Stärker als die Diagnose: Julian Kolb trainiert nach einer schweren Operation am Unterkiefer vor zwei Monaten für einen Spendenlauf. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Als bei Julian Kolb (18) aus Friedrichshain ein bösartiger Tumor entdeckt wurde, musste ihm vor zwei Monaten 40 Prozent seines Unterkieferknochens entfernt werden. Sein rechtes Wadenbein hat er ebenfalls verloren, weil damit das Gewebe und die Muskulatur im Kiefer wieder aufgebaut wurde. Trotzdem gibt der Leistungssportler nicht auf und will anderen Menschen zeigen, was trotz eines schweren Schicksalsschlages alles möglich ist. Am 19. September wird er beim Spendenlauf an der Kolibri-Grundschule in Hellersdorf für einen guten Zweck starten. 

„Wenn ich nur zu Hause auf dem Sofa sitzen und mich selbst bemitleiden würde, würde mich das alles doppelt fertig machen. Wichtig ist, dass man auch nach einer Krebserkrankung so aktiv wie möglich weiter lebt“, sagt Julian Kolb. Er hat in den letzten Monaten eine Tortur hinter sich. Ein halbes Jahr Chemotherapie und nun  Bestrahlungstherapie, die er noch nicht abgeschlossen hat. Am 14. Juli wurde ihm ein etwa faustgroßer Tumor aus seinem Unterkiefer operiert. „Bei dem Eingriff schwoll mein Gesicht und Hals so stark an, dass die Ärzte bei mir einen Luftröhrenschnitt machen mussten und eine Trachealkanüle zur Lunge legten, damit ich nicht ersticke“, sagt Julian Kolb, der zweieinhalb Tage auf der Intensivstation liegen musste und 14 Tage lang per Magensonde ernährt wurde. Gerade pendelt er jede Woche zwischen Berlin und Essen, wo er in einer Spezialklinik seine Bestrahlungen bekommt und hat schon wieder ein unglaubliches Trainingsziel im Kopf.

Die Narbe an Julians Unterschenkel ist noch frisch: Hier wurde ihm vor zwei Monaten der Knochen seines Wadenbeins entnommen.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

An den Wochenenden bereitet er sich auf den Spendenlauf vor, der am 19. September zwischen 8 und 13 Uhr auf dem Sportplatz der Kolibri-Grundschule in Hellersdorf stattfinden soll. „Ich will nicht gleich übertreiben, aber zehn Runden würde ich schon gern schaffen“, sagt Kolb, der trotz seiner Erkrankung sein Abitur mit 1,3 am Schul- und Leistungssportzentrum SLZB in Hohenschönhausen gemacht hat. Nun will er wieder laufen und allen beweisen, dass das auch trotz seines Handicaps geht. „Die Ärzte in der Klinik sagten mir, dass ich mein Wadenbein zum Fortbewegen gar nicht brauche“, sagt der Leistungssportler. In der Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie ist das Wadenbein dagegen sehr nützlich, da daraus ganze Kiefer geformt werden können.

Julian Kolb ist wohl so etwas wie ein medizinisches Wunder. Sein schwerer Eingriff ist gerade einmal zwei Monate her und die Strahlentherapie noch nicht abgeschlossen, da schnürte er schon seine Laufschuhe wieder an. „Selbst während meiner Chemotherapie bin ich mit einem Freund einen Marathon gelaufen. Da wir während der Corona-Zeit an keinem offiziellen Lauf teilnehmen konnten, sind wir unsere eigene 42,2 Kilometer lange Strecke quer durch Berlin gelaufen“, sagt der begeisterte Sportler. Da hätten selbst sein Ärzte gestaunt.

Bevor der Krebs ausbrach, war der Junge aktiver Leistungssportler. Er nahm am  Bogenschießen-Training der Bundesliga teil und betrieb viel Ausdauersport. Bis er plötzlich Ende 2019 Probleme mit seinem Kiefer bekam. „Ich konnte den Mund nicht mehr so weit aufmachen und spürte, dass er nicht mehr so beweglich war wie vorher“, sagt Julian Kolb. Sein Kieferorthopäde vermutete, dass sei ein Gelenkproblem. Doch der Schüler gab sich damit nicht zufrieden und suchte Anfang des Jahres einen weiteren Mediziner auf, der ein 3D-Röntgenbild seines Kiefers anfertigte. Er entdeckte schließlich das Weichteilsarkom in Julians Unterkiefer. „Er sagte, Julian, da ist etwas Großes, was da nicht hingehört“, erinnert sich Julian an diesen furchtbaren Moment, der das bisherige unbeschwerte Leben des Teenagers auf einen Schlag zerstörte.

Doch Julian Kolb ist niemand, der sich von seinem Schicksal so einfach unterkriegen lässt. Trotz seiner anerkannten Schwerbehinderung von 100 Prozent will er weiter Sport betreiben und hat auch schon einen Berufswunsch: „Ich will Medizin studieren, um anderen Menschen zu helfen“, sagt er. Doch jetzt steht erst einmal die erste sportliche Herausforderung nach seiner schweren Operation an. Für den Spendenlauf, den die Kolibri-Grundschule und der gleichnamige Berliner Verein Kolibri Hilfe für krebskranke Kinder Deutschland e.V. gemeinsam organisieren, werden noch Sponsoren gesucht (kolibrihilft.de). Einen berühmten haben die Veranstalter bereits ins Boot holen können. Nämlich Hertha-Profi Maximilian Mittelstädt. Die erlaufenen Einnahmen sollen der Schule und der Vereinsarbeit zugute kommen. 

Zwei Wochen Zeit bleiben Julian noch zum Trainieren. Schritt für Schritt kämpft er sich mühsam und willensstark zurück ins frühere Leben. Er sagt: „Ich habe neun Kilo abgenommen und muss wieder Muskelmasse aufbauen. Das kann länger dauern.“ Doch Julian ist ein tapferer Krieger und wird nicht aufgeben. Ganz gewiss nicht.