Patientin Bärbel Eichberg wurde am Mittwochnachmittag in der Praxis von Dr. Clemens Braun in Berlin-Wannsee geimpft. „Ich bin sehr glücklich. Es ist ein weiterer Schritt Richtung Hoffnung“, so die 73-Jährige.
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Mit Verzögerung startet das Impfen gegen Corona bei den Berliner Hausärzten. Die meisten der etwa 1800 Arztpraxen in der Stadt, die bei der Impfkampagne mitmachen, die laut Bund schon am ersten Tag nach den Osterfeiertagen beginnen sollte, konnten erst am Mittwoch ihren Patienten das Serum anbieten. Denn bei vielen Ärzten traf der bei den Apotheken vor Tagen bestellte Impfstoff von Biontech/Pfizer erst am späten Dienstagnachmittag oder am Mittwochvormittag ein.

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So war es auch bei der Wannseepraxis in Zehlendorf. Auf dem Hof haben drei Mitarbeiterinnen ein Zelt aufgebaut, in dem sie am Nachmittag die ersten Impfpatienten empfingen. Danach wird einer nach dem anderen zum Impfen in die Praxis gerufen. „Die Anfrage ist enorm, seit Tagen steht das Telefon nicht still, Patienten mit akuten Erkrankungen kommen schon gar nicht mehr bei uns durch“, sagt die Medizinfachangestellte Dörte Karsch. Bereits am Gründonnerstag haben ihre Kolleginnen und sie eine Sonderschicht eingelegt, eine habe sogar ihren Urlaub unterbrochen, um für den Impfstart nach Ostern bereit zu sein. „Wir haben bis in die Nacht Listen mit Patienten erstellt, die aufgrund des Alters oder einer chronischen Erkrankung die Priorität zum Impfen haben“, sagt Karsch.

„Das Impfen muss schnell gehen“

50 Dosen hatte die Zehlendorfer Praxis bestellt. Da nicht genug Biontech-Serum am Markt ist, kamen am Dienstagnachmittag nur 30 Dosen an. „Das Impfen muss nun sehr schnell gehen“, sagt Karsch. Denn das Biontech-Serum in einer nicht angebrochenen Flasche sei wegen seiner Empfindlichkeit nur fünf Tage im Kühlschrank haltbar.

Endlich steht der Stempel im Impfausweis der Patientin Bärbel Eichberg. 
Foto: Volkmar Otto

Für eine andere Praxis im Südwesten Berlins wird das zum Problem. „Wir haben erst am Mittwoch 25 Dosen bekommen und müssen nun zusehen, dass wir rasch die Patienten mit entsprechender Priorität einbestellen, damit die Dosen bis Freitag verimpft sind“, sagt ein Arzt. Denn mit dem Wochenende, an dem die Praxis nicht öffnet, würde eine nicht angebrochene Serumflasche mit sechs Dosen ungenutzt zwei Tage im Kühlschrank lagern. „Am kommenden Montag wäre die Haltbarkeitsfrist abgelaufen“, so der Mediziner.

Der Zehlendorfer Arzt Peter Thies beklagt, dass die Apotheken aufgrund der Engpässe mit unterschiedlichen Mengen des Biontech-Serums beliefert wurden. „Meine zuständige Apotheke sollte erst gar keine Ware bekommen“, sagt er. „Nach langem Hin und Her kam doch eine Lieferung. Eine Gemeinschaftspraxis erhielt 18 Dosen, ich nur sechs. Ich hoffe, dass die Liefermengen in den kommenden Wochen zunehmen, damit wir im Mai auch endlich die Jüngeren impfen können.“

