Mücken mögen es im Winter lieber etwas kälter. Foto: imago images

Wespen – scheinbar sind sie derzeit überall. Es kann einfach kein Zufall sein, dass zum Beispiel im Friedrichshain Wespen derzeit in vielen Gegenden ziemlich oft zu sehen sind. Nicht etwa in den Bäckereien oder Lebensmittelläden, sondern in den Hinterhöfen. Sie fliegen nicht nur zu den Blüten, sondern auch an den Balkontüren entlang. Und sie sehen tatsächlich ungewöhnlich groß aus.

Wird der Corona-Sommer 2020 etwa auch noch ein Wespen-Sommer wie 2018? Denn das extreme Hitzejahr war damals zumindest in Berlin tatsächlich ein Wespenjahr. Das zeigte sich auch daran, dass es doppelt so viele Anfragen zur Umsiedlung von Wespen, Hornissen und Wildbienen gab.

Subjektiver Eindruck zur Anzahl von Wespen, Mücken & Co.

Derk Ehlert, der Wildtierexperte des Berliner Senats, kann erst einmal in einigen Punkten Entwarnung geben. „Dass viele Leute derzeit so oft Wespen sehen, ist eher ein subjektiver Eindruck und liegt daran, dass viele in der Corona-Zeit tagsüber zu Hause sind und sehen, was auf ihren Balkonen los ist.“ Es stimme aber, dass die Wespen derzeit sehr groß sein. „Doch das ist völlig normal, denn es sind nur die Königinnen unterwegs, die ihre Brut ablegen wollen“, sagt er. „Und Königinnen sind nun mal größer.“

Insgesamt könnte es ein schwieriges Jahr für viele Insekten werden. Das ist natürlich ein Problem, da seit Jahren nicht nur massenhaft Bienen in der Natur fehlen. Sie sind nun mal die wichtigsten Bestäuber auch für die Landwirtschaft. Wegen dieser Bestäubungsleistung, die keine anderen Insekten in diesem Maß übernehmen können, gelten Bienen nach Rind, Schwein und Huhn als die viertwichtigsten Nutztiere für die Menschheit.

„Aber auch Wespen und andere Insekten wie Hummeln sind wichtig als Bestäuber“, sagt Ehlert. Doch für viele von ihnen war der Winter einfach zu mild. „Nur im Volksglauben sind kalte Winter gut gegen Insekten“, sagt der Fachmann. „Damit sind die sogenannten Kahlfröste gemeint: Also Frost ohne Schnee, bei dem sich die Insekten nicht unter dem Schnee vor der Kälte schützen können.“

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Insekten benötigen kalte Winter, um in gewohnte Starre zu verfallen

Ansonsten sind milde Winter für die meisten Insekten nicht so gut. Sie freuen sich eher über dauerhafte Kälte, weil sie dann in ihre gewohnte Starre verfallen und so den Winter überstehen können. „Für einige Insekten, die einen kalten Winter benötigen, um zu überleben, waren die vergangenen Monate nicht so gut“, sagt Ehlert. Da es oft zu warm war, erwachten sie aus der Starre, bewegten sich zu viel, kamen nicht zur Ruhe, verloren viel Energie und kommen nun recht geschwächt ins Frühjahr. Viele Schlupfwespen und Wildbienen sind betroffen.

Die Leute sollten sowieso nicht so viel Angst haben, sondern sich an den Insekten erfreuen: In Deutschland gibt es 550 Arten, davon etwa 300 in Berlin. Und nur zehn Prozent haben einen Stachel – übrigens auch viele Wespen haben keinen.

Mücken haben dieses Jahr kaum Chancen sich zu vermehren

„Wen es dieses Mal ganz hart getroffen hat, sind die Mücken“, sagt Derk Ehlert. Die erwachsenen Tiere seien in den Wintermonaten kaum in die Starre verfallen. „Sie haben sehr viel Energie verloren. Und nun ist es im Frühjahr auch noch sehr trocken – und sie haben kaum Chancen, sich zu reproduzieren.“

Bedeutet dies, dass dieser Sommer vielleicht ganz ohne größere Mückenplagen verläuft. „Das ist nicht sicher“, sagt der Fachmann: „Wenn es wieder Regen gibt, können Mücken ihre Bestände innerhalb von drei Wochen vervielfachen.“

Bleibt die Frage, ob es auch Insekten gab, die vom milden Sommer profitiert haben. Da lautet die Antwort: Ja. Zum Beispiel die Eichenprozessionsspinner, die bei einigen Menschen für heftige allergische Reaktionen sorgen. Auch die Kastanien-Miniermotte hat vom milden Winter profitiert. Sie schädigen die Blätter der Kastanien sehr stark. Ebenso profitierten vom warmen Winter die Riesenwanzen.

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Für die wichtigen Insekten wie Wildbienen, Wespen und Hummeln, die Pflanzen bestäuben, gibt es ein weiteres Problem: Trotz der Blütenpracht im Frühjahr finden manche zu wenig  Nahrung. „Hummeln bekommen schnell ein Problem, weil sie keine Futtervorräte anlegen und permanent auf Blüten angewiesen sind“, sagt Ehlert. „Doch nicht alles, was schön blüht, ist auch gut für Insekten.“ Viele Kulturgehölze wie Zierpflanzen blühen zwar heftig, aber ihre Blüten enthalten keinen Nektar, sondern wurden nur gezüchtet, um das menschliche Auge zu erfreuen.

Wer nun im Garten neue Bäume pflanzt, sollte beim Kauf darauf achten, ob sie insektenfreundlich sind. Auf dem Schild im Laden steht der Begriff: Bienennährgewächs.

Und wer derzeit beim Spaziergang darauf achtet, kann den Unterschied genau sehen: Beispielsweise fliegen in der Wuhlheide dicke Hummeln unermüdlich an Taubnesseln von einer winzigen Blüte zur nächsten. Gleich daneben blühen strahlend gelb noch Forsythien. Aber dort sind keine Insekten. Auch die beiden rosablühenden Zierkirschen neben dem abgesperrten Spielplatz sind schön bunt – aber insektenfrei.