Der achteinhalb Monate alte Omran Salem, der mit einem Atemwegsinfekt auf der Intensivstation der Kinderklinik des St.- Joseph-Krankenhauses liegt und beatmet wird.
Der achteinhalb Monate alte Omran Salem, der mit einem Atemwegsinfekt auf der Intensivstation der Kinderklinik des St.- Joseph-Krankenhauses liegt und beatmet wird. dpa/Soeder

Volle Notaufnahmen, zu wenig Betten: Die Kinderkliniken in Berlin sind seit Wochen am Limit. Auch über Weihnachten ist laut einer Kinderärztin keine Besserung in Sicht. Im Gegenteil. Viele Menschen auf engem Raum, die Infektionsgefahr steigt. Befürchtet wird, dass es in den Notaufnahmen noch voller wird.

Lesen Sie auch: Herzinfarkt-Alarm: In Berlin werden viele Patienten nicht richtig behandelt. Was alles schiefläuft – und welche Kliniken die beste Hilfe bieten. Die große LISTE>>

Der achteinhalb Monate alte Omran liegt in einem Bett auf der Intensivstation des St.-Joseph-Krankenhauses und hustet stark. Ein Monitor überwacht seinen Herzschlag. Dazu wird der Säugling zusätzlich mit Sauerstoff versorgt – wegen einer Atemwegsinfektion mit dem gefährlichen Erreger RSV liegt Omran seit mehreren Tagen auf der Intensivstation der Kinderklinik in Tempelhof.

Derzeit sei die Notaufnahme immer voll, schildert Chefärztin Beatrix Schmidt die Situation

Damit ist der kleine Junge kein Einzelfall. In der Bundeshauptstadt und deutschlandweit sind die Intensivstationen für junge Patienten derzeit stark überlastet. „Es ist Land unter. Es hat noch nie eine Situation gegeben, die so schwierig zu bewältigen war“, sagt Beatrix Schmidt, Chefärztin für Kinder- und Jugendmedizin am St.-Joseph-Krankenhaus.

Beatrix Schmidt, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St.-Joseph-Krankenhaus, untersucht im Beisein von Vater Ziyad Salem den achteinhalb Monate alten Omran.
Beatrix Schmidt, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St.-Joseph-Krankenhaus, untersucht im Beisein von Vater Ziyad Salem den achteinhalb Monate alten Omran. dpa/Soeder

Viele der jungen Patienten hätten sich mit dem RS-Virus angesteckt, das vor allem für Säuglinge und Kleinkinder gefährlich werden kann. RSV steht für den Atemwegserreger Respiratorisches Synzytial-Virus. Auch bei Omran hatte sich der Zustand in der vergangenen Woche verschlechtert, sagt sein Vater Ziyad Salem. Er hatte schwer gehustet und Probleme mit der Atmung. Deswegen habe er sein Kind in die Klinik gebracht.

Derzeit sei die Notaufnahme immer voll, schildert Chefärztin Schmidt die Situation. Gerade abends sei es fast unmöglich, im Krankenhaus noch ein freies Bett zu finden. Teils müssten Patienten an andere Kinderkliniken in Berlin und Brandenburg weiterverwiesen werden – doch: „Wenn wir voll sind, sind die anderen meistens auch voll.“

Es mussten schon Kinder nach Mecklenburg verlegt werden

Die Kinderklinik in Tempelhof habe schon Kinder mit einem Hubschrauber nach Mecklenburg-Vorpommern verlegen müssen. Durch die Influenza-Welle gebe es dazu noch einen riesigen Personalausfall. Von den insgesamt 24 Intensivbetten stünden je nach Personallage zwischen 18 und 20 zur Verfügung.

Dass sich die schwierige Situation rund um Weihnachten entspannt, bezweifelt Schmidt. „Es ist in den Weihnachtstagen immer sehr schwer mit der Rettungsstelle, und dass es in diesem Jahr besser wird, das glaub’ ich in keiner Weise, im Gegenteil“, sagt die Ärztin, die auch als Sprecherin den Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen in Berlin vertritt. Wenn man Pech habe, werde sich die Lage an Weihnachten weiter verschärft haben.

Lesen Sie auch: Klimaaktivisten gescheitert: Senat schiebt den Termin für den Volksentscheid in den März >>

Über Heiligabend selbst sei die Lage meist in Ordnung. Ab etwa dem 26. Dezember gingen die Zahlen aber dann erfahrungsgemäß meist wieder massiv hoch. Die Berliner Klinik will sich laut Schmidt daher mit niedergelassenen Kinderärzten zusammensetzen und klären, welche Praxen an welchen Tagen geöffnet haben. Dazu sollen große Listen mit den Verfügbarkeiten und Adressen ausgehängt werden.

Die Apparate überwachen die Vitalfunktionen des kleinen Patienten, der Vater passt immer auf.
Die Apparate überwachen die Vitalfunktionen des kleinen Patienten, der Vater passt immer auf. dpa/Soeder

Berlins CDU-Fraktionsvorsitzender Kai Wegner hatte kürzlich Kinderärzte dazu aufgefordert, ihre Praxen über Weihnachten stundenweise zu öffnen. Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, hatte die Forderung kritisiert und gesagt, die Situation sei vor allem im stationären Bereich angespannt, nicht im ambulanten. In Berlin gebe es über Weihnachten auch bereits einen doppelten Notdienst, also doppelt so viele Dienste wie an anderen Wochenenden.

Schmidt hat Verständnis für die Lage der Praxisärzte. „Sie arbeiten im Moment massiv viel. Dass einige von ihnen auch mit ihrer Familie Weihnachten verbringen wollen, das finde ich in Ordnung“, sagt sie. „Aber es sollten eben auch welche für die allgemeine Versorgung offen haben.“ Dies könne Kliniken in großer Not wenigstens etwas entlasten. Besonders wichtig sei es für sie daher, zu wissen, welche Praxis wann geöffnet habe. Es gibt auch gute Nachrichten: Omran geht es seit Anfang der Woche wieder besser als vorher, sagte sein Vater Ziyad Salem.