Vor 32 Jahren startete in Schönefeld erstmals der A310 der Interflug mit der Kennung DDR-ABC und schrieb deutsch-deutsche Geschichte: Der Airbus war einer der drei einzigen West-Flugzeuge, die die DDR bekam. Foto: Interflug/Abt. Werbung (Archiv)

In Schönefeld war er einst der Star der DDR-Fluggesellschaft Interflug. Der Airbus A310, der zu den drei West-Maschinen gehörte, die 1989 der Osten vom damaligen Klassenfeind erhielt und nun seit 30 Jahren für die Flugbereitschaft der Luftwaffe fliegt. Sein Dienst sollte dort eigentlich in dieser Woche mit einem Abschiedsflug enden und ein Kapitel deutsch-deutscher Geschichte für immer abschließen. Doch nun hob der frühere DDR-Flieger noch einmal ab – zu seiner wahrscheinlich letzten Mission. Mit ihm wurden in der Nacht zu Freitag 158 Flüchtlinge aus Afghanistan gerettet.

Dabei war der 20. August für den graulackierten Airbus ganz anders geplant. Er sollte am Freitag eigentlich in Köln zu einem letzten Rundflug starten. Danach war eine Abschiedsfeier für den A310 vorgesehen, die nun auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Denn der einstige DDR-Flieger wird noch einmal gebraucht.

Auf dem Flugplatz Wunstorf in Niedersachsen startet der A310 zu seiner Afghanistan-Mission. dpa

Die aktuelle Notlage in Afghanistan erfordert es. Seit der Machtergreifung der Taliban versuchen Tausende Menschen aus ihrer Heimat zu fliehen. Dramatische Szenen spielen sich auf dem Flugplatz in Kabul ab, wo sich die Flüchtenden regelrecht auf die Maschinen stürzen, um außer Landes zu kommen.

In einem Großraumflugzeug der Luftwaffe werden die ersten Flüchtlinge aus Afghanistan nach Usbekistan geflogen. Dort steht bereits der A310 mit anderen Jets in Bereitschaft, um die Menschen nach Deutschland zu bringen. AP

Die Luftwaffe ist mit einer Luftbrücke im Einsatz, um diese Menschen zu retten. Auch der frühere DDR-Airbus  ist für Evakuierungsflüge vorgesehen. Bis kurz nach Mitternacht stand er am Freitag auf dem Flugplatz Taschkent in Usbekistan. Mit dem A310 wurden 158 geflüchtete Menschen, die aus Kabul ins Nachbarland ausgeflogen wurden, weiter nach Hannover gebracht. Es könnte noch weitere Einsätze für den Flieger geben.

Bereit für den Einsatz: Der einstige DDR-Airbus steht im grauen Luftwaffen-Look auf dem Flugplatz in Taschkent (Usbekistan) und wird betankt. Seit 30 Jahren ist der Flieger im Dienst der Flugbereitschaft der Luftwaffe, hat Platz für 214 Passagiere.
dpa

Ulrich Kohl war einer der ersten Piloten des Interflug-Stars

In Berlin verfolgt Ulrich Kohl (74) die Geschehnisse. Er hat noch ein kleines Modellflugzeug von dem A310 als Erinnerungsstück. Der Mini-Flieger ist im Interflug-Outfit lackiert, trägt auf dem weißen Bug beidseitig die DDR-Fahne in Streifenform. Im Sommer 1989 kamen die ersten zwei A310 nach Schönefeld. Als letzter folgte im Herbst der Airbus, der nun seinen Abschied nehmen sollte. Er hatte die Kennung DDR-ABC. Alpha, Bravo, Charly, wie es im Pilotenalphabet heißt. „Auf dem Charly war ich einer der ersten Flugkapitäne“, sagt Kohl, der daheim vor einem Interflug-Poster steht, das ein Cockpit der Maschine zeigt. „Darin saß ich als Pilot.“

Der ehemalige Interflug-Kapitän Ulrich Kohl gehörte zu den ersten sechs Piloten, die in der DDR den A310 fliegen durften. Benjamin Pritzkuleit

Im französischen Toulouse fing 1988 alles an. Dort hatte sich der damalige bayerische Ministerpräsident und Airbus-Aufsichtsratschef Franz Josef Strauß in der Firmenzentrale des europäischen Flugzeugbauers mit Interflug-Chef Klaus Henkes getroffen, um einen besonderen Ost-West-Handel abzuschließen. Die DDR erhielt als erster Ostblock-Staat drei A310-Maschinen.

