Omran, achteinhalb Monate alt, muss mit Sauerstoff versorgt werden.
Omran, achteinhalb Monate alt, muss mit Sauerstoff versorgt werden. dpa/Christoph Soeder

Es ist  schiere Verzweiflung, die aus den Äußerungen von Mitarbeitern von Berlins Kinder-Stationen und Kinder-Rettungsstellen spricht. „Wir sind massiv überlastet und es ist fast passiert, dass wir ein Kind nicht rechtzeitig behandelt hätten. Der Zufall hat es gewollt, dass eine Schwester raus gegangen ist, um den nächsten Patienten nach Dringlichkeit zu holen – und nur ihr Blick in den Kinderwagen hat es gerettet!“, berichtet eine Schwester. Weil die Kliniken unter anderem wegen des massenhaften Anfalls von Kindern mit dem RS-Virus unter Druck stehen, geht die Gewerkschaft ver.di  jetzt auf Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) los. Ver.di hat auch die Lagebeschreibungen hier zusammengetragen, die zeigen: Aus Verzweiflung wird Wut.

„Drei Tage Spätdienst, 9,5 Stunden durcharbeiten ohne Pause zu dritt, mit 18, 19 Kindern auf der Neonatologie, von denen mindestens fünf wegen des RS-Virus beatmet wurden“, so geht die Schilderung der Kinderkrankenschwester und Intensivfachschwester für pädiatrische Intensivpflege weiter. Dazu die Versorgung der kranken Frühchen und Neugeborenen, von denen auch mindestens vier beatmet wurden.

Krankenwagen? Fehlanzeige!

„Und dann versorgen wir noch die kranken Neugeborenen, die über die Rettungsstelle auf unserer Station kommen. Die warten alle vor unserer Tür darauf, dass der einzige anwesende Arzt sie untersucht und rechtzeitig die rausfischt, die schleunigst an die Überdruck-Beatmung gehören! Da sind wir auch noch beschäftigt mit Abstrichen, Blutentnahmen, Venenzugänge legen. Ehe wir von der Rettungsstelle abgemeldet werden, muss wirklich kein Bett und kein Monitor oder besser noch kein Arzt da sein. Es wird unter dem Deckmantel ‚Versorgungsauftrag‘ Gewinnmaximierung betrieben. Auf Kosten des Personals.“

Die Frau, seit 33 Jahren im Beruf: „Eltern müssen mit ihrem Kind im eigenen Auto von Berlin nach Eberswalde fahren, weil kein Krankenwagen zu bekommen ist, um es dort in die Klinik zu bringen. Personal war schon vor Tagen nicht ausreichend da und ist auch von Erwachsenenstationen nicht zu borgen, weil - Überraschung - da auch keins ist.“  Die Einspringliste, bei der gefragt wird, ob jemand einen nicht besetzten Dienst übernehmen kann, sei voll mit Anfragen, händeringend würden Leute gesucht. „Die Rettungsstellen laufen über, die Kinder und Eltern stehen zum Teil draußen, manche gehen nach Stunden wieder, ohne einen Arzt gesehen zu haben wieder. “

Wann muss man mit dem Kind ins Krankenhaus?

Erfahrungsgemäß muss nur ein kleiner Anteil der kranken Kinder, die in einem Krankenhaus vorgestellt werden, dort stationär aufgenommen werden. Eltern wissen aber gerade jetzt in aller Regel nicht, ob ihr hustendes Kleinkind in eine Klinik gebracht werden muss, weil es möglicherweise die gerade für Säuglinge potenziell lebensbedrohliche Atemwegserkrankung durch das RS-Virus erleidet. 

Dr. Mikosch Wilke ist Oberarzt der Pädiatrischen Intensivmedizin im Vivantes Klinikum Neukölln und sagt: „Die Symptome ähneln denen der Grippe. Ein Klinikbesuch ist besonders für Babys und Kleinkinder mit schweren Symptomen ratsam. Bei schweren Verläufen kommt es zu bläulichen Verfärbungen der Haut oder Lippen, Atembeschwerden und starkem, keuchendem Husten, oft zusammen mit Fieber.“ Das Virus könne auch andere Symptome verursachen, zum Beispiel eine  schwere Mittelohrentzündung.

