Latifa und ihre Geschwister lernen spielerisch, wie gesunde Nahrungsmittel wachsen. Im eigenen Beet können sie sich austoben. 

Thomas Uhlemann

Auf einem Acker in Ahrensfelde, dort wo die Hochhäuser von Hellersdorf am Horizont aussehen wie kleine Legotürmchen ist der Himmel weit, sind die Hände dreckig. Zwischen gelb blühenden Rapsfeldern beugt sich an diesem Donnerstagnachmittag eine Handvoll Menschen über Beete und bereitet die erste eigene Ernte vor. Noch sind die Pflänzchen klein und zart, doch bald schon werden Radieschen, Möhren oder eigene Petersilie den Speiseplan zu Hause bereichern. Eigenes Gemüse vom Balkon oder aus dem Mietbeet ist ein anhaltender Trend.

Die kleine Familie aus Hellersdorf mit Mama Katrin Großmann (35),  den Kindern Latif, Latifa, Anes, Benita und Oma Birgit Hanke (61) ist das erste Jahr dabei. Katrin Großmann arbeitet als Köchin in einer Schulküche. „Ich möchte, dass meine Kinder wissen, wo gesunde Nahrungsmittel herkommen“, sagt sie und hat für den Sommer im Beet ihre Mutter mit ins Boot geholt.

Wie aus einer Blüte eine Erdbeere wird

Gurken, Zucchini und Kürbis haben sie heute gepflanzt. Im Überschwang hat Latifa gerade die erste  Blüte einer Erdbeerpflanze abgezupft. „Schau mal, wie schön!“, sagt sie. Mama Katrin lacht: „Genau darum geht es, dass sie erleben, wie aus einer Blüte die Erdbeere wird, oder aus dieser eben auch nicht.“

In der Hellersdorfer Wohnung haben die Großmanns keinen Balkon, im Lockdown fiel ihnen ganz schön die Decke auf den Kopf. Umso mehr genießen die Kinder die Freiheit hier auf dem Mietacker. Ganz hinten haben sie in ein großes Stück Beet Wildblumen gesät.

Klaus Alex (63) ist Koch und wohnt in Hellersdorf. Er hat sich schon das zweite Jahr ein Beet gemietet und pflanzt Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und exotische Gewürze.
Thomas Uhlemann

Anderen geht es ebenso. Da ist zum Beispiel Koch Klaus Alex aus Hellersdorf. Der 63-Jährige  ist mit dem Rad zu seinen Pflänzchen gefahren und hat seine Schätze akribisch beschriftet. Er hat die Freiheit, hier anzubauen, was ihm schmeckt: exotische Gewürze und Kräuter etwa. Japanischer Wasserpfeffer, argentinische Myrthe, Mammutbasilikum, Jiaogulan, Agretti und Bonsaichili. Wer mehr über die Pflanzen wissen will, kann auf einem Schild mit QR-Code  alles erfahren. Überhaupt erfährt man einiges, wenn man an den Beeten entlanggeht. 

Jedes Beet hat einen eigenen Namen

Jedes der Beete hat einen eigenen Namen, der auf einem grünen Schildchen steht: Mamas Yoga heißt ein Beet, Mimis Möhrchen, Ludwigs Lust, Koljas Kolchose andere. An manchem Beetrand steht ein Gartenstuhl, Tomatenstangen recken sich in den sehr weiten Himmel vor der Stadt. Die Vögel zwitschern auf den Flächen nebenan, auf denen Martin Buchholz‘ Vater seit 1992 Getreide anbaut.

Kartoffeln und Getreide vor den Toren der Stadt. Die Familie Buchholz betreibt seit 1992 Landwirtschaft. Rechts: Vater Arno Buchholz (62); Mitte Martin Buchholz (37) und links Freundin Michaela (31). 
Thomas Uhlemann

„Mein Vater will ein bisschen kürzer treten mit der Landwirtschaft“, erzählt Martin Buchholz, so kamen die Juniors auf die Idee, Teile der Felder für Großstädter zu vermieten.

Hellersdorfer heiß auf eigenen Acker

Bereits nach der ersten Saison musste Martin Buchholz eine Warteliste aufmachen. Die Hellersdorfer sind heiß auf einen eigenen Acker. 37 Beete bietet Buchholz an. In der Premium-Version bepflanzt mit über 20 Gemüsesorten und Bewässerung in der Saison von Mai bis Oktober kostet das Stück Unabhängigkeit 249 Euro. Man kann aber auch ein 45 Quadratmeter großen Streifen märkischer Erde ohne alles mieten und sich für 99 Euro alles selber erarbeiten. 

Ab ins Familienbeet: Katrin Großmann (35 Mitte) ist mit ihren Zwillingen Latifa (vorne links) und Latif (3, vorne rechts), dem kleinen Anes (2 Mitte), der Oma Birgit Hanke (61 links hinten ) und der Freundin Sarah Schadow (37 rechts hintere Reihe) von dem kleinen Garten ganz begeistert. 
Thomas Uhlemann

„Die meisten Anfänger starten mit einem bepflanzten Beet!“, sagt Buchholz. Und er weiß, welche Anfängerfehler viele machen: „Sie starten zu früh mit dem Pflanzen, warten die Eisheiligen nicht ab“, sagt er. Und viele Neubauern unterschätzen das Unkraut. „Man muss schon regelmäßig jäten und herkommen.“ Wer mal zwei, drei Wochen nicht da war, hat viel zu tun. 

Auch wenn hier die große Gartenfreiheit lockt, zwei Einschränkungen gibt es: keine Pfefferminze, kein Topinambur, so Martin Buchholz. Das bekommt man nämlich nicht wieder weg, so wohl fühlt es sich im märkischen Sand.

www. mein-mietbeet.de