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Mathe, Deutsch, Sex: Als die Aufklärung vor 50 Jahren auf den Stundenplan kam

1961 kam dieses Aufklärungs-Buch auf den Markt.

1961 kam dieses Aufklärungs-Buch auf den Markt. 

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imago/Eckhard Stengel

Berlin -

Die Geschichte von Bienchen und Blümchen. So sah Sexualerziehung in Deutschland oft noch bis in die 60er Jahre aus – wenn es sie überhaupt gab. Dann begann eine kleine Revolution. Vor 50 Jahren, am 10. Juni 1969, erschien der Sexualkunde-Atlas. In der Bundesrepublik war er das erste offizielle Schulbuch zum Thema Aufklärung. Seitdem hat sich in Wellenbewegungen eine Menge getan. Luft nach oben sehen Sexualpädagogen aber bis heute.

Ein Querformat mit weißem Einband: So unscheinbar kam der Sexualkunde-Atlas, herausgegeben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), vor 50 Jahren auf den Markt. Auch die bauchig-bunte Grafik auf dem Titelbild ließ nicht ahnen, worum es ging.

Heute läuft der Sexualkundeunterricht an Schulen anders ab als in den 60er-Jahren.

Heute läuft der Sexualkundeunterricht an Schulen anders ab als in den 60er-Jahren.

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imago stock&people

Doch schnell wurde das Schulbuch, das es auch im freien Verkauf gab, zum Bestseller. Es war die Zeit der Aufklärungsfilme von Oswald Kolle und der Studentenbewegung, die unter anderem die „freie Liebe“ propagierte.

Doch Kinder und Teenager aufklären? Für viele Eltern hörte da der Spaß auf. So kam es in Westdeutschland einem Paukenschlag gleich, als die Kultusministerkonferenz 1968 gegen Widerstände einen ersten Erlass zur Sexualaufklärung an Schulen erließ. Die DDR war weniger verklemmt. Sexuelle Bildung stand bereits seit 1959 im Lehrplan. Auch West-Berlin hatte aus dieser Zeit Regelungen, Hessen seit 1967.

Schule ist wichtig für die sexuelle Bildung 

„Aber sonst gab es an Schulen im Grunde keine Aufklärung“, sagt die Freiburger Sexualpädagogin und Forscherin Renate-Berenike Schmidt. Sexualerziehung sei meist durch Pfarrer oder Lehrkräfte für Religion geleistet worden. „Aufklärung stand da nicht im Vordergrund. Es ging um Erziehung zur Schamhaftigkeit.“

Heute ist Sexualkunde in Sachkunde- und Biologie-Stunden fest verankert.„Fächerübergreifend ist das Prinzip in der Schule aber mehr oder weniger gescheitert“, bedauert Wissenschaftlerin Schmidt.

Das Anschauungsmaterial im Unterricht hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert.

Das Anschauungsmaterial im Unterricht hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert.

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dpa/Julian Stratenschulte

Noch immer werde Sexualpädagogik auch bei der Lehrerausbildung eher stiefmütterlich behandelt.

Das mag überraschen. Denn die jüngste BZgA-Studie zur Jugendsexualität aus den Jahren 2014/15 belegt, wie wichtig Schule neben dem Elternhaus noch immer für sexuelle Bildung ist. 80 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, ihr Wissen über Sexualität, Verhütung oder Schwangerschaft auch aus dem Unterricht zu haben. Für Jungen war die Schule sogar der wichtigste Lernort dafür.

Zufriedenheit in der Sexualität oft medial geprägt 

Beate Proll ist Berichterstatterin für die Kultusministerkonferenz für Gesundheitsförderung und Prävention. Sie hält sexuelle Bildung an Schulen heute sogar für wichtiger denn je. „Dabei geht es auch darum, geradezurücken, was in sozialen Medien falsch dargestellt wird“, sagt sie. „Und auch immer wieder deutlich zu machen, dass das, was beispielsweise auf Porno-Seiten im Internet oder in anderen Medien zu sehen ist, kein Eins-zu-eins-Abbild von Liebe und Sexualität ist. Und kein echter Orientierungspunkt.“

Einen zeitgemäßen Ansatz von sexueller Bildung sieht sie darin, klassischen Wissenserwerb und soziales Lernen zusammenzudenken. „Es geht zum Beispiel darum, Worte für Gefühle zu bekommen. Und wahrzunehmen, wenn einem Situationen komisch vorkommen und dann darüber zu sprechen.“

1969 stellte die SPD-Politikerin Käte Strobel den Sexualkunde-Atlas für den Schulunterricht vor.

1969 stellte die SPD-Politikerin Käte Strobel den Sexualkunde-Atlas für den Schulunterricht vor, der von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) herausgegeben wurde.

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dpa/Egon Steiner

Schule könne Kommunikationsräume zu den Themen Liebe, Freundschaft und Sexualität schaffen. „Denn Bilder von gelingender Partnerschaft und Zufriedenheit in der Sexualität sind heute oft medial geprägt und nicht selten mit einem Leistungsgedanken versehen“, berichtet Proll.

„Ich muss gut aussehen, ich muss mich posen. Es geht häufig um den perfekten Körper, bis hin zum Intimbereich.“ Teenager setze das unter Stress.

Junge Leute sollen bei Beziehungsgestaltung handlungsfähig sein 

In der heutigen Info-Flut sei es wieder wichtig, einen Kernwissensbestand zu vermitteln, betont Proll, in Hamburg auch Abteilungsleiterin am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Da gehe es darum, seriöse Quellen wie die BZgA im Internet zu benennen.

Ziel sei es, dass junge Leute später bei der Beziehungsgestaltung handlungsfähig seien. „Das ist auch wichtig mit Blick auf sexuelle Gewalt und die Gestaltung gewaltfreier Partnerschaften.“