Die Band Keimzeit mit Sänger Norbert Leisegang (vorne, Mitte). Bernd Brundert/DTM/dpa

Manchmal können Hits nerven. Auch die Songschreiber selbst. Mitte der 90er Jahre veröffentlichte Keimzeit das Lied „Kling Klang“ – es wurde ihr bekanntester Song und hängt den Brandenburgern seither an wie Kaugummi am Schuh. „Wir wollten als Band so einen Schlager eigentlich gar nicht“, erzählt Sänger Norbert Leisegang. „Das Album war damals komplett, als der Produzent fragte, ob ich noch einen Titel in der Schublade habe.“ So kramte Leisegang „Kling Klang“ hervor, das er vor Jahren geschrieben hatte. Dieses Jahr nun feiert Keimzeit 40. Bandjubiläum. Dazu gibt es Nachschub für die Fans: 13 Lieder auf dem neuen Album „Kein Fiasko“.

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Seine Eltern hätten Wert auf Instrumentalunterricht und damit den Grundstein für die spätere Bandgründung mit seinen Geschwistern Hartmut, Roland und Marion gelegt, erzählt Leisegang. Erst firmieren sie unter dem Namen „Jogger“ - daraus geht 1982 Keimzeit hervor. Zu den Auftritten bei Tanzveranstaltungen wagen sich die jungen Musiker zunächst nur an Cover-Songs. „Wir hatten die Befürchtung: Wenn wir eigene Songs spielen, geht keiner auf die Tanzfläche.“

Doch dann kommen immer mehr eigene Lieder ins Repertoire – und die Leute tanzen weiter. Über das DDR-Jugendradio DT64 kann die Band dann erstmals mehrere Lieder professionell aufnehmen. Fortan werden sie auch im Radio gespielt und einer größeren Zuhörerschaft bekannt.

Keimzeit mit Norbert Leisegang (re.) live auf der Bühne. dpa/Woitas

Die Aufnahmen sind einige Jahre später Grundstock für das erste Album. Das kann - auch wegen unbequemer Texte – erst 1990 nach dem Mauerfall unter der Ägide eines West-Labels erscheinen. Dabei trifft der Titelsong „Irrenhaus“ offensichtlich den Nerv vieler Menschen. „Irre ins Irrenhaus/die Schlauen ins Parlament/selber schuld daran/wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt“, heißt es darin.

„Kein Fiasko“: Das 13. Keimzeit-Album mit 13 Songs

Die Bandbesetzung hat sich über die Jahre geändert, von den vier Geschwistern ist neben Norbert Leisegang noch sein Bruder Hartmut (Bass) an Bord. Dabei haben sich die Musiker wiederholt auf neues Terrain vorgewagt: Neben Aufnahmen mit dem Filmorchester Babelsberg und einer Tour als Akustik-Quintett standen sie auch mit der Compagnie des Thüringer Staatsballetts auf der Theaterbühne.

Bevor es im April auf Jubiläumstour geht, erscheint am Freitag ihr 13. Studioalbum. Durch die Corona-Pandemie hätten sie nicht mehr so viel auf Tour gehen können, erzählt Norbert Leisegang, der sich selbst als „Eigenbrötler“ bezeichnet. „Das kam mir entgegen. So habe ich Freiraum bekommen, um mich an neue Songs zu setzen, an Texten und Melodien zu tüfteln.“

Dreizehn Stücke vereint das Album „Kein Fiasko“. Darin singt Keimzeit wie gewohnt mit Humor und Tiefsinn etwa von Menschen, die abseits des Scheinwerferlichts stehen wie in „Mädchen für alles“ und davon, wie befreiend es sein kann, nicht der Beste oder Schönste sein zu wollen („Nummer Eins“).

Kein Fiasko: Das Cover der neuen CD von Keimzeit. Kahé PR & Dialog/dpa

„Wenn jemand beispielsweise Star-Pianist oder Eiskunstlauf-Königin werden will, muss man extrem dafür ackern. Aber nur wenige sind tatsächlich dazu auserkoren, viele andere erreichen das niemals“, erzählt Leisegang. „Da ist es gut, wenn man sein Kaliber einschätzen kann und trotzdem seine Bedeutung hat. Das ist das Wichtige: Es ist nicht schlimm, sich im Mittelfeld zu befinden.“

Warum „Kling Klang“ damals für Ärger sorgte

So geht es in den neuen Liedern auch um das Anders-Sein („Manchmal“), um kuriose Verwechslungen („Berlinale“) und exzessive Sammelleidenschaft („Plastiktütenmann“). Der eingängige Titel „Clowns“ erscheint als eine Hommage an Künstler, die sich außerhalb der Norm bewegen und ihrer Leidenschaft nachgehen, auch wenn ihre Kunst brotlos erscheint. Stilistisch bewegt sich Keimzeit bei alldem gewohnt souverän zwischen Rock und Singer-Songwritertum.

Und wie ging es damals weiter mit „Kling Klang“? Es habe ziemliche Verstimmungen gegeben, erinnert sich Leisegang. „Es kamen Leute nur wegen dieses Liedes ins Konzert. Wenn wir es gespielt haben, sind sie wieder gegangen.“ Das habe ihn und seine Bandkollegen noch mehr geärgert. Doch heute hat er sich mit dem Lied versöhnt. „Der Song hat seinen Weg genommen, ich muss ihn frei lassen“, betont der Musiker. „Wenn sich so ein Song wie „Kling Klang“ in die Herzen der Menschen spielt, dann scheint er etwas zu berühren. Und das ist das Wichtige.“