Der erste Tag: Seit Freitag darf die Gastronomie draußen wieder servieren. Oliver Koster, Chef von Die Kaffeefreunde, bringt frischen Kuchen für Heiko Franz (37) und Enikö Koklacs (35). Sabine Gudath

Auf der Sonnenseite – der Standort dieses Cafés ist einfach perfekt und das Wetter ist es an diesem Tag auch. Es ist Freitag, der 21. Mai, ein denkwürdiger Tag für die Gastwirte in Berlin, denn nun dürfen sie wieder ihre Außengastronomie öffnen. So auch das Café mit dem passenden Namen Die Kaffeefreunde im Samariterkiez in Friedrichhain. Es befindet sich auf jener Seite der Bänschstraße, die bereits am Morgen in allerschönstem Sonnenlicht erstrahlt.

Neben der Tür steht auf der Tafel: „Hurra, die Kaffeefreunde sind wieder da.“ Dazu hat jemand ein Blümchen gemalt. Die Hälfte der keinen Tische vor dem Café sind besetzt und Oliver Koster, der Inhaber, bringt gerade frische Getränke nach draußen.

Er hat um 9 Uhr geöffnet und bis 11 Uhr kamen immerhin acht Gäste. „Der erste Gast sagte: Schön, dass ihr noch da seid und schön, dass wir wieder bei euch sein dürfen“, erzählt der 39-Jährige. Er freut sich natürlich, wieder öffnen zu dürfen. „Wir hatten insgesamt acht Monte lang geschlossen.“ Es sei eine harte Zeit gewesen, im ersten Lockdown habe er noch alle sechs Mitarbeiter weiterbezahlt. „Doch dann wurde das Geld knapp.“ Er habe sie entlassen müssen, musste auch einen Kredit aufnehmen, um überhaupt die Miete zahlen zu können. „Nun hoffen wir, dass wir nicht bald wieder schließen müssen.“

Denn so etwas geht mächtig ins Geld. Er habe schon vor drei Wochen wieder angefangen, den möglichen Start vorzubereiten, sei bestimmt 30-mal einkaufen gewesen. Lange war unklar, ob zu Pfingsten die Erlaubnis tatsächlich kommt und wann sie wie viele frische Lebensmittel einkaufen können. „Wir brauchten alles neu: Nicht nur Mehl und Zucker für die Kuchen, selbst die Cola im Kühlschrank war abgelaufen.“

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Um sich an die Corona-Auflagen zu halten, darf er nun nur drei Tische und sieben Bänke weniger aufstellen. An einem der Tische sitzt Doreen Reinbacher und trinkt einen Latte Macchiato mit Sojamilch. „Das Omelett habe ich schon gegessen“, sagt die 40-Jährige. Sie freue sich sehr, wieder hier sitzen zu können. Denn sie arbeitet als Rettungsärztin in einem Krankenhaus und hat wegen der vielen Überstunden zuletzt sehr wenig Freizeit gehabt.

„Ich hatte lange keinen Ausgang mehr und schon einen echten Lagerkoller“, sagt sie. Denn sie sei kaum von Zuhause weggewesen. Im November hatte sie Corona, erzählt sie, mittelschwerer Verlauf, also heftige Symptome, aber ohne Klinikaufenthalt, allerdings mit Long-Covid-Folgen.

Endlich mal frei: Ärztin Doreen Reinbacher genießt den ersten Besuch in einem Café. Jens Blankennagel

Die Ärztin erzählt, dass sie gerne in Cafés sitzt. Sie hat schon vor längerer Zeit für sich das Ritual gefunden, dort ihre Fachliteratur zu lesen. „Dann kam Corona.“ Vor ihr liegt eine englische Medizinzeitschrift. Ein Café sei für sie viel besser, als auf einer Parkbank zu sitzen. „Dort gibt es kein Wlan, keine Toilette, da kann man nicht lange entspannt sein“, sagt sie. „Aber hier kann ich im Sonnenschein meinen Papierkram erledigen.“

Ihr Kaffee ist ausgetrunken und sie bestellt sich noch einen. Auf ihrer To-do-Liste stand an diesem Tag als erstes: Café-Besuch. Steht noch etwas drauf? „Ja. Später irgendwo ein Abendessen. Ich habe die ganze Zeit mehr oder weniger durchgearbeitet und Geld verdient. Ich sehe es nun als meine Bürgerpflicht an, der Gastronomie zu helfen und Geld auszugeben.“

