Jeffrey Burton (61) ist der Chef vom Airport Squash & Fitness-Center in Tegel. Seine Sportanlage wird am Sonntag zum Wahllokal. Sabine Gudath

Wo gehen die Berliner am Sonntag wählen? Was für eine Frage, natürlich in ein Wahllokal. Davon gibt es 2257 in der Stadt. Die meisten befinden sie sich in Schulen, Kitas oder in Seniorenheimen. Aber es gibt auch außergewöhnliche Orte wie das Wahllokal Nummer 224 in Reinickendorf. Es ist ein Fitnessstudio.

Das Airport Squash & Fitness liegt in der Rue Charles Calmette, unweit des einstigen Flughafens Tegel. Wer in die von Jeffrey Burton (61) betriebene Anlage kommt, steht eigentlich vor der Wahl, mit einem Schläger einem kleinen Ball hinterherzujagen oder sich an einem der vielen Fitnessgeräte die Muskeln zu stählen. „Hauptsächlich wird aber bei uns Squash gespielt – und zwar richtig professionell. Unser Team Airport ist sogar in der Bundesliga, erkämpfte sich in der vergangenen Saison sogar den dritten Platz“, sagt Burton, der auch der Präsident des Vereins ist.

Jeffrey Burton zeigt den Gastraum im Airport Squash & Fitness-Center, in dem Wahlkabinen und die Wahlurne aufgestellt werden.  Sabine Gudath

Am Sonntag wird aber bei ihm der Sportbetrieb ruhen. „Mittlerweile ist unsere Anlage zum vierten Mal ein Wahllokal“, sagt Burton. „Das Bezirksamt kam damals auf uns zu, schlug vor, ob wir nicht in dem Squash-Center ein Wahllokal einrichten könnten. Ich sagte zu. Denn hier in der Gegend gibt es keine Schule, Kita oder ein Geschäft, wo die Anwohner ihre Stimme abgeben können.“

30.235 Wahlberechtigte gibt es in dem Wahlkreis, zu dem auch das Wahllokal 224 gehört. Eine CDU-Hochburg. Zu den Polit-Promis, die hier für den Bundestag kandidieren, gehören die Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) und der bisherige Berliner Abgeordnete Hakan Tas (Linke). Zu den bekanntesten Kandidaten für das Abgeordnetenhaus gehört die Integrationspolitikerin Emine Demirbüken-Wegner (CDU).

Für Squash-Center-Betreiber Jeffrey Burton wird der Wahltag ein ganz besonderer werden. „Es ist meine erste Berlin- und Bundestagswahl“, sagt er. „Vor 30 Jahren kam ich mit meiner Frau aus Wales nach Deutschland. Wir hatten die Bilder vom Mauerfall gesehen und beschlossen, nach Berlin zu ziehen. Unsere drei Kinder kamen in dieser spannenden Stadt zur Welt, ich wurde vor einem Jahr eingebürgert.“

In seinem Wahllokal wird Burton nicht wählen. „Ich wohne in Spandau, werde dort in einer Schule wählen.“ Für wen er stimmt, verrät er nicht. „Aber ich bin mit der jetzigen Politik zufrieden“, sagt Burton. „Das Schwierige ist nur, dass ich hier in Deutschland nun für den Bundestag und das Abgeordnetenhaus jeweils zwei Stimmen abgeben muss. In Großbritannien ist es leichter. Da finden nicht so viele Wahlen an einem Tag statt. Und man muss auch nur eine Stimme für den Kandidaten seiner Wahl abgeben.“

Hier wählt Berlin: Tempelhofer machen in einer Werkstatt ihre Kreuzchen

Nicht nur im Fitness-Center kann man in Berlin wählen. Wahllokale findet man auch in Theatern, in den Gemeinderäumen von Kirchen, im Amtsgericht Charlottenburg, beim RBB im Foyer des Funkhauses, in Galerien, in Autohäusern – und sogar in einer Werkstatt.

André Hoffmann (37) wird am Sonntag um 8 Uhr seinen Karosseriebetrieb am Tempelhofer Weg als Wahllokal Nummer 520 öffnen. In der großen Werkstatthalle wird er nahe den Autos, die dort zur Reparatur stehen, Wahlkabinen und Tische aufbauen, an denen die Wahlhelfer sitzen und die Wahlurne stehen wird.

Hoffmann hat darin schon Erfahrung. „Es ist mittlerweile die dritte Wahl, die wir bei uns ausrichten“, sagt er. Wie es dazu kam, dass sein Betrieb zum Wahllokal wurde? Es fing mit der Bundestagswahl 2009 an, nach deren Ausgang Angela Merkel zum zweiten Mal Kanzlerin wurde. „Ich hatte Bekannte, die bei den Wahlämtern arbeiteten. Sie erzählten damals, dass in unserem Wahlkreis mehrere Turnhallen als Wahllokal nicht nutzbar waren. Da bot ich unseren Karosseriebetrieb Hans Hoffmann an, der damals noch von meinem Vater geleitet wurde“, sagt der heutige Chef.

André Hoffmann ist für die Wahl bereit: In der Werkstatt seines Karosseriebetriebes werden die Tempelhofer am Sonntag ihre Kreuzchen machen.
Markus Wächter

Hoffmann stellt nicht nur seine Werkstatt zur Verfügung, er ist dort auch Wahlhelfer. „In diesem Jahr werde ich als Schriftführer bei der Auszählung der Stimmen dabei sein. Bundestagswahl, die Berlin-Wahl und der Volksentscheid – ich denke, wir werden bis Mitternacht gut zu tun haben.“ Hoffmann rechnet mit einer hohen Wahlbeteiligung.

Fast 35.000 Wahlberechtigte gibt es in diesem Tempelhofer Wahlkreis. „Es wird hier richtig spannend“, sagt Hoffmann, der bereits per Brief gewählt hat. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak wird versuchen, zum vierten Mal diesen Wahlkreis mit einem Direktmandat für sich zu gewinnen. Das wollen auch seine prominenten Gegner: der SPD-Rebell Kevin Kühnert und die Grünen-Politikerin Renate Künast.

Das besondere an der Wahl 2021: „Sie findet unter Corona-Bedingungen statt“, sagt Hoffmann. „Das bedeutet, die Berliner müssen bei der Stimmabgabe Masken tragen und Abstand halten.“ Werkstatt-Chef Hoffmann sieht es gelassen: „Wir haben in unserer Halle genügend Platz, sodass sich die Menschen nicht zu nahekommen werden.“