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BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz

Luxus-Hotel am Oranienplatz: Anwohner sind sehr reserviert

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Luxushotel am Oranienplatz. Es passt nicht wirklich zum Charakter des Viertels. 

Foto:

Sabine Gudath

Kreuzberg -

Bis vor drei Jahren haben hier Flüchtlinge in Zelten campiert, nun werden zunehmend wohlhabende Touristen über den Oranienplatz ziehen: Mitten im Zentrum von Kreuzberg ist in einem alten Jugendstilhaus ein Luxushotel entstanden, das den Charakter des Viertels verändern wird. Ausgerechnet hier, am Einfallstor zur Oranienstraße, nur 400 Meter vom linken Kulturzentrum SO36 entfernt, zahlen Gäste in der Suite künftig bis zu 740 Euro für eine Nacht. Das ist mehr, als manch ein Berliner im Monat für seine Wohnung ausgibt.

Das Haus mit der Sandsteinfassade soll ein Ort für Ästheten werden, für Menschen mit Sinn für das Schöne und Feine – so stellt es sich Hauseigentümer Dietrich von Boetticher vor. Orangefarbene Polster mit aufgestickten Elefanten auf Loungemöbeln, dunkle Holzplanken auf dem Boden. Im Restaurant im Erdgeschoss gibt es eine offene Küche und zwei Kamine. Auf einem Podest steht ein Steinway-Flügel, davor zwei Lehnsessel aus kunstvoll gewebtem Korb. Eleganz, wie sie Dietrich von Boetticher, ein 75-jähriger Anwalt aus München, zu schätzen weiß. Ein Stil allerdings, der nicht jeden hier im Kiez anspricht.

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Früher saß in dem Gebäude das Kaufhaus Brenninkmeyer, kurz: C&A.

„Das Hotel ist wie ein Messer, das ins Herz von Kreuzberg sticht“, sagt Gastronom Özgür, der nur wenige Meter von der neuen Luxusherberge ein Tapas-Restaurant betreibt. „Einige finden, es sei ja nur ein Hotel, aber es geht um viel mehr.“ Für die Gegner verkörpert das Orania den Ausverkauf der Stadt. In den vergangenen Wochen zierten ihre Plakate Laternen und Hauswände im Kiez. Als das Hotel einige Nachbarn zu einem Rundgang einlud, protestierte ein Grüppchen von Gegnern draußen vor der Tür.
Dass seinem Projekt nicht nur Zustimmung entgegenschlägt, überrascht Dietrich von Boetticher nicht wirklich.

„Ein Taxifahrer warnte uns schon vor Jahren“, erzählt er am Telefon. „So ein Hotel funktioniere hier nicht, hier wohnten nur Türken. Aber wir waren sicher, dass man mit Musik alle Widrigkeiten überwinden kann.“ Im Restaurant des Hotels sollen Berliner Musiker auftreten, von klassisch bis elektronisch. Vorbild ist das noble Schloss Elmau, ein Musikhotel in den Alpen mit Klassikkonzerten. Der Besitzer des Hauses in Bayern, Dietmar Müller-Elmau, ist ein enger Freund von Boettichers. Die beiden vermögenden Schwergewichte entwickelten das Konzept für den Oranienplatz zusammen. Ob allerdings besonders viele Kreuzberger Nachbarn den Weg in das teure Restaurant finden werden, um der Musik zuzuhören, ist fraglich.

Glanz der 20er Jahre beleben

Von Boetticher glaubt daran. Glaubt, dass Kreuzberg mittlerweile bereit ist für sein Hotel. Den Oranienplatz kennt er seit Jahrzehnten gut. Ihm gehört auch das ehemalige Textilkaufhaus Maaßen, das Eckhaus schräg gegenüber. Dort betreibt seine Anwaltskanzlei ein Büro. Regelmäßig verrammelte von Boetticher zum 1. Mai die Fenster in dem Haus mit Spanplatten. Er weiß auch um die linke Tradition Kreuzbergs, aber versteht den jetzigen Wirbel dennoch nicht. „Was wir hier machen, hat überhaupt nichts mit Gentrifizierung zu tun“, sagt er entschieden. „Im Gegenteil: Wir bewahren ein Schmuckstück von Haus vor dem Verfall, wir erhalten die Stadt in Schönheit.“

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Protest an der Fassade: Anwohner haben Schilder aufgehängt.

