Der Rettungsdienst der Feuerwehr rückt in Berlin ab sofort seltener aus.
Der Rettungsdienst der Feuerwehr rückt in Berlin ab sofort seltener aus. imago/Sorge

In Berlin war der Rettungsdienst der Feuerwehr in den letzten Monaten permanent im Ausnahmezustand. Zu viele Einsätze, zu wenige Rettungswagen, zu viele Bagatelleinsätze, zu denen man ausrücken musste. Um arbeitsfähig zu bleiben, wurde deshalb die Notrufannahme unter 112 umorganisiert: Bei machen Beschwerden wird jetzt kein Rettungswagen mehr alarmiert, sondern die Leitstelle der Kassenärztlichen Vereinigung.

Lesen Sie auch: Sorgenkind Lichtenberg: Hier gibt es viel zu wenige Kinderärzte. Besonders dramatisch ist es in Hohenschönhausen>>

Wegen der Überlastung des Rettungsdienstes gibt es in Berlin teils keinen freien Rettungswagen. Nach langer Diskussion hat die Feuerwehr Veränderungen vorgenommen. Die zeigen schnell Auswirkungen: Jetzt gibt es mehr Fälle, die bei der Leitstelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) auflaufen. Bereits am ersten Tag der Anpassung von Codes bei der Notrufannahme am vergangenen Montag sei die Zahl auf 160 gestiegen, teilt eine KV-Sprecherin mit.

Zuvor hat die Leitstelle nach ihren Angaben im Schnitt täglich mehr als 100 Menschen übernommen, die den Notruf 112 gewählt haben und bei denen es nach Einschätzung der Feuerwehrleitstelle keine Hinweise auf einen Notfall gab. Mit der Abgabe von Fällen an den ärztlichen Bereitschaftsdienst der KV hofft die Feuerwehr, die Überlastung des Rettungsdienstes in den Griff zu bekommen.

Kein Einsatz mehr bei allergischer Reaktion ohne Atembeschwerden

Die Leitstelle der KV ist rund um die Uhr über die Nummer 116117 erreichbar. Wer dort anruft, bekommt nach den Angaben eine erste medizinische Einschätzung. Je nach Erkrankung werden Patientin oder Patient in einer der elf Notdienstpraxen behandelt, es erfolgt ein Hausbesuch – oder im Notfall wird die Feuerwehr eingeschaltet. Viele Menschen rufen aber gleich die 112 an, sodass beim Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr auch viele Bagatellfälle landen.

Lesen Sie mehr: DAS wäre der Hammer! 9-Euro-Ticket in Berlin ab jetzt jeden Monat? So soll der Billig-Fahrschein gerettet werden>>

Bislang kam es trotzdem auch in solchen Fällen häufig zum Einsatz eines Rettungswagens (RTW). Dies sorgte für Kritik, weil sich der Rettungsdienst so quasi ständig im Ausnahmezustand befindet – und es teils keinen freien RTW mehr gab. Um das künftig zu vermeiden, hat die Feuerwehr 14 Codes bei 112-Notrufen verändert, die Bestandteil eines standardisierten Computersystems sind, das abgefragt wird. Damit soll es etwa keinen Einsatz mehr geben bei Patienten mit allergischer Reaktion ohne Atembeschwerden oder mit einer geringfügigen Verbrennung. Insgesamt sind laut Feuerwehr nun 127 Codes festgelegt, bei denen eine Weiterleitung an die KV erfolgt.

Lesen Sie auch: Auf den Berliner Straßen hat die Aggression Vorfahrt: Warum es der Senat es nicht schafft, für ein Miteinander im Verkehr zu sorgen>>

3000 Anrufe wurden an die KV abgegeben

Man stehe dazu im engen Austausch und habe die Veränderungen im Vorfeld besprochen, erklärten Landesbranddirektor Karsten Homrighausen und der KV-Vorstand. Die Zahl der Abgaben an die KV ist nach deren Angaben kontinuierlich gestiegen. Allein im zweiten Quartal 2022 habe die Feuerwehr rund 3000 Anrufe an die Leitstelle abgegeben. Mit Blick auf die aktuellen Code-Anpassungen erwarte man mehr Fälle, hieß es.

„Nach unserer aktuellen Einschätzung kann der ärztliche Bereitschaftsdienst dieses Mehraufkommen bearbeiten. Wir werden die Lage aber sehr genau beobachten, um gegebenenfalls gegenzusteuern“, heißt es vom KV-Vorstand. Er forderte eine finanzielle Absicherung: „Die Notfallversorgung ist bereits seit langem defizitär. Hier sind jetzt die Krankenkassen am Zug.“

Lesen Sie auch: Wetter: Bibbern ohne Gas? Hier kommt die Prognose für den Winter 2022/23>>

Nach Gewerkschaftsangaben sind die Feuerwehren bundesweit überlastet. „Egal ob in Hamburg, Berlin, Wiesbaden oder München, es fehlt überall an Rettungsmitteln für die Notfallrettung sowie den qualifizierten Krankentransport“, sagt Tobias Thiele, Pressesprecher der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft.