Die Anwohner rund um den Paule-Park in Pankow wünschen sich mehr Mitsprache bei der Neugestaltung des Areals.  Foto: Benjamin Pritzkuleit  / BK 

Der hölzerne Zwerg Nase, auf dessen langer Nase Generationen von Pankower Jungs und Mädchen auf dem Spielplatz hinter dem Rathauscenter ihre Kletter-Proben absolvierten, liegt, zugedeckt mit einer weißen Plane, am Rande des Baugeschehens. Der Nasenmann aus Holz starb den Modernisierungstod, aussortiert und für nicht mehr zeitgemäß befunden. Mit ihm mussten ein knappes Dutzend gesunder Bäume im Pankower Paule-Park dran glauben: schweres Gerät macht in diesen Tagen den beliebten Spielplatz plan. Anwohner, die vor dem Bauzaun stehen, sind stumm, entgeisterte Kinder sind nur zu beruhigen, wenn sie hören, dass hier doch bis zum November 2021 ein neuer Spielplatz entstehen soll.

Bürger fordern mehr Mitsprache  darüber wie Stadt gestaltet wird 

„Es geht hier gar nicht um Rumgeheule wegen ein paar gefällter Bäume, sondern darum, wie die Stadt gestaltet wird“, sagt Christian Badel, während ein Kipper eine Fuhre Mutterboden ablädt. Es gehe darum, wie die Nutzerinteressen und die Bedürfnisse von Anwohnern in städtische Planungen einbezogen würden. Unzureichend, finden Badel, der 25 Jahre lang auf der Fläche hinter dem Rathauscenter einen Kleingarten bewirtschaftete, und ein Dutzend weitere Anwohner.

Was das Bezirksamt Pankow unter der Leitung des Grünen-Stadtrats Vollrad Kuhn für zeitgemäß in Sachen Spielplatzbau hält, können Interessierte lediglich auf einer Tafel nachlesen. Sie wurde eilig aufgestellt, nachdem in der vergangenen Woche die umfangreichen Erdarbeiten auf dem Platz schon im Gange, zahlreiche Bäume den Kettensägen zum Opfer gefallen und die hölzernen Spielgeräte abgewrackt waren.

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Ein neues Areal, wartungsarm und austauschbar entsteht. Eine knappe Million soll die Maßnahme kosten. Anstelle der Spielgeräte aus Holz bekommt der Paule-Park teilweise einen Kunstboden, der zwar Stürze abfedert, aber auch Fläche versiegelt. Ein neuer Betonweg soll es Senioren leichter machen, den Park zu nutzen.

Nur einige wenige Bäume auf dem idyllischen Gelände wurden erhalten. Der Spielbereich in der Mitte kommt in Zukunft wartungsarm ohne Schattenspender aus.  Foto: Benjamin Pritzkuleit/BK 

Christian Badel hat von seinem mittlerweile eingeebneten Kleingarten aus über Jahre beobachtet, dass die Spielflächen und Grünflächen in zweiter Reihe zur Breiten Straße in den letzten Jahren nur sporadisch gewartet wurden. „Eine Neugestaltung dieses ökologischen Schatzes ist grundsätzlich begrüßenswert“, sagt er. Besonders in einem immer mehr verdichteten Wohnbezirk mit vielen Kindern und Alten. „Aber was dort jetzt ohne Rücksicht auf tatsächliche Interessen hinprojektiert werden soll, ist sowohl vom Spiel- und Erholungswert fragwürdig. Und auch aus dem Blickwinkel der Stadtökologie.“

Sanierte Spielplätze in Pankow  oft ohne Schatten 

Was eine zeitgemäße Sanierung in Pankow bringt und wie Spielplätze dann genutzt werden, könne man bereits an der neu geschaffenen Spielfläche hinter der alten Mälzerei an der Mühlenstrasse sehen. Eltern und Kinder nennen den Platz, der komplett mit Schottersteinen ausgelegt ist, den Steinspielplatz. Im Sommer ist er eine Wärmewüste. Auch der erste barrierefreie Spielpatz an der Dusekestraße, der nach langer Bauzeit im vergangenen Jahr  eröffnet wurde, besteht aus einer Kunststoff-Fläche mit Straßenbegleitgrün. Naturnahe Spielplätze sind eine aussterbende Art in Pankow.

Dabei hat doch Berlins größter Bezirk seit dem Sommer 2019 so viel mehr vor in Sachen Klimaschutz. Der Bezirk rief damals den Klimanotstand aus und setzte sich hehre Ziele. Bei Neubau-Planungen das Klima immer mitdenken, etwa. Dass der Beschluss, den damals die SPD-Fraktion einbrachte und der von Linken, und Grünen mitgetragen wurde, nur ein symbolischer Akt ist, zeigt heute vielfach die Realität.

Platz schaffen für einen neuen Weg. Gesunde Bäume musste dem neuen Konzept für den Pankower Park weichen. Nicht alle halten das für zwingend erforderlich. Foto: Benjamin Pritzkuleit/BK 

Die Anwohner fühlen sich veralbert. Die aktuelle Corona-Situation werde genutzt, um die letzten demokratischen Prozesse zu umgehen. Die Berliner hätten einen rot-rot-grünen Senat gewählt, der sich für mehr Klimaschutz einsetzt. Für Artenschutz und ökologische Diversität. Stattdessen plant man in Pankow Betonwege und ökologisch nutzlosen Rasen. Hecken, Sträucher und Bäume müssen einer neuen Übersichtlichkeit weichen. Die bei der ursprünglichen Anlage des Platzes eigens ausgewiesene Wildfläche wird nun eingehegt. Schon vor Jahren sei man in Sachen Klimaschutz und Biodiversität weiter gewesen als heute, so die Anwohner, die bei der Gestaltung von Grünflächen im Kiez mehr Mitsprache fordern.

