Eisbärin Hertha (Archivbild) Tierpark Berlin

Riesig war die Freude, als im Dezember 2018 Eisbärin Hertha im Tierpark auf die Welt kam. Doch nun kam zweieinhalb Jahre nach ihrer Geburt heraus, dass sie das Ergebnis einer Inzucht ist. Der Schock bei Direktor Andreas Knieriem ist groß. Niemand im Tierpark wusste bisher, dass die Elterntiere, Tonja (11) und Wolodja (9), Geschwister sind. Hertha hätte es eigentlich nie geben dürfen.

„Es  ist mehr als ärgerlich, dass dieser Fehler passieren konnte “, sagt Knieriem am Dienstag. Dabei trifft dem Tierpark keine Schuld. Der Fehler passierte vor zehn Jahren im Moskauer Zoo. Dort wurde Eisbärmutter Tonja, bevor sie nach Berlin kam, mit einem gleichaltrigen Weibchen verwechselt.

Dass etwas an der Herkunft von Tonja nicht stimmen könne, fiel der Moskauer Biologin Marina Galeshchuk im vergangenem Jahr bei der Durchsicht der Unterlagen auf. Darin standen widersprüchliche Angaben zum Geburtsdatum der Eisbärin.

Eisbärin Tonja (li.) und ihre Tochter Hertha in der Tierpark-Eisbärenanlage. Vater Wolodja ist derzeit in einem Zoo in den Niederlanden, wo er für Nachwuchs sorgen soll. Foto: Imago/Joko

„In dem Moskauer Zoo gab es 2009 zwei Eisbärenzuchtpaare, die fast zeitgleich für Nachwuchs sorgten“, sagt Knieriem. In beiden Fällen waren es Weibchen, die dann in eine gemeinsame Quarantäne kamen. „Dort hat offenbar ein Pfleger, der heute nicht mehr lebt, die beiden Tiere verwechselt“, so Knieriem. „In der Tat sind die Jungtiere von Eisbären kaum voneinander zu unterscheiden.“ Die Folge: Tonja bekam in ihrem Zuchtbuch die falschen Eltern eingetragen.

Nach dem Hinweis aus Moskau ließ der Tierpark eine Genanalyse von Tonja beim Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung machen. Das Ergebnis kam vor wenigen Tagen. Die Eltern von Tonja sind die Moskauer Eisbären Vrangel und Simona. Sie zeugten zwei Jahre später auch das Eisbären-Männchen Wolodja. Der Zufall wollte es, dass er im August 2013 in den Tierpark zu seiner Schwester Tonja kam, um mit ihr für Nachwuchs zu sorgen.

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Dies geschah auf Beschluss des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP).  „Wäre uns das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Tonja und Wolodja bekannt gewesen, hätten wir die beiden Eisbären selbstverständlich nicht für eine Zucht empfohlen. Das war ein Fehler“, so die Biologin  Galeshchuk, die auch Chefin des EEP ist.

Wolodja und Tonja zeugten schon vor Hertha Nachwuchs. Eisbär Fritz, der 2017 im Alter von vier Monaten starb, und ein namenloses Weibchen, das 2018 nach wenigen Tagen starb. Der Tod der Tiere hätte mit dem Inzests der Elterntiere mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts zu tun, so Achim Gruber, Direktor des Instituts für Tierpathologie an der FU Berlin. Es seien auch keine negativen gesundheitlichen Folgen für Hertha zu erwarten, erklärt er.

Mutter Tonja darf vorerst keinen Nachwuchs mehr bekommen. Laut EEP seien die Gene ihrer Eltern in europäischen Zoos stark repräsentiert. Darum darf später auch Hertha erst einmal nicht für Nachwuchs sorgen. Das EEP beschloss, dass sie weiter im Tierpark bei Mutter Tonja bleibt. „Dass ist letztendlich die gute Nachricht“, sagt Knieriem. Eigentlich sollte Hertha bald in einen anderen Zoo wechseln. „Zwar sind Eisbären Einzelgänger, aber wir hoffen, dass sich die beiden Tiere weiter gut verstehen.“