Anna Pisowicz vor dem Barbara-Schulz-Haus in Hermsdorf, wo sich die Mutter eines 13-jährigen Sohnes ehrenamtlich engagiert.

Volkmar Otto

Anna Pisowicz sitzt an der Nähmaschine. Schneidern ist ihre große Leidenschaft. Gerade hat sie die letzten Fäden für die Vorhänge im Barbara Schulz-Haus vernäht. Die neue Einrichtung der Kinderhilfe, Hilfe für krebs-und schwerkranke Kinder, in Hermsdorf bietet Erwachsenen und Kindern in belastenden Lebenssituationen Gemeinschaft und Schutz. Die 38-Jährige hat einen schweren Schicksalsschlag hinter sich und engagiert sich nun dort für andere Betroffene. 

„Es ist meine kleine Therapie, um meine ganz persönliche Geschichte zu verarbeiten“, sagt die Mutter eines 13-jährigen Sohnes. Sie näht nicht nur Vorhänge, sondern auch Kissen, Stofftiere und Decken für die Innenausstattung des 200 Quadratmeter großen Bauernhauses, das nach der Ehefrau eines Vereinsmitbegründers benannt wurde. Demnächst wird Anna Pisowicz in den Räumen auch Nähkurse für Geschwister von schwerkranken Kindern geben, um sie von ihrem Leid abzulenken und zu stärken. „Geschwister geraten oft in den Hintergrund, weil sich in der Familie permanent alles um das schwer kranke Kind dreht“, erklärt Birgit Wetzig-Zalkind, Sprecherin der Kinderhilfe.

Sohn Patrick erkranke 2019 an Leukämie

Sorgen und Nöte wie diese kennt Anna Pisowicz genau. Ihr Sohn Patrick erkrankte 2019 an Leukämie. „Von da an geriet meine Welt komplett aus den Fugen“, erinnert sie sich. Der Junge klagte ständig über Gliederschmerzen und die Hausärztin diagnostizierte zunächst Rheuma. Doch als sich sein Zustand verschlechterte und auch noch hohes Fieber hinzukam, wurde er in die Charité eingewiesen. Dort erhielt er die niederschmetternde Diagnose Blutkrebs und musste mehrere Chemotherapien über sich ergehen lassen. Seine Mutter kämpfte in dieser Zeit nicht nur um das Leben ihres Sohnes, sondern auch um ihre Existenz. Ihren eigenen Nähladen an der Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg musste sie vorübergehend schließen, um Tag und Nacht für ihr Kind da zu sein.

Volkmar Otto
Anna Pisowicz zeigt ein Handyfoto, auf dem die Mutter mit ihrem Sohn zu sehen ist.

In der schweren Zeit nahm Anna Pisowicz Kontakt zur Kinderhilfe auf und erhielt von den Mitarbeitern seelsorgerische Unterstützung und viel Halt in der Krise. „Ich möchte jetzt gern etwas davon zurückgeben“, sagt sie. Denn ihre eigene Geschichte ging zum Glück positiv aus und darüber sei sie sehr dankbar. Patrick ist heute krebsfrei und besucht die 7. Klasse einer Sekundarschule in Charlottenburg. 

Anna Pisowicz, die vor zehn Jahren aus Polen nach Berlin kam, näht auch in ihrer Freizeit für die Kinderonkologie des Helios-Klinikums Berlin-Buch und eine Kinderklinik im Schwarzwald. Ihr Lebensmotto: „Immer weitermachen und niemals aufgeben, auch wenn das Leben gerade noch so schwer erscheint.“

Volkmar Otto
Diese Stofftiere und Kissen hat Anna Pisowicz schon für die Kinderhilfe genäht.

Das Barbara-Schulz-Haus der Kinderhilfe wurde Ende August eröffnet und hat vier Räume im Untergeschoss und drei im Obergeschoss sowie einen großen 800 Quadratmeter großen Garten. Neben den Nähkursen bietet die Kinderhilfe dort auch Beratungen, Ausbildungen für ehrenamtliche Trauerbegleiter, Familiennachmittage und Klangschalentherapien für erkrankte Kinder an. Im Obergeschoss befindet sich eine Notwohnung für auswärtige Eltern, deren Kinder in Berliner Kliniken behandelt werden müssen. 

Ein Ort der Ruhe und des Friedens

„Wir wollen Kindern und Eltern hier einen Ort der Ruhe und des Friedens bieten“, sagt Wetzig-Zahlkind. Für die Betroffenen sei es ein großer Halt, sich an jenem Ort über ihr gemeinsames Schicksal austauschen zu können und es verbinde sie miteinander. Einige von ihnen, wie Anna Pisowicz, engagieren sich auch ehrenamtlich für den Verein kinderhilfe-ev.de Das sei schon etwas Besonderes, findet die Vereinssprecherin. „Frau Pisowicz hat selbst viel mitgemacht und hat noch so viel Kraft und Motivation für andere.“ 

Anna Pisowicz hat ihren kleinen Laden, der übrigens „Alice im Wunderland“ heißt, wieder geöffnet und näht nicht nur für die Kinderhilfe, sondern auch für ihren Kundenstamm. Sie sagt: „Es gibt für mich nichts Schöneres als an der Nähmaschine zu sitzen. Das lenkt mich ab und ich mache mir dann nicht mehr so viele Sorgen um meinen Sohn.“