Hochschwanger erwartet diese Frau die Geburt ihres Kindes zu Hause. Foto: imago-images/Cavan Images

Stay at home – Bleib zu Hause! In den letzten Monaten war das der Leitspruch, um das Virus einzudämmen. Beherzigt haben ihn vor allem schwangere Frauen. Und sie tun es immer noch. „Seit Corona haben wir Hebammen deutlich mehr Anfragen nach Hausgeburten“, sagt Ann-Jule Wowretzko, erste Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands. Genaue Zahlen werden dazu noch von der Senatsgesundheitsverwaltung ermittelt. 

„Viele kommen erst kurz vor der Entbindung und wollen plötzlich eine Geburt zu Hause. Das ist natürlich viel zu kurzfristig“, sagt Hausgeburtshebamme Gudrun Lorenz aus Pankow. Sie schätzt, dass die Nachfrage nach Hausgeburten seit Corona um 30 Prozent gestiegen ist. Ihre Kollegin Theresa Pilz aus Prenzlauer Berg sagt: „Wir erleben, dass viele Frauen nach der Geburt nicht im Krankenhaus bleiben und gleich nach Hause wollen.“

Ann-Jule Wowretzko, Erste Vorsitzende des Berliner Hebammenverband.
Foto: Josephine Neubert

Durch die Schwangerschaft haben Frauen ohnehin ein geschwächtes Immunsystem. Die Angst, sich im Krankenhaus mit Corona anzustecken, kommt dann hinzu. Auch Verbandschefin Ann-Jule Wowretzko hat von Frauen gehört, die sich erst auf eine Entbindung im Krankenhaus vorbereitet hatten und dann aufgrund der Pandemie auf eine Hausgeburt umgeschwenkt haben.

Obwohl Wowretzko Hausgeburten grundsätzlich gut findet, hält sie von dem sich abzeichnenden Trend eher wenig. „Für Hausgeburten müssen wir die Frauen sehr gut aufklären. Man ist als Hebamme nicht gut beraten, wenn man einer Frau, die sich monatelang auf die Klinik vorbereitet hat, ohne Beratung zu einer Hausgeburt verhilft“, findet Ann-Jule Wowretzko. Und fügt hinzu: „Angst vor Corona ist bei einer Geburt kein guter Berater.“

Eine Hausgeburt habe den Vorteil, dass die Frauen eine Eins-zu-eins-Betreuung bekommen. „Doch manche Frauen beispielsweise mit bestimmten Grunderkrankungen sind für Hausgeburten nicht geeignet“, sagt die erste Vorsitzende. In Notfällen könne zu Hause eben nicht schnell ein Kaiserschnitt gemacht werden. Dafür bräuchte es dann doch die Klinik.

Ältere Zahlen der Senatsverwaltung bestätigen, dass eine Hausgeburt nicht unbedingt ein Kinderspiel ist: Vor drei Jahren gab es in Berlin 803 Geburten in hebammengeleiteten Einrichtungen (beispielsweise Geburtshäuser). Davon mussten 233 Geburten in Kliniken verlegt werden und wurden dort vollendet. Von 338 Hausgeburten mussten 74 in Kliniken verlegt werden.

In den Kreißsälen der Stadt bestätigt sich der Trend, sagen Hebammen dem KURIER. Der große Ansturm auf die Kreißsäle scheint sich diesen Sommer bisher eher in Grenzen zu halten. In den Kreißsälen der Charité in Mitte und im Wedding erleben die Ärzte viele verunsicherte Schwangere. Es kommen auch Notfälle, bei denen eine Hausgeburt abgebrochen werden musste.