Meist sei die Sauerstoffsättigung im Blut der kleinen Patienten nicht ausreichend und die Kinder benötigen eine sogenannte „HighFlow“ Therapie mit Sauerstoff, erklärt der Arzt. Durch diese Behandlung solle verhindert werden, dass sich eine Lungenentzündung oder eine Bronchiolitis genannte Infektion der kleinsten Lungenbläschen entwickelt. Denn dann helfe manchmal nur eine mechanische Beatmung zur Unterstützung auf der Kinderintensivstation.

Eltern, die Schwestern mit Prügel drohen

 „Wir haben einfach kein Personal. Wir arbeiten in den Diensten zu zweit. Bis November war nachts nur eine Pflegekraft anwesend. Seit November arbeiten wir endlich zu zweit im Nachtdienst, das haben wir in einem langen Kampf durchgesetzt. Es fehlt uns in der Kinderrettungsstelle aber nicht nur an Personal, sondern auch an Räumlichkeiten und entsprechender Ausstattung, sagt eine Kinderkrankenschwester. Personal breche  reihenweise weg, werde krank oder werfe das Handtuch. „In den  Jahrzehnten, die ich in der Klinik arbeite, habe ich noch nie so eine hohe Fluktuation in der Pflege und  bei den Ärzten erlebt.  Wer von uns noch da ist, kraucht auf dem Zahnfleisch, um irgendwie die Versorgung aufrecht zu erhalten.“

Verlegungen in andere Häuser seien kaum mehr möglich: „Rettungswagenbesatzungen irren durch die Stadt, um kleine Patienten irgendwo loszuwerden – und dann nehmen wir sie trotz Überlastung. Dann beginnt die Spirale von vorn - wohin mit diesem kranken Kind? Freitagnacht waren wir dann schon in Rostock gelandet mit den Anfragen.“

Dazu komme ein unerwünschter „Tourismus“: „Leute, die mal eben so vorbei kommen, um mal ihr Kind durchchecken zu lassen. Diese Eltern werden dann teilweise ausfällig, beschimpfen und beleidigen uns, es wird sogar Prügel angedroht, weil sie natürlich nicht gleich zum Check rankommen.“

„Wir brauchen einen Krisenplan“

„Was mich wütend macht - die Kinder sind immer die Verlierer. All das zeigt sich jetzt wieder im Umgang oder eher Nichtumgang mit der RSV Krise – ein riesiges politisches und strukturelles Versagen. Die Gesundheitssenatorin ist meines Erachtens wissentlich in diese Krise gegangen.“ So sagt es eine Fachpflegerin auf der Intensivstation. Mehrfach sei ihr in persönlichen Gesprächen die dramatische Situation in den Krankenhäusern geschildert worden. „Sie hat alles immer von sich gewiesen, wegen der Bezahlung immer von Tarifautonomie gesprochen, aber hier geht es um mehr, es geht um die medizinische Versorgung der Bürger und dramatische Arbeitssituation in den Krankenhäuser. Wir fordern die Finanzierung von Sofortmaßnahmen für Patienten und Personal in dieser Krise, sowie ein Einleitung eines Krisenplanes, der alle betrifft: Krankenhäuser, Rettungsdienst und Feuerwehr.“

 „Jedes Jahr kommt es zu einer RSV-Welle und jedes Jahr wird diskutiert, ob es sinnvoll ist, diese Kinder auf unserer Station zusammen mit infektanfälligen Frühgeborenen zu versorgen. In diesem Jahr ist es gar nicht anders möglich. Dadurch liegen aber teilweise auch drei bis sechs Monate alte Säuglinge auf einer Station, die nicht mal Windeln in dieser Größe hat, geschweige denn Notfallequipment“, beklagt eine Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin auf einer Intensivstation für Neu- und Frühgeborene:

Und dann werde  noch von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gefordert, Personal von Erwachsenen-Bereichen zum Aushelfen zu schicken. „So gerne wir uns auch gegenseitig unterstützen wollen und jede Hilfe dankend annehmen, so gefährlich finde ich diesen erneuten ‚Pflege kann jeder‘-Ansatz. Von einem Krebsspezialisten würde auch niemand erwarten, in der Gynäkologie auszuhelfen, um einen Kaiserschnitt durchzuführen!“ 

Lauterbach hatte außerdem die Krankenkassen aufgefordert, Behandlungen auch dann zu bezahlen, wenn die festgelegten Personaluntergrenzen nicht eingehalten werden. Damit soll die Schließung von Stationen verhindert werden.

