Ehrentraut Grylla mit ihren Büchern. In „Igel Florian sucht eine neue Heimat“ beschäftigt sich die Schriftstellerin kindgerecht mit der Flüchtlingskrise. Foto: Berliner KURIER/Markus Wächter

Schöne Geschichten und eine blühende Fantasie kennen kein Alter … wer das bezweifelt, hat noch nie etwas von Ehrentraut Grylla gehört! Die Köpenickerin ist stolze 90 Jahre alt. Und sie verbringt ihre Zeit am allerliebsten am Computer. Denn sie schreibt für ihr Leben gern, vor allem Kinderbücher. Dem KURIER erzählte sie, warum sie die Leidenschaft erst im hohen Alter entdeckte – und was sie mit ihren Geschichten erreichen will.

Eigentlich möchte Ehrentraut Grylla gar nicht, dass viel über sie geschrieben wird. „Schreiben Sie lieber über meine Bücher, das ist viel wichtiger“, sagt sie. Hinter liebevoll erdachten Figuren wie dem Igel Florian stecken nämlich oft Geschichten, die die Autorin selbst bewegen. „Igel Florian sucht eine neue Heimat“ beschäftigt sich etwa mit der Flüchtlingskrise. „Ich war selbst Flüchtlingskind. Ich komme aus Ostpreußen“, erzählt Grylla, die seit 1962 in Köpenick lebt. In einem Internat sollte sie zur Lehrerin ausgebildet werden, doch dann kam der Krieg. „Ich war allein auf der Flucht, habe die Bomben fallen sehen. Ich weiß, wovon ich rede.“

Ehrentraut Grylla erzählte schon immer gern Geschichten

Nun sucht im Buch der Igel eine neue Heimat, weil der Besitzer des Gartens, in dem er wohnt, keine Igel mag. Als Grylla in einer Schule aus dem Buch vorlas, melde sich ein Schüler. „Er sagte: ,Bei uns im Haus wohnt einer, der musste auch seine Heimat verlassen, da war nur Krieg. Das ist genau wie beim Igel.‘ Er hat das Thema bestimmt in sein Elternhaus getragen. Das ist auch etwas, das ich mit meinen Büchern erreichen möchte.“

Geschichten wie die von Igel Florian liegen der 90-Jährigen besonders am Herzen. Foto: Berliner KURIER/Markus Wächter

Dass es klappt, freut Grylla – denn es dauerte etwas, bis sich die Köpenickerin dem Schreiben widmete. Geschichten erzählte sie schon immer, sagt sie. „Schon als ich ein kleines Mädchen war. Meine Großmutter hat das geärgert – sie sagte: Geh zu den Hühnern und erzähle es denen.“ Später studierte sie Pädagogik, weil sie Kindergärtnerin werden wollte. „Wir mussten das Schreiben lernen“, sagt sie. Doch Geschichten über Blumenprinzessinnen waren damals wenig gefragt. „Ich sollte stattdessen über Trümmerfrauen schreiben.“

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Die Kinder in ihren Arbeitsstätten begeisterte sie aber mit ihren Geschichten, doch auf Papier landeten die Storys nur selten. „Dann gründete ich eine Familie, brachte selbst fünf Kinder zur Welt – mit der Arbeit und dem Nachwuchs hatte ich erst recht keine Zeit zum Schreiben mehr.“ Doch die Fantasie blieb wach. Erst Jahre später, an Gryllas 80. Geburtstag, veränderte ein Geschenk alles. „Eine meiner Enkelinnen dachte sich, dass es schön wäre, eine meiner Geschichten aufzuschreiben und als Buch zu drucken.“ Gleichzeitig erschien „Die Abenteuer von Jule, Felix und Jonas“ 2010 bei Books on Demand.

„Der Hase und der Schneemann“ erschien 2018 bei Edition Winterwork, kostet 9,90 Euro. Foto: zVg/winterwork

Das Geschenk kam an, das Feuer war entfacht – die Neu-Schriftstellerin suchte sich einen Verlag, bekam einen alten Computer ihrer Kinder, machte sich ans Werk. Der Rest ist ein Stück Köpenicker Literaturgeschichte: Mehr als zehn Bücher hat die Autorin bisher veröffentlicht, die meisten im Verlag Winterwork. „Häschen Billy allein in den Kanonenbergen“, „Billys neue Abenteuer im Müggelwald“, zuletzt erschien „Der Hase Anton und die Schmetterlingsparty“. Oft verstecken sich Botschaften in den Geschichten. Im Nachwort der Schmetterlingsparty schreibt Grylla etwa: „In diesem Jahr habe ich nur zwei Schmetterlinge in meiner Umgebung gesehen, einen weißen und einen Zitronenfalter. Unser Schmetterlingsstrauch blieb ohne seine flatternden Gäste.“ Ein kleiner Aufruf zu mehr Verantwortungsgefühl gegenüber der Natur.

Das Büchlein „Der Hase Anton und die Schmetterlingsparty“ (Edition Winterwork, 8,90 Euro) ist auch ein Appell für den Naturschutz. Foto: zVg/Winterwork

Honorar nimmt Grylla für die verkauften Exemplare ihrer Geschichten übrigens nicht: Sie verzichtet auf ihre Anteile, damit die Bücher günstiger werden (kosten ab 7,90 Euro). „Es ist doch schön, wenn man Kinder für das Lesen begeistert und auch Familien, denen es nicht so gut geht, Zugang zu Kinderbüchern haben.“ Das Schreiben mache ihr einfach Freude, sagt sie. „Manchmal liege ich nachts wach und habe plötzlich eine Idee. Dann denke ich sofort an die Kinder und sage mir: Das schreibst du auf.“

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Am Computer fühle sie sich richtig wohl. Auch ein Grund, das Repertoire in Zukunft zu erweitern. Denn während andere Autoren mit 90 ihre Karriere schon lange beendet haben, legt sie erst richtig los. „Gerade wird ein Gedichtband fertig – und auch einen Krimi mit etwas derberen Geschichten habe ich in der Planung. Und zu guter Letzt möchte ich natürlich auch noch das schreiben, was jeder Autor macht: meine Lebensgeschichte.“