Ursula Thalheim hat nach dem Eingriff wieder neuen Lebensmut gewonnen. Gerade hat sie Kartoffeleintopf gekocht und füllt ihn in kleine Behältnisse ab. Sabine Gudath

Ursula Thalheim stellt mehrere kleine Plastikbehälter in ihren Gefrierschrank. Gerade hat sie Kartoffel- und Möhreneintopf für mehrere Tage vorgekocht und alles ordentlich portioniert. Noch bis vor kurzem hätte sie in ihrer Einraumwohnung gar nicht so lange stehen können. Eine weit fortgeschrittene Arthrose drohte, ihr ihren Lebensmut zu nehmen. Trotz einer Noteinweisung ihres Orthopäden weigerten sich mehrere Krankenhäuser die 88-Jährige aus Mitte in der Pandemie zu operieren. Als eine Mitarbeiterin des Helios-Klinikums Berlin-Buch zufällig von ihrem Leid hörte,  bekam sie endlich Unterstützung. 

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„Ich hatte solche Schmerzen und konnte zum Schluss gar nicht mehr gehen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie verzweifelt ich war“, sagt sie. Ohne ihren guten Freund und früheren Arbeitskollegen Erhard, der sie aufgrund ihrer 100-prozentigen Schwerbehinderung und ihres Pflegegrades 3 versorgt, hätte sie das alles nicht durchgestanden. Er kaufte für sie ein und kochte ihr Essen und sprach ihr immer wieder gut zu, wenn sie schon gar nicht mehr an eine positive Wende glaubte. 

Laut KKH nahm die Zahl der stationären Operationen im ersten Pandemie-Jahr um zwölf Prozent ab

Vor eineinhalb Jahren bekam die Rentnerin plötzlich starke Schmerzen in ihrem linken Knie und ging zu ihrem Orthopäden. „Ich war es gewohnt, dass mir schon in jungen Jahren sämtliche Knochen wehtaten und wurde auch schon wegen einer Arthrose am rechten Knie operiert, aber diesmal war es besonders schlimm“, sagt Ursula Thalheim. Sie hatte in der Gastronomie gearbeitet, unter anderem im Biergarten Zenner in Treptow und in der Mitropa-Gaststätte an der Jannowitzbrücke. 40 Jahre lang musste sie schwere Tabletts mit Getränken schleppen. Das sei nicht ohne Folgen geblieben. 

Ihr behandelnder Arzt empfahl ihr dringend eine Operation und stellte ihr eine Notüberweisung aus. Doch es fand sich kein Chirurg, der ihr helfen konnte. „Ich bin mit meinem Freund tagelang von einer Notaufnahme zur nächsten in Berlin gefahren, aber wurde überall abgewiesen. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten und ich fühlte mich von den Ärzten total im Stich gelassen“, sagt sie. Dass die Anzahl der operativen Eingriffe in der Pandemie zurückgegangen ist, bestätigt auch eine statistische Erhebung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH). Danach nahm die Zahl stationärer Operationen bei Versicherten im ersten Corona-Jahr im Vergleich zu 2019 um zwölf Prozent ab.

Sabine Gudath
Ursula Thalheim zeigt ihren neuen Staubsauger mit LED-Licht. Damit kann sie drei Monate nach der Operation schon wieder durch ihre Wohnung flitzen.

Doch für Ursula Thalheim kam die überraschende Rettung: Eine Angestellte des Helios-Klinikums Berlin-Buch erfuhr von ihrer Klinik-Odyssee und bot ihr Hilfe an. Das Krankenhaus hat in der Pandemie ein besonderes Konzept entwickelt, das auch der verzweifelten Patientin aus Mitte zugute kommen konnte. „Seit einigen Wochen bieten wir planbare Operationen regelmäßig an" erklärt Helios-Sprecherin Birgit Gugath dem KURIER. Und bereits zu Corona-Hochzeiten im letzten Herbst gab es für Berliner die Möglichkeit, sich außerhalb der Stadt im Helios-Netzwerk der Region operieren zu lassen. 

Am 20. Mai konnte Ursula Thalheim endlich vom operiert werden. „Ich war so erleichtert und dankbar. Das kann ich gar nicht in Worte fassen“, sagt sie. Aufgrund der fortgeschrittenen Arthrose und erheblichen Schmerzen sei die Knie-OP bei Frau Thalheim bereits sehr zeitkritisch gewesen, so Professor Dr. Daniel Kendoff, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie im Helios Klinikum Berlin-Buch. Es sei ein künstliches Kniegelenk, eine Standardprothese, eingesetzt worden. „Wir sind sehr froh, dass wir der Patientin helfen konnten und sich ihre Mobilität rasch verbessert hat,“ betont der Mediziner.

Vor zwei Jahren erlitt sie einen Herzinfarkt

Thomas Oberländer/Helios-Klinikum Berlin-Buch
Ursula Thalheim mit dem Operateur aus dem Helios-Klinikum Berlin-Buch, Dr. Daniel Kendoff, der ihr half.

Die Operation hat der lebenslustigen Rentnerin mit den kurzen silbergrauen Haaren und den Perlenohrringen wieder Energie und Kraft zurückgebracht. Sie trifft sich wieder mit ihrer Nachbarin aus der Plattenbausiedlung und ihren Gymnastikdamen zum Spazierengehen und Kaffee trinken. Allein durch die Wohnung laufen kann Ursula Thalheim schon wieder, nur für längere Strecken nutzt sie noch ihren Rollator. „Ich bekomme noch drei Mal die Woche Krankengymnastik und mein Bein ist auch noch geschwollen, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sich das in ein paar Monaten gebessert hat“, betont sie.

Ursula Thalheim ist in Berlin aufgewachsen und hat schon viele schwere Zeiten durchstanden. Ihre Mutter gab sie als Kleinkind in ein Waisenhaus, sie ist geschieden. Die ältere Dame weiß, was es bedeutet, im Leben auf sich allein gestellt zu sein. Vor zwei Jahren erlitt sie mitten in der Nacht einen Herzinfarkt. „Ich hatte panische Angst, aber ich hatte immer Glück im Unglück. Für 88 Jahre ist es auch noch eindeutig zu früh zum Sterben“, findet sie.

Nun  hat Ursula Thalheim wieder ein Ziel  vor Augen. Sie will ihre Gymnastikgruppe in Mitte bald wieder besuchen können. Der gemeinsame Sport mit den anderen Frauen hat ihr immer gut getan, sagt sie. Und die 88 Jahre merkt man Ursula Thalheim trotz der schweren  Zeit nicht an.