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Weiter geht es zur Simon-Dach-Straße nahe der Warschauer Brücke. Vor Corona war es die wohl meistbesuchte Kneipenstraße zumindest im Friedrichshain. Dort waren sonst jede Nacht im Sommer viele Tausend Leute unterwegs, meist Touristen. Doch Touristen gibt es derzeit fast kaum. Deshalb sind dort fast alle Restaurants leer. Manche Kneipiers stellen am Mittag die ersten Tische raus, die meisten haben noch nicht mal geöffnet.

Ein Pärchen steht gerade bei einem Inder und erzählt, dass sie so eine Art Touristen sind. „Wir leben am Dachsteingebirge in Österreich“, sagt Peter Winkl. Der 47-Jährige ist mit seiner Frau spontan am Donnerstagmorgen nach Berlin gekommen, als er hörte, dass über Pfingsten wieder einiges öffnet. „Wir sind keine echten Touristen, haben auch kein Hotel“, sagt seine Frau Gesa. „Wir wohnen bei Freunden.“

Sie erzählen, dass sie schon im vergangenen Frühjahr einen längeren Berlin-Urlaub machen wollten. „Aber dann kam uns Corona dazwischen“, sagt Winkl. „Also sind wir nun schnell los, bevor alles wieder schließt.“ Ihnen gefällt ihre Reise bislang. „Obwohl die vielen geschlossenen Restaurants auch ein wenig gespenstisch aussehen.“

Nicht wundern, wenn in der Gastronomie nun die Preise anziehen!

Die neue Situation hat zu gravierenden Änderungen im Gastrogewerbe in Berlin geführt, das zeigt sich auch vor dem „Luft und Liebe“ – einer selbst ernannten „Erlebnis-Duft-Bar“. Dort steht eine lange Schlange vor der Tür, aber nicht, weil die Leute dort essen wollen, sondern weil es derzeit eine Teststation ist. Schräg gegenüber stehen vor dem einst sehr beliebten Thai Cuisine mehr als ein Dutzend Tische auf dem kleinen Platz. Aber nicht ein einziger Gast ist zur Mittagszeit da. Dafür warten sechs Fahrradkuriere der üblichen Lieferdienste auf Essen. Die einen mit großen orangefarbenen Rucksacktaschen, die anderen mit blauen.

Obwohl es der große Start-Tag für die Gastronomie ist, drängt es noch nicht so viele während der Mittagspause nach draußen. Vielen haben sich ganz offensichtlich in der Corona-Liefer-Bequemlichkeit eingerichtet.

Tom Krugmann hat am Mittag auch noch nicht geöffnet, räumt aber die Tische für den Abend auf die Niederbarnimstraße, die Verlängerung der Simon-Dach-Straße. „Bei uns geht es erst am Nachmittag los“, sagt der 61-Jährige. Er bietet fränkische und österreichische Küche an und hat für den Abend immerhin zwölf reservierte Plätze.

Berlin sagt wieder Prost!  Imago/Ralph Peters

Drei Wochen, bis ein heruntergefahrener Laden wieder läuft

„Viel mehr würden wir mit unserer Acht-Quadratmeter-Küche auch kaum schaffen“, sagt er und erklärt, warum so viele der benachbarten Wirte so zögerlich öffnen: „Man benötigt schon drei Wochen, bis ein heruntergefahrener Laden wieder auf voller Betriebstemperatur läuft.“ Er kann seine Gastwirtschaft nach der langen Schließzeit auch nur öffnen, weil er lediglich zwei Mitarbeiter hat. Er erzählt, dass viele Gastronomen händeringend nach neuen Kräften für die Bedienung suchen.

„Viele haben die Branche gewechselt, sitzen nun im Supermarkt an der Kasse und freuen sich, dass sie am Wochenende frei haben.“ Etliche von denen kämen wohl auch nicht wieder zurück in die Gastronomie. In vielen Restaurants würden nun außerdem Köche fehlen. „Einige sind einfach abgetaucht, andere pokern nun bei der Bezahlung“, erzählt er. „Es ist derzeit nicht leicht und die Leute sollten sich nicht wundern, wenn in der Gastronomie nun die Preise anziehen.“