Mediziner und Pflegepersonal arbeiten auf der Corona-Intensivstation der Charité. Foto: Carl Gierstorfer

In der dritten Welle der Corona-Pandemie scheint das Limit in Krankenhäusern erreicht. 280 Patienten liegen auf den Intensivstationen der Hauptstadt. „Berlin hat für Notfallpatienten nur noch die obligatorischen 2,5 Betten pro Klinik frei“, sagt Steffen Weber-Carstens, Leitender Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin der Charité, am Freitag auf einer Pressekonferenz. Diese Betten müssten für Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten vorgehalten werden, so Weber-Carstens. „Auf den Intensivstationen ist eine Auslastung von 80 Prozent die absolute Obergrenze. Mehr geht nicht“, sagt er.

Ab kommender Woche werden an der Charité-Universitätsmedizin Berlin Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder vermehrt in Covid-19-Bereichen eingesetzt, erklärt Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung an der Charité. Die steigende Corona-Patientenzahl mache diesen Schritt nötig. Zudem werde die Zahl der elektiven Eingriffe zurückgefahren. „Wir rechnen mit einer erneut starken Arbeitsbelastung unserer Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte“, sagte Kreis.

„Manche Stationen sind bereits jetzt so voll, dass man andere Intensivpatienten mittlerweile wieder in Aufwachräume legt“, erzählt Christian Wessel. Er ist Mitte 30 und arbeitet als Pflegekraft auf Intensivstationen, betreut seit über einem Jahr Covid-19-Patienten. Da er bei einer Leasing-Firma angestellt ist, arbeitet er wechselweise in vielen Berliner Kliniken. Wessel weiß aus seinem Alltag, dass das Problem der knapp werdenden Betten nicht die einzige Belastungsgrenze auf Berliner Corona-Stationen ist.

Die Zuwendung, die jeder einzelne Patient braucht, ist fast nicht mehr zu leisten

„Viele Kollegen sind in der dritten Welle am Limit. Man sieht es an den gehäuften Krankmeldungen“, sagt Wessel. Nicht jeder, der sich krank melde, sei in Wahrheit krank. „Einige wollen damit ihren Protest ausdrücken und sagen: So geht es nicht mehr.“ Wessel berichtet von seinen aktuell aufwendigen Arbeitstagen. „Wenn ich zum Dienst komme, übergibt mir die andere Schicht meist drei Patienten. Normalerweise sollte sich eine Pflegekraft nach Verordnung maximal um zwei Patienten auf der Intensivstation kümmern.“ Manche seiner Kollegen hätten auch schon vier Patienten übergeben bekommen. „Das ist nicht zu schaffen. Vier Patienten gleichzeitig auf der Intensivstation zu betreuen, ist lebensbedrohlich“, sagt Wessel.

Die Zuwendung, die jeder einzelne Patient brauche, sei fast nicht mehr zu leisten. „Man muss ständige Check-ups bei den Patienten vornehmen, die Geräteinstellungen kontrollieren, die Medikation im Auge behalten, schauen, ob der Patient an der Dialyse hängt“, erklärt Wessel. Wenn die Patienten übergewichtig seien, müsse man sie je nach Situation mit mehreren Kollegen in Bauchlage bringen. „Man ist nur noch am rödeln.“

Die Patienten in der dritten Welle seien vermehrt zwischen 30 und 50 Jahren, so Wessel. Andrea Drechsler, Stationspflegeleitung im Vivantes Klinikum Neukölln kann das bestätigen. „Wir merken gerade, dass wieder mehr Menschen stationär mit Covid-19 behandelt werden müssen und die Belastung auf den Stationen zunimmt. Altersmäßig sind die Patienten jünger als im letzten Jahr, in Einzelfällen sind sie sogar nur um die 30 Jahre alt.“

Seit über einem Jahr leistet Wessel seinen Dienst auf den Corona-Intensivstationen. Dabei wollte er eigentlich bereits vor der Pandemie seinen Job als Pflegekraft beenden. „Mit Beginn der Krise habe ich erstmal weitergemacht und somit auch Erfahrungen im Umgang mit Covid-19-Patienten gesammelt. In der zweiten Welle wurde ich immer ausgelaugter, was bis heute angehalten hat“, sagt Wessel. Vielen Kollegen gehe es ebenfalls so.

Nach drei Wellen ist die Stimmung nur noch gedrückt

Nicht nur körperlich sei es enorm anstrengend, wenn man in seiner Schutzkleidung mit FFP3-Maske, Haube, Brille, Schutzvisier und Handschuhen acht Stunden lang in Zimmern stehe, in denen aufgrund der Hygienerichtlinien keine Fenster geöffnet sein darf. „Man buckelt meist die gesamte Zeit durch, weil man kaum eine Chance hat, aus dieser Montur herauszukommen.“ Nach seiner Schicht sei der Tag meistens für ihn gelaufen. „Wenn man sieht, dass viele Patienten nach mehreren Wochen Kampf dann doch sterben, ist das völlig deprimierend“, sagt Wessel.

Bereits vor der Pandemie sei die Stimmung in Berliner Kliniken „nicht so gut“ gewesen, weil es überall an Personal gemangelt hat. Man merke einfach, dass im vergangenen Jahr rund 800 Pflegekräfte in der Hauptstadt aufgehört hätten. „Nach drei Wellen ist die Stimmung nur noch gedrückt“, sagt Wessel. Auch ein finanzieller Corona-Bonus nütze da nichts. „Es überwiegt die Abgeschlagenheit und die Frustration gegenüber der Politik.“

Von einem harten Lockdown, wie er derzeit von vielen Medizinern und Experten gefordert wird, hält der Pfleger wenig. „Meiner Meinung nach nützt das wenig. Impfen und Testen sind für mich die Lösungen. Wenn wir beim Impfen weiterhin so langsam sind, wird es auch im kommenden Winter noch schwierig“, sagt Wessel. Er rechnet damit, dass die dritte Welle nicht die letzte Welle sein wird. Wessel wird zumindest als Krankenpfleger keine weitere Welle erleben. Ende Mai setzt er sein Vorhaben um und beendet seine Tätigkeit als Pflegekraft. Einen anderen Job hat er noch nicht. Dem Gesundheitswesen will er – in welcher Form auch immer – aber treu bleiben.