Ärzte müssen auch noch die stadtweite Bettenbelegung koordinieren

„Wir haben im Moment extremen Druck, mehr Patienten zu betreuen als wir eigentlich mit dem Stammpersonal könnten“, berichtet eine Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin auf einer pädiatrischen Intensivstation. Seit Freitag haben wir zur Unterstützung Kollegen von den Erwachsenenstationen bei uns, um zwölf statt nur acht  Patienten betreuen zu können.  Gleichzeitig fällt uns unser Personal durch Belastung und Krankheit immer wieder weg, so dass wir trotz dieser Unterstützung immer wieder unterbesetzt arbeiten. Wir verlegen Kinder nach der Erstversorgung in Kliniken nach ganz Brandenburg. Wenn ich dann noch höre, dass Oberärzte neben ihrer Tätigkeit auf der Station noch die stadtweite Koordination für die Bettenbelegung machen sollen, ist kein Wunder, dass Chaos entsteht. Hier muss die Gesundheitsverwaltung dringend unterstützen!  

Gewerkschaft wirft Gesundheitssenatorin vor, zu spät gehandelt zu haben

Das sieht man auch bei der Gewerkschaft so und wird deutlich. „Schon seit Wochen wurde auf den drohenden Kollaps auf den pädiatrischen Stationen und Rettungsstellen hingewiesen. Es ist unbegreiflich, warum Gesundheitssenatorin Gote nicht schon viel früher gehandelt hat“, erklärt Gisela Neunhöffer,  bei ver.di stellvertretende Landesfachbereichsleiterin für das Gesundheitswesen.

Neunhöffer: „Seit Jahren gibt es Personalmangel, wofür sie nichts kann, aber auch Senatorin Gote hat keinen Plan entwickelt, wie man mit weniger Personal auf eine Krisensituation reagieren könnte. Stattdessen verweist sie darauf, dass der Versorgungsauftrag erfüllt werden muss, was mangels Personal nicht funktionieren kann.“  Schon seit Beginn der Corona-Pandemie sei von den bei ver.di organisierten Pflegekräften bei Vivantes und  Charité ein funktionierender berlinweiter Krisen-Stab unter Einbeziehung der Beschäftigten gefordert.

Kein Plan, nur „Feuerlöscher-Politik“

„Stattdessen wird wieder eine Feuerlöscher-Politik betrieben, indem nun uneingearbeitete Pflegekräfte behelfsmäßig auf die Kinder-Stationen geschickt werden“, sagte Sophia Köbele, Kinderkrankenschwester am Sana-Krankenhaus Lichtenberg.

Nur mit besseren Arbeitsbedingungen, insbesondere ausreichenden, verbindlichen Personalschlüsseln und einer kostendeckenden Finanzierung der Krankenhäuser ließe sich die Situation aus Sicht von ver.di nachhaltig verbessern – das heißt, den Weggang von Pflegekräften zu vermeiden, den Neueinstieg von Auszubildenden zu fördern und den Wiedereinstieg für ehemalige Pflegekräfte attraktiv zu machen.

Neunhöffer: „Es ist eine moralische Verletzung, wenn man einen Patienten im Stich lassen muss, weil man es einfach nicht mehr schafft. Das halten viele nicht mehr aus.“ Sie erwartet, dass nach Bewältigung dieser Krise noch mehr Pflegekräfte aussteigen als ohnehin schon. „Es geht auch ums Geld, vor allem aber darum Strukturen vorzufinden, in denen man guten Gewissens arbeiten kann.“