Franz Josef Strauß besorgte den Airbus für die DDR

„Wir schreiben ein neues Kapitel Luftfahrtgeschichte“, hatte Strauß gesagt. Der DDR kostete der Deal etwa 420 Millionen Westmark. Strauß hatte zuvor mit einem Milliardenkredit dem klammen SED-Staat ausgeholfen.

Im Sommer 1983 besuchte Franz Josef Strauß in die DDR und traf Erich Honecker. Dem klammen SED-Staat half der damalige bayerische Ministerpräsident mit einem Milliardenkredit aus, sorgte dafür, dass die Interflug die Jets aus dem Westen bekam. imago

Warum sich die DDR die West-Flieger leistete? „Die Flotte sollte moderner, die Interflug konkurrenzfähiger gegenüber den westlichen Airlines werden“, sagt Kohl. Experten glauben, dass dabei der hohe Treibstoffverbrauch der alten sowjetischen Maschinen eine Rolle spielte. „Auf jeden Fall war der Verbrauch der A310 wesentlich sparsamer“, sagt Kohl. „Für die Interflug gab es sogar eine Sonderanfertigung. Die Mittelstrecken-Maschine wurde mit einem Extratank ausgerüstet. So konnten wir mit ihm die Langstrecken nach Kuba oder Fernost bedienen.“

Auch für Kohl fing in Toulouse alles an. „Ich war sehr überrascht, als mein Chef plötzlich verkündete, dass ich zu den sechs Piloten gehöre, die im Airbus-Werk an der A310 ausgebildet werden sollen“, sagt er.

Die drei Airbus-Maschinen im Dienste der Interflug in Schönefeld: Vorn ist der A310 (DDR-ABC), der nun seine letzte Mission erfüllt. Die Jets dahinter wurden später Flieger der Bundesregierung. Interflug/Abt. Werbung (Archiv)

DDR-Airbus: Nach dem Mauerfall ging es nach Mallorca 

Für Kohl war das ein gigantischer Karriere-Sprung. 1969 hatte er bei der Interflug angefangen. „Meine Ausbildung machte ich auf den sowjetischen Maschinen Antonow 2 und IL14“, sagt der einstige Flugkapitän. „20 Jahre saß ich dann im Cockpit der IL18, einer Propellermaschine – und nun plötzlich der Airbus. Da lagen Welten dazwischen.“

Kohl fängt an zu schwärmen. Über die moderne technische Ausstattung, die der A310 hatte. „Allein das von Porsche designte Cockpit vom Airbus mit seiner übersichtlichen Geräteanordnung war einmalig.“ Für Kohl seien die Flüge mit dem A310 „wie von einem anderen Stern gewesen“. „Wenn das Wetter und alles an Bord stimmte, da konnte man zwölf Stunden entspannend im Cockpit sitzen und die Reise genießen.“

Turbulenzen gab es nie. „Dank der Extratanks konnten wir erstmals nonstop nach Havanna fliegen. Es ging nach Dubai, Singapur, Peking“, sagt Kohl. Ziele, die für den Großteil der DDR-Bürger bis dahin unerreichbar waren. „Meistens saßen Passagiere aus dem Westen in der Maschine“, sagt Kohl. Keiner ahnt im Oktober 1989, als der A310 „Charly“ den Dienst bei der Interflug antritt, dass wenige Tage später die Mauer fallen würde.

Nach dem Mauerfall 1989 steht den DDR-Bürgern die Welt offen: So wird der A310 zum Ferienflieger, bringt die Ostdeutschen erstmals nach Mallorca. Interflug/Abt. Werbung (Archiv)

Mit der Grenzöffnung steht nun allen DDR-Bürgern die Welt offen. Sie nutzen die Reisefreiheit auch mit den Airbus-Maschinen der Interflug, die 1990 erstmals als Ferienflieger die Ostdeutschen nach Mallorca bringen. Es wird nur von kurzer Dauer sein.

Oberst Johannes Stamm sollte der letzte Pilot sein 

Mit dem Ende der DDR ist 1991 auch mit der Interflug Schluss. Der Sauerländer Johannes Stamm (61) ist damals 31 und Offizier des Lufttransportkommandos der Luftwaffe in Münster, als die Bundeswehr die A310-Flieger in Köln übernimmt. Der heutige Oberst und stellvertretende Kommandeur der Flugbereitschaft des Bundesverteidigungsministeriums hatte damals seine erste Begegnung mit diesen Maschinen.


