Frank Doucet am Berliner Hauptbahnhof, kurz vor der Abfahrt nach Frankreich. Er betrieb ein kleines Café in Pankow. Foto: Berliner Kurier/Gerd Engelsmann

Anderthalb Stunden, bevor sein Zug geht, erst nach Mannheim und dann weiter nach Paris, kommt Frank Doucet am Berliner Hauptbahnhof an. Mit der einen Hand zieht er einen Rollkoffer, darin sitzt seine Katze Medusa. In der anderen Hand hält er eine Plastiktüte mit den Dingen, die nicht in den Umzugslaster sollten. Am Morgen hat Doucet beim Abschließen seines Pankower Cafés seine Brille verloren. Der letzte Blick auf die Stadt, die er so liebt, verschwimmt. Nach drei Jahren in Berlin hat Frank Doucet alles verloren. Sein Café, seinen Traum und auch den Ort, der seine neue Heimat sein sollte, für immer.

Es ist sehr still im Untergeschoss des Hauptbahnhofs, wo wir, das Gepäck vor uns, auf einer der Bänke sitzen und uns an das erinnern, was Franks Leben in Berlin war.

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In Pankow, vis-à-vis der Kirche, hatte Frank Doucet in den letzten zwei Jahren einen Ort erschaffen, der mit seinen Besuchern etwas machte, sie für sich einnahm, sie geradezu aufsaugte und sie dann voller Eindrücke und verändert wieder in den Alltag entließ. So ging es mir jedenfalls. Wir aßen Raclette und tranken dazu Rotwein, und am Ende des Abends verabschiedete uns Frank mit Küsschen links und rechts. Es fühlte sich immer an, als besuchte man einen Freund.

Das Café Charles et Paulin, benannt nach seinen Großvätern, war Franks Wohnzimmer, sein Konzertsaal, seine Lesebühne. Ein französischer Salon mit Klavier, Goldrand-Geschirr, jeder Menge gutem Wein und dem vielleicht besten Käse der Stadt. Es war auch sein Neuanfang. Sein erstes Leben als Immobilienbanker hatte er hinter sich gelassen, er hatte die Welt gesehen und entschieden, dass Berlin die Stadt sein sollte, in der er sich irgendwann zu Ruhe setzt. Weil in Berlin die Mieten so viel günstiger und der Alltag so viel entspannter zu sein versprachen als in Paris.

Das Charles et Paulin in Pankow. Foto: Berliner Kurier/Andreas Klug

Ich sehe Frank vor mir, wie er mit geröteten Wangen aus der Küche am hinteren Ende des Cafés stürmt, die Schürze umgebunden, hoch über dem Kopf eine Quiche balancierend oder eine süße Tarte. Auf dem Plattenteller dreht sich Jazz oder eine Oper.

Irgendwann, wenn die Gäste satt, beschwipst und beseelt in den alten Sesseln versunken waren und von diesem sicheren Hafen aus dem Tag beim Vergehen zusahen, öffnete Frank eine Flasche Champagner und war glücklich. Keiner, der sonntags einen Platz beim Brunch ergattert hatte, konnte das übersehen.

„Eigentlich bin ich durch und durch ein Optimist“, sagt er auf dem kalten Bahnsteig. „Aber jetzt bin ich sehr müde.“ Von der Krise, vom Leben, vom Kämpfen um dieses Glück.

Dass er seinen Traum am Ende verloren geben musste, davon erfuhr ich, als ich die handgeschriebenen Zettel in den Fenstern seines Ladens entdeckte. Irgendwann im Herbst stand dort seine Handynummer und dass man alles kaufen könne, was man durch die Scheiben sah: Möbel, Öle, Delikatessen. Dort wo einst Lavendelsträußchen auf den Tischen standen und die Verlängerungsschnur um die Stehlampen herum ausgerollt wurde, wenn Gäste Raclette orderten, war nun alles in Unordnung geraten.

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An einem der Ausverkaufstage besuchte ich Frank, irgendwann sank er zwischen Wischeimer und Bücherstapeln in einen der Sessel und weinte. „Ich habe alles verloren“, sagte er. Dann kamen Kunden, die sich für einen der Sessel interessierten, und Frank wischte sich die Verzweiflung schnell aus dem Gesicht.

Da war die Insolvenz schon angemeldet, und Frank lebte davon, was er im Laden noch zu Geld machen konnte.

„Ich weiß jetzt, wie es ist, mit 100 Euro in der Woche auszukommen“, sagt er.

Dabei waren im März, als alle Restaurants schließen mussten, seine Reservierungsbücher auf Wochen gefüllt. Franks Geschäft lebte vom Moment, den man auskostete. Savoir vivre gibt es nicht to go.

Die Welt zu Hause in Berlin. Mit Jacqueline Bruce, einer amerikanischen Opernsängerin, brachte Frank Doucet Frankreich nach Pankow. Foto: Berliner Kurier/Andreas Klug

Doch auch ohne die französischen Feste liefen alle Kosten weiter. Gema, Wifi, Miete. Frank stemmte sich gegen das Ende. Den Sommer über hielt er durch, auch wenn die Gäste nur zögerlich zurückkamen. „Die Menschen haben nicht mehr ohne Hintergedanken gefeiert und genossen“, sagt er. Lieber mehr gespart hätten sie, und er könne es ja auch verstehen.

Das Aus kommt, als der Energieversorger Frank im Laden den Strom abstellt. Im August gab es erst eine Havarie, ihm vergammelten volle Kühlschränke. Hunderte Euro für die Lebensmittel gingen verloren. Dann kam die Rechnung, die Franks Traum beendete.

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Der Zug kommt bald. „Am Ende werden die Sushi-Bars und Kebap-Läden überleben. Mit Gastronomie, wie ich sie gelebt habe, hat das nichts zu tun“, sagt Frank. Er wird zunächst bei seiner Familie in Épernay unterkommen, im Herzen der Champagne. „Ich werde in meinen alten Beruf zurückkehren, ins Immobiliengeschäft. Ich will im sozialen Sektor arbeiten und versuchen, alten Menschen, armen Menschen zu helfen“, sagt er. „Das wird mich hoffentlich eines Tages wieder glücklich machen.“

Zum Abschied werfen wir uns Kusshände durch die kalte Luft in der Bahnhofskathedrale zu. Frank hat Tränen in den Augen, als er zum Abschied sagt: „Du kennst das Lied von Marlene Dietrich? ‚Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin‘?“ Für ihn ist es jetzt wie in diesem Lied:
Die Seligkeiten vergangener Zeiten
sind alle noch in diesem kleinen Koffer drin.