Ein ungewöhnliches Bild: Ein menschenleerer ICE in Zeiten des Corona-Virus. Foto: Kerstin Hense

Berlin - Wie kommt man in diesen schwierigen Tagen sicher von Berlin nach Hamburg, wenn man kein eigenes Auto vor der Tür hat? Schwierige Frage. Geht man das Risiko ein und setzt sich noch in öffentliche Verkehrsmittel? Ich bin es eingegangen. Vor zwei Tagen saß ich in einem Geister-Zug und habe mich mehr weit mehr als einsam gefühlt.

Schon am Bahnhof Südkreuz komme ich mir plötzlich sehr verlassen vor. Außer mir sehe ich nur fünf weitere Fahrgäste stehen, die am Gleis 6 auf den ICE 800 nach Hamburg-Altona warten. Gespenstische Leere. Der Zug rollt pünktlich ein. Eine Platzreservierung habe ich nicht. Ich liebe es nämlich, im Bordrestaurant zu sitzen. Menschen zu beobachten, dabei in Ruhe meinen Kaffee und ein Stückchen Flammkuchen zu genießen und    in Zeitschriften zu  blättern. Das hat für mich ein Stück Lebensqualität. Doch  das Bordrestaurant hat geschlossen, wie so viele andere    Orte derzeit auch, wo viele Menschen zusammen kommen.

Lauter leere Sitzreihen im ICE

Ich gehe in ein Großraumabteil und habe fast freie Platzwahl. Außer mir sitzen nur noch zwei andere Fahrgäste dort. Ich bin ganz allein an meinem Tisch, an dem sonst vier Gäste Platz haben. Ich blicke mich um. Lauter leere Sitzreihen um mich herum. Offensichtlich ist sonst kaum einer so leichtsinnig wie ich und setzt sich noch in einen Zug.

Nächster Halt Berlin-Hauptbahnhof. Dort steigen noch ein paar weitere Passagiere zu. Viele haben größere Taschen und Koffer dabei und wollen offensichtlich für längere Zeit weg fahren. Mein Magen knurrt, ich habe Hunger. Hätte ich bloß vorher noch etwas gegessen. Ich krame in meiner Handtasche nach etwas Essbarem. Vielleicht hilft ein Kaugummi zur Ablenkung. Doch wie steckt man sich das bloß in den Mund, wenn man ungewaschene Hände hat. Auf die Bordtoilette traue ich mich erst gar nicht – aus Angst vor Viren.  

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Ich blicke in die Runde. Einige Sitzreihen vor mir, starrt eine junge Frau auf ihr Handy. Sie trägt einen Mundschutz. Ich trage keinen. Ich mache mir Gedanken, ob es eine gute Idee war, mit dem Zug zu fahren? Währenddessen hole ich das Desinfektionsmittel heraus und säubere mir damit die Hände. Kurz darauf komme ich mit der Hand an den Tisch. Erneutes Desinfizieren. Danach wieder eincremen. Zig Mal am Tag: Seit Tagen schon. Ich werde noch verrückt, denke ich.

Der Zug fährt mit achtminütiger Verspätung in den Hamburger Hauptbahnhof ein. Die Frau mit Mundschutz steigt vor mir aus. Ich halte schuldbewusst meinen Schal vor das Gesicht. Nächste Herausforderung: Mit 20 Kilo schwerem Koffer und zwei Laptops renne ich zur S-Bahn Richtung Buxtehude. Die ist wesentlich voller. Ich verkrieche mich mit dem Gepäck in eine Ecke. Da war mir der Geisterzug lieber. Zu viele Menschen machen mir neuerdings Angst.

Als ich gegen 17.15 Uhr am Ziel bin, denke ich: Hoffentlich habe ich mich nicht mit Corona infiziert. Zu Hause wasche ich sofort meine Hände. Noch länger als sonst.