Lange Wartelisten

Die Praxis „Die Hausärzte“ in Prenzlauer Berg konnte ebenfalls erst am Mittwoch mit dem Impfen starten. 70 Patienten werden geimpft. Da die Praxis eine größere Gemeinschaftspraxis ist, wurden 120 Biontech-Dosen für diese Woche geliefert, sagt die Ärztin Silke Weck. „Wir haben die Patienten nach Priorität angerufen“, sagt Weck. Die Warteliste sei lang und die Nachfrage groß. Die Praxis habe daher extra eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse für die Impfungen eingerichtet. „Die Menschen rufen ununterbrochen an“, so die Ärztin. Nicht nur die Nachfrage sei groß, auch der Aufwand, schon wegen der Zubereitung des Biontech-Impfstoffs. „In einer Flasche sind sechs Dosen enthalten, die innerhalb einer Stunde verimpft werden müssen“, sagt die Ärztin. „Das muss gut organisiert werden. Die Patienten dürfen nicht zu spät zum Termin kommen.“ Weck wünsche sich, dass die Priorisierungen der Impfreihenfolge gelockert wird. „Es bedeutet für uns sehr viel Aufwand, streng nach den Listen zu gehen. Viele Patienten, die geimpft werden sollten, erreichen wir auch gar nicht. Eine Lockerung der Priorisierung würde uns extrem helfen.“

Die Nachfrage in der Wannseepraxis von Doktor Clemens Braun in Zehlendorf ist enorm.  Foto:  Volkmar Otto

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Wolfgang Kreischer, Chef des Berliner Hausärzteverbandes, hat seine Impfpatienten erst zum späten Mittwochnachmittag zu sich in die Clayallee bestellt. Das Impfen abseits des normalen Sprechstundenbetriebes sei besser, so der Mediziner. Schließlich müsse er die Patienten über das Procedere aufklären, bevor sie die Einwilligungserklärungen unterschreiben. Um zu wissen, ob sie die Impfung gut vertragen haben, bleiben danach die Geimpften noch eine Weile zur Beobachtung im Warteraum. „Da braucht man viel Zeit für die Menschen“, sagt Kreischer. „Der Ablauf ist ähnlich wie in einem Impfzentrum.“ Kreischer muss es wissen. Er war als Impfarzt in so einer Einrichtung tätig.

Um 17 Uhr, als die Praxis öffnet, stehen die Patienten schon in einer Warteschlange vor der Tür. Kreischer ist froh, dass er am Vortag ausreichend Impfstoff erhielt und nun endlich mit dem Impfen gegen das Coronavirus loslegen kann. So mancher der Patienten mit chronischen Erkrankungen ist glücklich, dass er nun beim Hausarzt das Biontech-Serum erhalten können. Wie Fatima Kiesa (54), die ein Herzleiden hat, lange auf eine Impfeinladung warten musste. „Etwa sechs Patienten kann ich pro Stunde impfen“, sagt Kreischer. Sollten am Freitag noch Dosen übrig bleiben, will er auch am Sonnabend die Praxis öffnen.

Dr. Wolfgang Kreischer impft am Mittwochnachmittag eine Frau gegen Corona. „Etwa sechs Patienten kann ich pro Stunde impfen“, sagt der Mediziner, der auch als Impfarzt in einem Impfzentrum tätig war.


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Auch in der Charlottenburger Praxis von Bella Gawgajewa wird nun geimpft. Die bestellten Impfdosen kamen am Vorabend, sagt eine Arzthelferin. Um die 20 Impfungen könne die Praxis in dieser Woche durchführen. „Wir haben die Patienten bereits nach Priorität kontaktiert“, so die Arzthelferin. Doch die Warteliste werde immer länger. Auch in der Praxis von Gawgajewa stehe das Telefon nicht mehr still. Dabei gibt es auf der Website der Praxis keinerlei Hinweis, dass Covid-Impfungen durchgeführt werden. „Die Leute rufen an, fragen einfach nach.“ Das Impfen bei den Hausärzten sei eine große Herausforderung. „Aber es ist gut, dass wir es anbieten können. Die Patienten sind uns dankbar“, so die Arzthelferin.