Nach dem CSD am 24. Juli: feiernde Jugendliche im Volkspark Hasenheide.
Pudwell

Seit die Berliner Clubs im vergangenen Jahr coronabedingt schließen mussten, feiern Jugendliche im Sommer gern nächtliche Partys in der Hasenheide. Das hat Folgen für die lärmgestressten Nachbarn und die Natur. Ein Gespräch mit Rainer Sodaikat vom Grünflächenamt Neukölln über die massiven Kosten für die Müllentsorgung, darüber, was gegen den Uringestank hilft und warum freiwillige Aufräumer sogar beschimpft werden.

Auch in diesem Jahr sorgen die sogenannten Corona-Partys wieder für Schlagzeilen. Wie viele Leute kommen da denn immer so?

Es ist jedes Jahr dasselbe Spiel: Immer wenn der Sommer kommt und die Nächte lau sind, kommen Jugendliche an den Wochenenden in die Hasenheide und feiern. Das war auch schon vor Corona der Fall. Aber damals waren es so 200 bis 300 Leute. Nun sind es Tausende.

Gibt es genauere Zahlen?

Es gibt Schätzungen der Polizei. Vor zwei Wochen waren es 3000 Leute, am vergangenen Wochenende 4000.

Gibt es eine rechtliche Handhabe, dagegen vorzugehen?

Das ist recht schwierig. Denn jeder hat natürlich das Recht, sich in einem Park aufzuhalten, auch nachts. Jeder kann dort auch picknicken, die Leuten dürfen sich auch treffen. Aber in diesen Größenordnungen wird es natürlich zu einem massiven Problem: Es geht um Lärmorgien und es geht um beachtliche Müllmengen.

4000 Leute zertrampeln einfach alles

Welche Schäden entstehen für den Park?

Ganz einfach: 4000 Leute zertrampeln einfach alles, was da ist. Wenn so viele Leute über Stunden auf einer Wiese tanzen, dann ist der Rasen weg. Einfach weg. Das hält keine Grasnarbe aus. Dazu kommen die zerstörten Sträucher, die zertrampelten Unterpflanzungen, der krautige Aufwuchs unter den Bäumen wie zum Beispiel Efeu. Das alles ist dann oft völlig verschwunden.

Rainer Sodaikat (63) ist Bauingenieur und beim Grünflächenamt Neukölln seit 15 Jahren auch verantwortlich für die Unterhaltung der Parks in Nord-Neukölln, also vom Hermannplatz bis zum Teltowkanal und damit auch für die Hasenheide. Bezirk Neukölln

Wie sieht es mit Urin aus?

Nicht gut. Es sind die normalen menschlichen Hinterlassenschaften, wenn Tausende Leute über Stunden Unmengen von Bier und anderem Alkohol in sich reinschütten. Überall Urin, Kot, Kondome. Der Gestank ist meist so heftig, dass es nur hilft, wenn wir dort zwei Tage lang wässern.

Und da gibt es keine rechtliche Handhabe?

Das Verbieten ist schwierig. Jeder darf sich im Park aufhalten, nur campieren ist nicht erlaubt. In Berlin gilt die Zeltplatzpflicht. Es kann nur wegen des Lärms und wegen der Umweltzerstörung vorgegangen werden.

Was macht die Polizei?

Sie wartet, bis sich Anwohner wegen nächtlicher Ruhestörung beschweren. Das dauert eine Weile, dann rückt die erste Streife an und fordert erst mal Verstärkung an, weil es so viele Feiernde sind. Am vergangenen Wochenende soll die Polizei erstmals um 0.30 Uhr dort gewesen sein, dann wurde noch das Ordnungsamt zur Hilfe geholt, und die Räumung des Parks dauerte dann bis morgens um 5 Uhr.

Mindestens zwei Tage beschäftigt, bis der Müll weg ist

Was macht das Ordnungsamt?

Es konfisziert Lautsprecher, DJ-Pulte oder auch Stromgeneratoren. Da wäre dann eine erste Handhabe: Die Generatoren müssten so geschützt sein, dass kein Öl heraustropft, sind es aber nicht. Da könnte mit dem Umweltstrafrecht agiert werden.

Wie lange dauert das Saubermachen?

Ich habe zwölf Leute für ganz Nord-Neukölln. Mindestens die Hälfte muss ich in die Hasenheide schicken. Die sind dann mindestens zwei Tage beschäftigt, bis die beschädigten Sträucher halbwegs geschnitten sind und der Müll weg ist.

Wie sieht es mit den freiwilligen Helfern aus?

Jeden Montag rücken da freiwillig Leute an. Die kümmern sich vor allem um den Kleinmüll, um Kronkorken, Zigarettenkippen, Scherben. Flaschen sind nicht so das Problem, jedenfalls Pfandflaschen, die holen sich die Sammler. Dazu kommt noch ein Projekt mit Leuten, die im Volksmund Ein-Euro-Jobber heißen. Das sind vier Trupps mit je drei Leuten, die erst mal zwei Tage lang nur auf den sogenannten Partywiesen zu tun haben, bevor sie den Rest der Hasenheide absuchen können.

Toll, dass es Leute gibt, die den Dreck anderer Leute wegräumen …

… das sehen nicht alle so. Da gibt es ein paar freundliche alte Damen, ich nenne sie immer scherzhaft die Rentner-Gang, stille fleißige Helferinnen, die aber auch beschimpft werden. Da heißt es: „Lasst das doch sein, sonst macht der Staat bald gar nichts mehr.“

Wie viel Müll fällt an?

Nach einer Party etwa 15 Tonnen. Ohne Party wäre es nur ein Drittel.

Was kostet das Ganze?

Wegen Corona sind bei uns auch Leute ausgefallen und wir mussten den Auftrag an Firmen vergeben: Das kostet etwa 3000 Euro. Woche für Woche. Ich gebe jedes Jahr für die Müllräumung in der Hasenheide 53.000 Euro aus. Das sind zehn Prozent des Gesamtetats. Dazu kommen noch ein paar andere Parks. Insgesamt ist es ein Drittel des Etats.

Geld, das gespart werden kann, wenn die Leute ihren Müll mitnehmen?

Genau, ich sage immer: Dieses Steuergeld werfe ich quasi direkt in die Müllverbrennung der BSR. Für diese 53.000 Euro könnte wir einen ganz normalen kleinen Spielplatz bauen lassen.

Was würde helfen?

Die Jugendlichen wissen: Da kommen Leute und räumen auf. Helfen würde nur, wenn wir den Müll liegen lassen. So wie beim Kinderzimmer. Wenn die Eltern immer aufräumen, verstehen die Kinder das Problem nicht. Aber es ist politisch nicht machbar, den Park einfach im Müll versinken zu lassen. Auch aus Sicherheitsgründen, wegen der Ratten und der Gesundheitsgefahren. Außerdem würden die Feiernden dann einfach weiterziehen.

Und Geldstrafen?

Es hilft immer, wenn es ans Geld geht. Aber bei Müll ist es wie bei liegen gelassenen Hundehaufen, es ist eine Ordnungswidrigkeit und kostet 25 Euro. Wir sind nicht in Singapur, da wird eine weggeworfene Zigarettenkippe mit mehr als 1000 Euro bestraft. Wir bräuchten also quasi eine Müllpolizei.