, wir hatten noch so viel zusammen vor, wollten noch so viel reisen“, sagt sie mit erstickter Stimme. Ihr  Mann habe in jungen Jahren sehr viel am Familienhaus gearbeitet und sie hätten nun all das jetzt nachholen wollen, was sie damals nicht geschafft hätten. Das Schlimmste sei, dass er die letzten Monate seines Lebens so gelitten habe. Er habe den Frühling nicht erlebt, den Sommer und auch den Herbst nicht mehr. Ihr Mann sei monatelang ans Bett gefesselt gewesen. „Es muss Horror für ihn gewesen sein“, sagt sie, weil „Oliver jemand war, der sich so gern bewegte und keine Minute ruhig auf dem Sofa sitzen konnte. Damit er es wenigstens noch ein bisschen schön hatte, hatten ihm seine Kinder Motivationsposter gebastelt. Bei jedem Besuch gab es ein neues, das sie an seinem Krankenbett aufhängten. Sie dekorierten das Krankenzimmer mit Fotos und Blumen. Und Ilka Ritter massierte ihrem Mann immer die Hände und Füße, wenn sie bei ihm war. 

Die Tochter beschreibt ihren Vater als sehr fröhlich und optimistisch. „Er war kein Schwarzseher und hat immer alle Dinge so genommen, wie sie kamen.“ Auch die Krankheit. Er habe nie aufgegeben und immer bis zum Schluss gekämpft. Ihr Vater habe wegen seines freundlichen Wesens auch viele Freunde gehabt. Deshalb sollen auch alle die Chance erhalten, sich in Ruhe von ihm verabschieden zu können. Die Familie will eine große Trauerfeier nach dem Lockdown, frühestens im Januar,  nachholen.

Oliver Ritter vor zwei Jahren bei einer Bootstour auf der Spree.
Foto:  Privat

Das Virus hat einen geliebten Menschen aus ihrer Mitte gerissen. Wie geht die Familie um mit dem Schmerz, mit der Leere? Sie haben ihm noch einmal sein T-Shirt angezogen, was er so gern getragen hat. Es ist grün und trägt den Schriftzug „San Pepelone“, benannt nach ihrem Urlaubsort. Nun wollen sie auf dem Friedhof in Rahnsdorf eine Grabstätte für ihn aussuchen. Auf seinem Grabstein soll ein Symbol mit Wasser eingraviert werden, um an sein Hobby zu erinnern. 

Im Februar kommenden Jahres wäre Oliver Ritter zum ersten Mal Großvater geworden. Sein Sohn Tim und dessen  Freundin erwarten ihr erstes Kind. Oliver Ritter wird nicht mehr miterleben können, wie sein Enkel aufwächst. Corona hat das Glück einer ganzen Familie zerstört. Ob es Momente gebe, in denen sich Ilka Ritter schuldig fühle, weil sie ihren eigenen Mann mit dem Virus angesteckt hat? „Nein, denn es war einfach Pech und es kann jeden treffen“, sagt sie. Aus diesem Grund hat die Familie in ihrer größten Trauer erneut die Öffentlichkeit gesucht, weil sie anhand ihrer eigenen traurigen Geschichte ihre Mitmenschen dazu bewegen wolle, Corona endlich ernst zu nehmen und „keine heimlichen Partys mehr zu feiern und Kontakte einzuschränken.“ Covid-19 kann tödlich sein. Und es kann jeden treffen.