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Es ist 9.12 Uhr, als der Gerichtsvollzieher, eskortiert von Polizisten, an der Tür der Kiezkneipe „Syndikat“ in Neukölln erscheint. Schon tags zuvor hatte die Polizei die Weisestraße, in der die Kneipe liegt, abgesperrt. Wenig später kommt der Mann vom Schlüsseldienst. Er öffnet die Tür und tauscht das Schloss aus. Gerichtsvollzieher und Polizisten verschwinden im Inneren der Kneipe, während ein Mann von einem Balkon darüber „Schande, Schande, schämt Euch!“ schreit und damit die aufgeladene Stimmung hinter der Absperrung befeuert. Nachbarn stehen an offenen Fenstern und schlagen aus Protest gegen die Räumung der Kneipe mit Löffeln auf Kochtöpfe.

Das 1985 gegründete „Syndikat“ war nicht nur Punk-Kneipe und Kieztreff sondern auch eine Institution in der linksradikalen Szene. Mit ihrer Zwangsräumung, die an diesem Freitag durch ein Großaufgebot der Polizei durchgesetzt wurde, haben die Auseinandersetzungen um den Strukturwandel der Hauptstadt einen neuen Höhepunkt erreicht. Und es zeigt sich, dass auch der rot-rot-grüne Senat nicht viel gegen internationale Großinvestoren ausrichten kann.

Am Freitagmorgen hatten sich geschätzt 200 Protestierer versammelt. Foto: Waechter

Der Hauseigentümer, das Unternehmen Firman Properties, hatte der Neuköllner Kiezkneipe vor rund zwei Jahren den Mietvertrag gekündigt. Das Gericht gab der Räumungsklage statt. Schon die ganze Nacht gab es im Kiez Aufruhr. Vermummte errichteten Barrikaden auf Straßen und zündeten sie an. Nach Angaben der Polizei zogen bis zu tausend Demonstranten durch die Straßen. „Die Demonstration fing ruhig an, emotionalisierte sich dann aber und schlug schließlich auch in Aggression um“, sagt Polizeisprecher Thilo Cablitz. Es habe 44 Festnahmen gegeben, sechs Polizeibeamte seien verletzt worden.

Am Morgen haben sich vor den Absperrgittern geschätzt 200 Protestierer versammelt. Im Sprechchor rufen sie „Bullenschweine raus aus den Kiezen!“  Es fliegen   Böller, ein Demonstrant wird festgenommen.  Laut Cablitz sind 700 Polizeibeamte im Einsatz. Das „Syndikat“ habe eine Strahlwirkung für die linke Szene und gegen Gentrifizierung, sagt Cablitz.

„Jede Räumung hat ihren Preis“, heißt es in der linken Szene. In den vergangenen Tagen gab es etliche Anschläge etwa auf Autos und Büros von Immobilienunternehmen. Die Polizei meldet am Freitagmorgen, dass Unbekannte in Friedrichshain sieben Autos beschädigten. In der Rigaer Straße in Friedrichshain hätten zwei Personen zwei BMW, zwei Mercedes, einen Nissan, einen VW und einen Skoda beschädigt. Der Staatsschutz ermittelt jetzt.

Im Internet bekannten sich Unbekannte dazu, in dieser Woche an der Englischen Straße in Charlottenburg den Neubaukomplex „Charlottenburg No.1“ mittels mit Farbe gefüllten Feuerlöschern verunstaltet zu haben. Und unter dem Motto „interkiezionale Solidarität“ tauchte noch während des Polizeieinsatzes zur Räumung des „Syndikats“ ein Bekennerschreiben auf, wonach eine „kleine Gruppe“ an drei Orten Autos der Wohnungsbaugesellschaft Vonovia mit Steinen demoliert habe. Weiter heißt es: „Das ist eine Reaktion auf den seit gestern laufenden Räumungseinsatz des Syndikat.“ SPD, Linke, Grüne und ihre Schergen hätten sich dazu entschlossen, schon zwei Tage vor der angesetzten Räumung das umliegende Wohngebiet zu besetzen, um Protest zu unterdrücken.

Um 10 Uhr brechen die Veranstalter den Protest rund um die Weisestraße mit einem lauten Hupsignal ab. Die Demonstranten verstreuen sich. Für den Abend ist eine weitere Demo angekündigt. Wie Anwohner berichten, hatte der Wirt schon vor einigen Tagen die Kneipe ausgeräumt. Dort soll angeblich ein Bioladen einziehen, erzählt man sich.