Zu den Fällungen erklärt eine Sprecherin des Stadtrats: „Einige Fällungen wurden notwendig, um eine Anpassung des Geländeniveaus vorzunehmen (aufgrund der häufigen Vernässung des Geländes in der Vergangenheit), ein anderer Baum ist ein Grenzbaum, der zu dicht an der Grenze zum Nachbargrundstück steht. Selbst bei den Bäumen, bei denen der Wegebau einen Einfluss hatte, gab es darüber hinaus noch andere ausschlaggebende Gründe wie ein sehr hoher Anteil von Totholz oder eine starke Umrankung mit Efeu. Auch in Zeiten des Klimaschutzes lassen sich Baumfällungen insoweit nicht immer vermeiden, da der Bezirk hier in der Verkehrs-Sicherungspflicht ist. Da hier aber auch Nachpflanzungen geplant sind, wird unter dem Strich im Paule-Park ganz klar eine aufgewertete und nachhaltige Grünanlage mit Spielplatz entstehen.“

Die Abrissarbeiten waren schon im vollen Gange, erst dann wurde diese Infotafel aufgestellt. Das nährt das Gefühl, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.  Foto: Benjamin Pritzkuleit/BK

Auch wenn sie nun fassungslos ansehen, wie schweres Gerät anrückt, wollen die Anwohner nicht aufgeben. Sie wollen Schadensbegrenzung und einen Baustopp erwirken. „Wir wollen, dass unser Beteiligungsrecht wahrgenommen wird“, sagen sie. Noch sei Gelegenheit, sich darüber zu verständigen, wo neue Bäume gepflanzt werden können, auch Alternativen für den Kunstboden und einen Betonweg könnte man noch umsetzen. Für den ganzen Bezirk fordern sie dringend mehr fachgerechten Umgang mit der Stadtnatur. „Jedes Jahr wird durch nicht qualifizierte Rodungen Biomasse im Bezirk vernichtet“, beklagen sie. Man muss nur ein paar Schritte weitergehen, auf dem Spielplatz an der Pestalozzistraße sind die Baumstümpfe noch frisch, an der Wolfshagener Straße ebenso.

Baustatdrat prüft Konzept zum Schutz von Grünflächen

Natürlich muss das Grünflächenamt für die Verkehrssicherheit seiner Anlagen sorgen, doch wenn gefällt wird, ist auf Grünflächen und Spielplätzen eine Neupflanzung von Bäumen nicht vorgeschrieben. Im Zuge von weiteren Verdichtungsvorhaben in Pankow, gleich nebenan im Schlosspark-Kiez etwa, wo ebenfalls der Kahlschlag droht, haben die Bezirksverordneten erst kürzlich angeregt, ein Konzept zum Schutz bestehender Pankower Grün- und Spielflächen mitsamt ihren Bäume zu entwickeln.

„Die BVV hat das Bezirksamt ersucht, ein umfassendes Konzept auch zum Schutz und zur Entwicklung bestehender Grünflächen zu entwickeln. Vorabstimmungen auch bezüglich der Finanzierung laufen dazu“, so die Sprecherin Kuhns weiter. Öffentliche Grünanlagen und Kinderspielplätze seien allerdings bereits nach dem Grünanlagen-Gesetz geschützt.

Derzeit verfügt der Bezirk Pankow über 190 Mitarbeiter für das Straßen- und Grünflächenamt. Jährlich stehen dem Amt  insgesamt 2, 445 Mio. € bezirkliche Unterhaltsmittel für die gesamte Grünpflege (inklusive Spielplatz-Unterhaltung , Pflege von Freiflächen in Schulen und Sportplätzen, Jugendfreizeiteinrichtungen und öffentlicher Gebäude des Bezirks) zur Verfügung. Hiervon können etwa 60 bis 65 Prozent in der Grünflächenpflege inkl. Baumpflege eingesetzt werden, ca. 1,5 Mio. Euro pro Jahr.

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Über Mittelzuweisungen aus verschiedenen Förderprogrammen des Senats stehen für 2020 zusätzliche Mittel für die Pflege von Straßenbäumen und Grünanlagen in Höhe von insgesamt 3,083 Mio. Euro zur Verfügung.„ Eine Summe, die leider immer noch nicht annähernd für eine wirklich umfassende Pflege und Unterhaltung ausreicht“, so die Sprecherin.

„Vielleicht ist es an der Zeit, festzuhalten: Ämter und Planungsbüros sowie beauftragte Firmen, die allesamt mit öffentlichen, das heißt mit unseren Geldern arbeiten, sollten für die Anwohner und Anwohnerinnen planen und bauen und nicht gegen sie“, sagt Jörg Lehmann, der seit vielen Jahren im Kiez wohnt. Dann würden Aufforderungen, sich mit Vorschlägen einzubringen, auch keine bloßen Feigenblätter mehr sein.