Foto:

Sabine Gudath

Von Boetticher schwärmt vom Glanz der 20er Jahre, als der Oranienplatz einer der elegantesten Orte der Stadt war, als hier noch die Oranienbrücke mit ihren herrlichen Jugendstillaternen über den Luisenstädtischen Kanal führte. Einer der ersten Mieter in dem Eckhaus von 1913 war das Café Oranienpalast. Bis Mitte der 50er Jahre saß hier danach das Kaufhaus Brenninkmeyer, besser bekannt als C&A. Es folgten eine Kleiderfabrik und ein Möbelladen, in den Neunzigern dann mehrere Clubs und ein Supermarkt. Im Jahr 2008 erwarb von Boetticher den Bau. Er steckte Geld in Reparaturen, ließ das Haus aber vorerst leer stehen und nur von Zwischennutzern bespielen. 2013 erhielt er von der Stadt die Genehmigung für das Hotel.

„Schlimm wäre es doch gewesen, wenn ich eine Motelkette einquartiert hätte“, sagt Dietrich von Boetticher. „Das würde den Platz wirklich veröden. Aber wir machen etwas Besonderes, was es sonst so nirgendwo gibt.“ Er erzählt, wie er als junger Anwalt in den 60er Jahren in den USA lebte, in Detroit, wo alte Backsteinbauten in der Innenstadt verelendeten, während in der Peripherie Glastürme hochgezogen wurden. Ein abschreckendes Beispiel.

Gesicht der Straße wandelt sich

Da stimmen ihm sogar einige Kreuzberger zu. „Ich bin froh, dass wieder Leben in das Haus einzieht – und, dass es nicht noch ein Hostel ist, was hier entstanden ist“, sagt Franziska, die in der Buchhandlung gegenüber arbeitet. „Aber ich wünschte, es wäre eine kulturelle Einrichtung aus Berlin, die hier einzieht – keine reichen Hoteliers aus Bayern.“ Sie beobachtet seit Jahren, wie die Oranienstraße ihr Gesicht wandelt. „Mal wird ein kleiner Laden mit viel Gegenwehr vor der Verdrängung geschützt, aber das sind meist nur punktuelle Erfolge.“ Gerade am Freitag konnte der Oranien-Spätkauf, nur 50 Meter von dem neuen Hotel entfernt, Entwarnung geben: Man habe sich in letzter Minute mit dem Hauseigentümer geeinigt und konnte die drohende Räumung abwenden. Wieder ein kleines Laden gerettet. Vorerst.

Auch im Café auf der anderen Straßenseite spürt man, dass das Leben im Kiez, die Miete, die Klamotten, die Gerichte, sich verteuerten. Vielleicht, hofft Barmann Reyis, könne man das mit neuen Kunden ausgleichen. Mit zahlungskräftige Kunden, die aus dem Hotel herüberkommen, Geld ausgeben und dafür sorgen, dass nicht nur die Miete steigt, sondern auch die Umsätze im Café. „Aber ob man die Aufwertung bremsen kann? Wir Nachbarn bestimmt nicht. Wenn es einer kann, dann die Politik.“
Schräg gegenüber von dem Hotel, dort wo damals die Flüchtlinge campierten, sitzen an diesem Nachmittag ein paar Trinker auf den Bänken. Sie schauen zu, wie Bauarbeiter allerletzte Hand anlegen. Ab Montag können sie dann den gut situierten Gästen beim Einchecken ins Hotel zusehen.