Die Berliner Feuerwehr schaffte es 2019 in über 83 Prozent innerhalb von 15 Minuten am Brandherd zu sein.  Foto: DPA/Paul Zinken

Alle 66 Sekunden ein Einsatz, alle drei Stunden eine Reanimation und alle 42 Stunden ein Übergriff auf Einsatzkräfte. Die Berliner Feuerwehr hatte im vergangenen Jahr vor allem in diesen drei Bereichen große Herausforderungen zu bewältigen. Die Zahl der Einsätze ist um drei Prozent gestiegen. Eine Entwicklung ist erschütternd: Retter werden bei ihrer Arbeit immer häufiger behindert und angegriffen. Ein solches Verhalten darf nicht weiter hingenommen werden, sagte Innensenator Andreas Geisel bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2019 am Montag.

Insgesamt registrierte die Behörde 478.281 Einsätze. Das sind rund 14.000 beziehungsweise drei Prozent mehr als im Vorjahr. Nur bei einem Bruchteil der Alarmierungen ging es um Brände (6688). Das waren knapp 900 Brandalarmierungen weniger als 2018. Die meisten Einsätze geschahen wegen verletzter Menschen durch Unfälle oder sonstiger Krankheitsfälle, zu denen Sanitäter und Notärzte gerufen wurden. Erschüttert zeigte sich der Innensenator über die Zahl der Angriffe auf Feuerwehrleute, die erstmals in der Statistik erfasst wurde. Demnach gab es 211 strafrechtlich relevante Vorfälle, 35 Einsatzkräfte wurden dabei verletzt. Nicht einmal zehn Prozent der Straftaten kamen bisher vor Gericht. Die meisten Angriffe wurden in Neukölln (17), Kreuzberg (14) und Moabit (7) registriert. Erst Ende vergangener Woche mussten sich zwei Retter in Schöneberg in einem Rettungswagen verschanzen, weil sie von einem aggressiven Mann attackiert worden waren. Der Randalierer demolierte daraufhin das Fahrzeug und riss das Kennzeichen ab.

Der zunehmende Hass gegenüber Sanitätern und Notärzten sei nicht nur in Berlin zu beobachten, so Geisel. Auch in anderen Städten würden Retter gefährlicher leben als noch vor wenigen Jahren. Der Innensenator betonte, dass der Staat mit aller Härte dagegen vorgehen muss. „Es kann nicht sein, dass wir beleidigt, bedrängt, bespuckt oder gar verletzt werden“, sagte Landesbranddirektor Karsten Homrighausen. Die Berliner Behörde ist mittlerweile die erste Feuerwehr in Deutschland, die ein Programm für Gewaltprävention eingerichtet hat. Der Beruf müsse gerade mit Blick in die Zukunft attraktiv und sicher bleiben, hieß es. Homrighausen befürchtet, dass potentieller Nachwuchs aus Angst vor Übergriffen andere Jobs bevorzugen könnte.

In den vergangenen Jahren nahm die Zeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr stetig zu. Die ursprünglich vorgesehenen acht Minuten im Rettungsdienst werden längst nicht mehr erreicht. Mittlerweile gelten zehn Minuten für Rettungswagen und zwölf Minuten für Notarztwagen als Ziel einer Vereinbarung zwischen Senat und Feuerwehr. Bei der Notfallrettung wurden nur knapp 57 Prozent der Zielvereinbarung erfüllt. „Da sind wir besser geworden, aber noch nicht gut genug“, gab sich  Homrighausen kämpferisch. Bei Bränden erfüllte die Feuerwehr über 83 Prozent der vereinbarten Ziele - also in 15 Minuten mit 14 Einsatzkräften vor Ort zu sein.

Bei vier Großeinsätzen war die Feuerwehr ganz besonders gefordert. Berlins größter Stromausfall im Februar 2019 in Köpenick hat eine große Verletzlichkeit spürbar gemacht, so der Innensenator. Der Blackout, bei dem über 31.000 Menschen 30 Stunden lang betroffen waren, zeigte, wie abhängig die Gesellschaft von Strom ist. Der Waldbrand im Grunewald und der Großbrand einer Lagerhalle in Lichtenberg hatten im Frühsommer insbesondere bei der Brandbekämpfung und Personenrettung der Feuerwehr alles abverlangt. An die psychischen Grenzen seien die 50 Retter eines Einsatzes im September 2019 in Mitte gelangt. Vier Passanten, darunter ein Kleinkind, waren auf dem Gehweg von einem Geländewagen erfasst und getötet worden.

„Die wachsende Stadt hat auch Auswirkungen auf die Arbeit der Feuerwehr“, erklärte Geisel. Seit 2009 steigen die Einsatzzahlen bei der Feuerwehr Jahr für Jahr an. Zu den knapp 3,8 Millionen Einwohnern kamen im vergangenen Jahr rund 14 Millionen Touristen. Aber nicht nur die Zahl der Menschen sei eine größere Last, sondern auch das Meldeverhalten. Demnach würden Sanitäter und Notärzte immer häufiger bei Kleinigkeiten gerufen, hieß es. Viele dieser Einsätze sind nach der langjährigen Einschätzung der Feuerwehr aber nicht nötig, weil es sich um leichte Verletzungen oder Krankheiten handelt. Damit könnten die Menschen etwa am Wochenende auch zu einem Bereitschaftsarzt gehen, statt sich von den Rettungswagen der Feuerwehr ins Krankenhaus fahren zu lassen.

Auffällig ist, dass die Zahl der Erkundungen von 47.111 im Jahr 2018 auf 68.829 gestiegen ist. Erkundungen sind Einsätze, bei denen nicht ganz klar ist, ob die Feuerwehr sofort oder gar nicht tätig werden muss. Als Ursache für den Anstieg vermutet der Landesbranddirektor, dass es immer mehr anonyme Anrufe gibt, die in die Irre führen. Die Menschen melden sehr viel schneller Vorfälle, die es letzen Endes gar nicht gegeben hat.