Jenny (16) hat nach ihrer großen Rücken-OP wieder neue Lebensfreude. Foto: Volkmar Otto.

Es ist der erste Sommer nach vier Jahren, den Jenny wieder genießen kann. „Endlich bin ich von meinen Schmerzen befreit und kann mich wieder mit meinen Freundinnen treffen“, sagt sie und strahlt. Zuvor war das Leben der Schülerin stark eingeschränkt, da sie unter einer schweren Skoliose litt. Erst der Berliner Experte Dr. Jan Matussek, Chefarzt der Kinderorthopädie aus dem Helios-Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf konnte ihr helfen und sie von ihrem Leiden befreien. Er operierte Jenny erfolgreich an der Wirbelsäule.

Ihre Qualen begannen 2016. Jenny, die mit ihrer Familie auf Rügen lebt, hatte immer häufiger Rückenschmerzen und war in ihren Bewegungen stark eingeschränkt. Ihrem Vater fiel auf, dass ihr Rücken an einer Stelle stark buckelig wurde. „Ich habe meine Tochter sofort zu einem Orthopäden geschickt, damit das abgeklärt wird“, sagt Jean Bindernagel (54). Dort erhielt seine Tochter die Diagnose Skoliose, eine angeborene Drehverbiegung der Wirbelsäule, die während ihres Wachstums in der Pubertät noch stark zugenommen hatte. Schätzungen zufolge sind deutschlandweit etwa 400.000 Menschen davon betroffen. Der Teenager bekam vom Arzt ein Korsett verschrieben, das die Wirbelsäule stabilisieren sollte und das sie Tag und Nacht tragen musste. „Es war furchtbar und hat sich wie ein Panzer angefühlt, da ich mich darin kaum bewegen konnte“, sagt sie. Außerdem habe es ihr nicht die Schmerzen genommen, die seien mit der Zeit sogar noch schlimmer geworden und hätten noch zusätzlich wahnsinnige Kopfschmerzen bei ihr verursacht.

Sie haben mich Schildkröte genannt und auf mein Korsett gehauen.

Jenny

Das Traurige: Ihre Mitschüler hätten sie wegen ihres Korsetts gehänselt. „Sie haben mich Schildkröte genannt und auf mein Korsett gehauen“, sagt Jenny leise. Das habe sie noch zusätzlich verletzt. Das Korsett habe sich stark unter ihrer Kleidung abgezeichnet und im Sommer habe man es besonders stark wahrgenommen. Wenn sie es nicht trug, habe jeder ihren krummen Rücken unter dem T-Shirt gesehen. Sie habe sehr unter ihrem Äußeren gelitten, aber auch unter den starken Schmerzen. „Ich saß oft tagelang zusammengekauert auf der Couch und konnte nicht richtig sitzen, weil alles wehtat. In der Schule hatte ich viele Fehltage“, erinnert sich das Mädchen. Selbst eine Reha-Behandlung konnte ihr nicht helfen und sie begann zu verzweifeln. „Wir hatten Mühe, unser Kind wieder aufzubauen, so unglücklich war sie“, sagt ihr Vater.

Zum Glück hatte ihr Orthopäde auf Rügen einen guten Kontakt in die Hauptstadt und überwies Jenny schließlich an seinen Kollegen Dr. Matussek. Der Chefarzt und sein Team sind bundesweit für eine Erfolg versprechende Versorgung bei Wirbelsäulenproblemen bekannt. Nachdem er sie eingehend untersucht hatte, riet er Jenny und ihren Eltern zu einer Operation, die ihre Wirbelsäule begradigen und ihrem Leiden ein Ende setzen sollte, aber auch nicht ganz gefahrlos war. Das größte Risiko bei dem Eingriff ist ein Schaden am Rückenmark, dies sei aber sehr selten, sagt Dr. Matussek. Nach einer internationalen Statistik kommen Lähmungen weltweit nur bei einem von 10.000 Patienten vor. „Eine solche Operation ist schon eine Herausforderung, aber eine Kontrolle der Funktion des Rückenmarks direkt während des Eingriffs, bei der die Korrektur der Verkrümmung der Wirbelsäule über ständige Nervenleitermessungen überprüft wird, ist schon sehr hilfreich“, ergänzt der Mediziner. Hinzu käme die zusätzliche Gefahr eines hohen Blutverlustes. Um die zu minimieren, arbeiteten sie mit einem System der Eigenblutwäsche während der Operation, mit dem den Patienten Blut aus der Wunde direkt wieder zurückgegeben werde. 

Dr. Jan Matussek war der Operateur. Er vermisst den Rücken von Jenny.
Foto: Volkmar Otto.

Der Zehlendorfer Spezialist führt mit seinem Team etwa 50 solcher Wirbelsäulen-Operationen pro Jahr durch und gilt als sehr erfahren. Trotzdem hatten Jenny und ihre Eltern große Angst vor möglichen Risiken, wie der Vater sagt. Doch der Leidensdruck der Tochter war stärker und am 24. Juni wurde Jenny operiert. „Ich lag während des gesamten Eingriffs auf dem Bauch. Dann wurden spezielle Schrauben und Halterungen an die einzelnen Wirbelkörper geschraubt und durch die Halterungen wurden Metallstäbe gesteckt, die die Wirbelsäule aufrichten“, beschreibt es die Patientin selbst. Nach acht Tagen habe sie das Krankenhaus schon wieder verlassen können.

Acht Wochen nach der Operation trafen die KURIER-Reporter das Mädchen in der Klinik. Sie kam mit ihren Eltern zur Nachuntersuchung. Wie es ihr jetzt geht? „Ich kann es selbst kaum glauben, aber ich kann wieder gerade stehen“, sagt sie. Dabei habe sie unmittelbar nach dem Eingriff sehr starke Schmerzen und Kreislaufprobleme gehabt und sei die Treppen nicht mehr allein heraufgekommen. „Da hatte ich es zunächst bereut und Sorge gehabt, falsch entschieden zu haben.“ Doch jetzt gehe es ihr Tag für Tag besser, auch dank der unterstützenden Physiotherapie. Darüber freut sich Dr. Matussek, betont aber: „Jenny konnten wir hervorragend helfen. Eine derartige Operation kommt aber nicht für jeden heranwachsenden Skoliose-Patienten infrage. Wenn sich durch Wachstumsschübe in der Pubertät binnen weniger Monate aus einer harmlosen, kaum erkennbaren Verkrümmung der Wirbelsäule plötzlich eine optisch sehr auffällige und störende Wirbelsäulenverkrümmung  entwickelt, wird ein operativer Eingriff denkbar“, sagt er. Ansonsten versuchten sie eine drohende Verschlimmerung von Skoliosen früh zu erkennen und mit einem Korsett zu behandeln. Bei Jenny habe das aber nicht ausgereicht, da sich ihre Skoliose sehr schnell verschlimmert habe.

Jenny ist glücklich über ihr neues Leben und wird am 1. September eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement beginnen. Sie sagt: „Die Berliner Ärzte haben mir ein neues Leben geschenkt. Darüber bin ich sehr froh.“