2019 legten Berliner an dem Unfallort Blumen als Zeichen ihrer Anteilnahme nieder. dpa

Der Patient, der zum Todesfahrer wurde: Michael M. (44) erlitt am Steuer eines SUV einen epileptischen Anfall, raste auf den Gehweg. Vier Menschen starben. Vor Gericht kommen nun Ärzte in den Zeugenstand.

Was haben sie dem Unternehmer erklärt, nachdem er ein halbes Jahr vor dem Horror-Crash einen ersten Krampfanfall erlitten hatte? Wie eindringlich wurde ihm vermittelt, dass trotz Medikation das Risiko eines weiteren epileptischen Anfalls besteht – mit Gefahr für sich und andere?

Ein Charité-Arzt (28) als Zeuge: „Bereits am Tag seines ersten Anfalls am 12. Mai 2019 wurde in der Rettungsstelle mündlich ein Fahrverbot ausgesprochen.“ Eigentlich sei beabsichtigt gewesen, M. stationär aufzunehmen – „er wünschte es nicht“. Entlassen gegen ärztlichen Rat.

Man hatte ihm eine antiepileptische Medikation verschrieben. Am nächsten Tag kam M. wie verabredet in die Privatsprechstunde eines Professors. In einem Arztbrief wurde danach festgehalten, dass M. für mindestens drei Monate anfallsfrei sein müsse, ehe er wieder Auto fahren dürfe. Doch er glaubte, er hätte alles unter Kontrolle.

Die Angehörigen der Opfer des SUV-Unfalls an der  Invalidenstraße treten im Prozess als Nebenkläger auf.


Pressefoto Olaf Wagner

Schon vier Wochen nach seinem ersten epileptischen Anfall im Mai 2019 saß der Unternehmer und Autofan wieder hinterm Steuer seines Porsche. „Ich bin nur gelegentlich kurze Strecken gefahren“, so M. im Prozess. M. über das quasi Fahrverbot: „Für mich war es eine Empfehlung, kein gesetzliches Verbot.“

Arzt soll gewarnt haben: „Denken Sie daran, nicht Auto zu fahren“

Anfang August 2019 dann eine Hirn-OP in der Schweiz. Minimal-invasiv wurde ein kleiner Tumor entfernt. Alles lief gut, nach wenigen Tagen durfte er nach Hause. M. und seine Ehefrau überglücklich. Der Tumor als Ursache für die Epilepsie entfernt – „ich ging davon aus: wenn die Ursache behoben ist, gibt es kein Risiko mehr“. Er und seine Frau seien sich „hundertprozentig sicher“ gewesen.

Der Professor in der Schweiz habe ihm geraten, die ersten vier Wochen nach der OP besser nicht selbst Auto zu fahren. Ende August 2019 aber soll ein Berliner Neurologe eindringlich gewarnt haben: „Denken Sie daran, nicht Auto zu fahren.“ Nach einer Hirn-OP dürfe man sich ein Jahr lang nicht ans Steuer setzen.

Am 6. September 2019 der Horror-Crash. M. war er mit seinem SUV aus dem Stau des freitäglichen Berufsverkehrs in der Invalidenstraße ausgeschert. Von einem epileptischen Muskelkrampf erfasst, trat er auf das Gaspedal seines Porsche Macan. Neben ihm saß seine Mutter (67), auf der Rückbank seine sechsjährige Tochter. Gemeinsam wollten die drei zum Pizzaessen in ihr Stammrestaurant.

Das fast zwei Tonnen schwere 400-PS-Auto raste auf dem Bürgersteig gegen Metallpoller, deformierte den Mast einer Ampel und überschlug sich daraufhin mehrfach. Mit über 100 Kilometern in der Stunde erfasste das Auto dann vier Fußgänger tödlich. Das jüngste Opfer war drei Jahre alt, seine 64-jährige Großmutter starb ebenfalls. Auch ein Spanier (28) und ein Brite (29) wurden getötet.

Die Anklage lautet nun auf fahrlässige Tötung in vier Fällen und Gefährdung des Straßenverkehrs. Im Grundsatz geht es um die Frage, ob der damalige SUV-Fahrer im strafrechtlichen Sinne schuldhaft den Unfall verursachte. Staatsanwalt und Nebenkläger sind überzeugt: Ärzte hätten ihn deutlich gewarnt. Er habe erkennen können, dass er nicht in der Lage gewesen sei, das Fahrzeug sicher zu führen.