Am Schlesischen Tor kontrollieren Polizisten die Einhaltung der Sperrstunde.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Die Berliner Gastronomen hoffen, dass das Verwaltungsgericht sie rettet. Dort liegt ihr Eilantrag, der die seit Sonnabend geltende Sperrstunde kippen soll. Sechs Bars hatten den 127 Seiten dicken Antrag bereits am Freitag eingereicht, möglicherweise gibt es noch an diesem Montag eine Entscheidung. Die Wirte begründen darin ihre Auffassung, dass die Sperrstundenregelung unverhältnismäßig sei. Seit der Nacht von Freitag auf Sonnabend müssen in Berlin alle Bars, Restaurants und Kneipen zwischen 23 Uhr abends und sechs Uhr morgens zumachen. Die Regelung gilt vorerst bis zum 31. Oktober.

Dass die Sperrstunde die Wirte in der Feierstadt Berlin vor besondere Probleme stellt, ist dem Senat klar. Daher sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) am Montag Finanzhilfen für Gastronomen zu, die unter der Sperrstunde leiden.

Geplant ist ein Mietzuschuss für den Monat Oktober von bis zu 3000 Euro pro Wirt. Ein Verlängerung der Hilfe ist erst mal nicht geplant, es sei denn, die Sperrstunde bliebe noch über den Oktober hinaus bestehen. Der Senatsbeschluss dazu soll voraussichtlich an diesem Dienstag in einer Telefonkonferenz erfolgen. Über eine Verlängerung der Unterstützung müsste Ende des Monats erneut entschieden werden. Das Hilfsprogramm knüpft an bereits bestehende Programme an. „Aktuell laufen die Abstimmungen mit den beteiligten Verwaltungen auf Hochtouren“, sagte Ramona Pop dem Berliner KURIER.

Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen) will am Dienstag nach einer Telefonkonferenz beschließen. Foto: dpa/Britta Pedersen

Robert Manteufel, Betreiber der Bar „Marietta “ in Prenzlauer Berg, nennt die Sperrstunde schon jetzt einen „Todesstoß“. Der Wirt der Bar „Panenka“ in Friedrichshain kennt bereits zwei Kneipen in seiner Umgebung, die wegen Corona schließen mussten. Seitdem die Sperrstunde gelte, habe er sich von seinen Aushilfskräften trennen müssen. Auch wenn er Verständnis für die Reglung hat, muss der Wirt um 23 Uhr seine Kundschaft hinauskomplimentieren. „Die Leute stehen dann auf dem Bürgersteig, versuchen noch ein Bier zu bekommen, die Anwohner freuen sich nicht über den Lärm “, schildert er seine Situation. Er hofft wie so viele, dass die Corona-Regeln nicht weiter verschärft werden.

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Auch beim Italiener „Piccolo Mondo“ in Westend reagieren die Besitzer mit wenig Verständnis. „Ob ich meine Gäste um 23 oder 0 Uhr rauswerfe, macht doch jetzt auch keinen Unterschied mehr. Es ist wahnsinnig schwer, zu den Gästen zu sagen: Gehen Sie jetzt!“, so Betreiberin Kerstin Cinque. Auch sie rechnet mit Umsatzeinbußen.

Das Hofbräuhaus am Alexanderplatz.  Foto: camcop media / Andreas Klug

Die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) übt scharfe Kritik an der Sperrstunde. IHK-Präsidentin Beatrice Kramm sagte dem RBB, die Regelungen seien nicht zielführend und fügten der Berliner Wirtschaft noch stärkere Schäden zu. Die meisten Gastronomen und Bars in Berlin hätten sich viele Gedanken gemacht und Hygienekonzepte erstellt. „Da fragt man sich natürlich schon, warum jetzt alle von der Sperrstunde betroffen sind, obwohl sich so viele von ihnen wahnsinnig viel Mühe gegeben haben und sich an alles gehalten haben, was von ihnen verlangt wurde. Und wir wissen auch alle: Partys lassen sich überall feiern“, sagte Kramm.

Polizei kündigt in den nächsten Nächten Schwerpunktkontrollen an

Die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus forderte Ramona Pop auf, auch Einzelhändler, die von der Sperrstunde betroffen sind - etwa die Spätis - in das Unterstützungsprogramm aufzunehmen. Die FDP-Fraktion behält sich weiterhin vor, gegen die Sperrstunde juristisch vorzugehen. Fraktionschef Sebastian Czaja sieht sogar einen Rechtsbruch. „Solche Verschärfungen treffen immer diejenigen, die sich an die Regel halten.“ Czaja forderte den Senat auf, die Regeln endlich stärker zu kontrollieren.

Die meisten Bar-und Restaurantbetreiber hielten sich am Wochenende an die Einhaltung der Sperrstunde, aber längst nicht alle. Im Partykiez an der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain kam es mehrfach zur Diskussion mit der Polizei und Kneipenbetreibern. Nachtschwärmer vor Spätis ließen sich nicht abhalten. Die Polizei musste mehrere Gruppen von bis zu 50 Personen auflösen. Beamte wurden mit Eiern beworfen. Am Kreuzberger Oranienplatz waren in der Nacht zum Samstag so viele Personen in dem Lokal „Kuchen Kaiser“, dass die Berliner Polizei die Gaststätte mit einem Großaufgebot räumen musste. An der Warschauer Straße kam es in der Nacht zu Sonntag zu einer Spontandemo.

Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei hofft, dass sich die Berliner in den nächsten Tagen an die Sperrstunde gewöhnen. Er geht davon aus, dass es in den nächsten Nächten auch mehr Schwerpunktkontrollen gibt.