Oberst Johannes Stamm im Airbus-Cockpit. Er sollte den Abschiedsflug der einstigen DDR-Maschine fliegen, der für den 20. August geplant war. 

Bundeswehr/Miriam Altfelder

„In einer nahm ich bei der Übernahme an einem Einweisungsflug teil“, sagt Stamm, der bald für die Einsatzkoordinierung des einstigen DDR-Jets zuständig sein sollte. „Die Maschine trug noch die Interflug-Lackierung, die einstige Crew war an Bord. Tolle Leute.“ So manche der A310-Besatzungen der Interflug wurden von der Luftwaffe als Zivilangestellte übernommen. Zu ihnen gehörte auch Flugkapitän Ulrich Kohl, der später aber wieder zu einer Fluggesellschaft wechselte.

Zwei der drei Interflug-Maschinen wurden die „Air-Force One“ der Bundesregierung, flogen die Kanzler Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel zu ihren Staatsbesuchen. Bis 2010, dann erwarb eine iranische Airline den einen A310, der nun irgendwo in einem Depot ungenutzt stehen soll. Der andere Flieger ging 2014 nach Frankreich. Er wurde für Parabelflüge umgebaut, bei denen die Schwerelosigkeit simuliert wird.

Der A310 flog auch Promis: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer landete mit „Kurt“ im Juli 2020 zu einem Arbeitsbesuch in der polnischen Hauptstadt Warschau. Bundeswehr/Tobias Koch

DDR-Airbus: Immer an den Brennpunkten der Welt im Einsatz

Nun sollte auch für den letzten Interflug-Airbus der Luftwaffe, der die Kennung 10+23 und den Namen „Kurt Schumacher“ erhielt, das Ende kommen. Oberst Stamm kennt die Maschine gut, die er liebevoll „Kurt“ nennt. Stamm flog den Airbus, mit einigen Unterbrechungen, 21 Jahre lang. „Ich flog von Transall-Maschinen bis zum Helikopter fast alles“, sagt er. „Doch der ,Kurt‘ war meine liebste Maschine. Der Airbus war ein Top-Flugzeug, technische Probleme hatte ich bei meinen Flügen fast nie“, sagt er.

Bei der Luftwaffe war der DDR-Jet schon immer an den Brennpunkten der Welt im Einsatz. Er brachte Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan, Helfer mit medizinischem Gerät und Hilfsgütern in Krisenregionen oder holte Bürgerkriegs-Opfer aus Jordanien nach Deutschland. Mit dem einstigen Interflug-Flieger wurden Hilfstransporte in den brasilianischen Teil des Amazonas geflogen. Auch nach Wuhan brachte die Maschine im Frühjahr 2020 Hilfsgüter. Danach wurden mit ihr Ausländer aus der chinesischen Stadt evakuiert, in der die Pandemie ihren Anfang nahm.

Corona-Einsatz: Februar 2020 landet der A310 „Kurt Schumacher“ in  Frankfurt/Main mit Deutschen und Ausländern, die aus der chinesischen Stadt Wuhan evakuiert wurden, wo die Pandemie ihren Anfang nahm. dpa

Nun sollte Oberst Stamm am 20. August in Köln den einstigen DDR-Jet zum letzten Mal starten. „Es wäre für mich gleich im doppelten Sinn ein bewegender Moment geworden“, sagt er. „Denn ich werde nach 42 Dienstjahren in Pension gehen – und das wollte ich zusammen mit ,Kurt‘.“

Ob Stamm der Pilot ist, der als letzter den A310 in deutschen Diensten fliegen wird, hängt davon ab, wie lange die Maschine im Evakuierungseinsatz bleiben wird. Möglicherweise ist der Oberst bereits in Pension, wenn der DDR-Airbus seine letzte Mission beendet hat. Fakt ist, dass der einstige Star der Interflug sogar mit militärischen Ehren verabschiedet werden soll. „Er hat sich das verdient. ,Kurt‘ war ein ganz besonderes Flugzeug“, sagt Stamm. Es soll aber nicht verschrottet oder in Einzelteilen zerlegt werden, so der Oberst. Wenn alles gut läuft, fliegt der einstige Interflug-Airbus in Kanada als Militärmaschine weiter.