Urte Blankenstein als Frau Puppendoktor Pille mit der großen Brille: 20 Jahre war sie in dieser Rolle im DDR-Kindfernsehen zu sehen. Foto: imago images/stock & people

Fast jeder, der in der DDR aufwuchs, kennt sie.  Schauspielerin Urte Blankenstein (76), die als Puppendoktor Pille  von 1968 bis 1988 im „Abendgruß“ des Sandmännchens im DDR-Fernsehen zu sehen war und heute noch in dieser Rolle auf der Bühne steht. Nun hat sie ein Buch über ihr Leben geschrieben, blickt darin auf ihre Kindheit zurück. Davon war Blankenstein mit ihrer Schwester Elke vier Jahre im DDR-Kinderheim. „Für mich war das gar nicht  schlimm. Ich hatte dort eine sehr schöne Zeit verbracht“, sagt sie im KURIER-Gespräch.

Wenn Frau Puppendoktor jemandem erzählt, dass sie im Kinderheim war, ist es oft so, als würde sie dem Zuhörer eine bittere Pille verpassen. „Ich werde bedauert, weil diese Zeit nach jetziger Auffassung für mich eine sehr schreckliche gewesen sein muss. Einige bewundern mich sogar, dass ich nicht kriminell geworden bin“, sagt Blankenstein. „Das zeigt, wie einseitig man diese Heime heute sieht. Ich erlebte dort nicht die Hölle, keinen Missbrauch oder die Gewalt, von denen andere einstige DDR-Heimkinder berichten.“

Ein Bild aus Kindertagen: Urte Blankenstein (re.) mit ihrer Schwester Elke.


Foto: privat

Es ist ihre Sicht der Dinge, die die Schauspielerin in ihrem Buch „Habt ihr Kummer oder Sorgen“ (Bild und Heimat, 17,99 Euro) schildert, das sie mit dem Journalisten Frank Nussbücker schrieb und ab 15. Oktober erscheint. „Man muss dazu auch die Zeit betrachten“, sagt Blankenstein.  „Wir lebten nach dem Krieg in Wismar.  Meine Mutter gehörte zu den vielen Frauen, die ihre Kinder allein aufziehen mussten, weil die Männer im Krieg gefallen oder noch in Gefangenschaft waren. Mein Vater war weg, weil er uns wegen einer anderen Frau verlassen hat.“

Urte Blankenstein mit KURIER-Reporter Norbert Koch-Klaucke im Gespräch. 

Foto: Koall

Blankensteins Heimzeit begann 1951, als sie sieben Jahre alt war. „Mama musste einen richtigen Beruf erlernen, um uns gut versorgen zu können. Sie hatte ja vor dem Krieg nur die Hauswirtschaftsschule besucht. So ging Mama an die Medizinische Fachschule Magdeburg, um später Gemeindeschwester zu werden. Sie lebte in einem Wohnheim, wo kein Platz für uns Kinder war. Verwandte gab es nicht, so blieb Mama nichts anderes übrig, als uns in ein Heim ins nahe Schönebeck zu schicken, bis sie 1955 mit der Ausbildung fertig war.“

Die Schwestern fühlten sich im Heim gut behütet. „Es wohnten dort Waisenkinder, aber auch solche wie wir – Kinder von alleinerziehenden Müttern, die gerade studierten oder im Schichtdienst arbeiteten“, sagt Blankenstein „Wir gingen gemeinsam mit den Kindern aus der Kleinstadt in die Schule, wir hatten genug zu essen, was damals sehr wichtig war, wir spielten mit den Tieren auf dem heimeigenen Bauernhof, gingen ins Kino. Das alles empfand ich wie ein Ferienlager.“

Noch immer tritt Urte Blankenstein als Puppendoktor Pille auf. Foto: dpa

Besonders ist ihr die Heimleiterin in guter Erinnerung geblieben. „Sie war eine ganz besondere Frau, da sie mit uns  einen Chor gründete, mit dem wir Kinder sogar zu Auftritten fuhren. Ohne ihre künstlerische Förderung wäre ich vielleicht nicht das geworden, was ich heute bin.“

Geschätzt 500.000  Kinder lebten in der DDR von 1949 bis 1989 in Heimen. „Was dort passiert ist, muss man differenziert betrachten und nicht alle Einrichtungen verteufeln“, sagt Blankenstein. Ähnlich sieht es Heide Glaesmer, Professorin für medizinische Psychologie an der Uni Leipzig. Seit Juli leitet sie eine vom Bund geförderte Studie über DDR-Heime, zu der einstige Heimkinder über ihre Erfahrungen befragt werden. 2020 sollen die  Ergebnisse vorliegen. „Unser Ziel ist es, ein komplettes Bild über diese Einrichtungen zu zeichnen“, sagt Glaesmer.

Bisher würden in Forschungs- und Medienberichten nur die negativen Seiten dargestellt, erklärt sie. Etwa, dass die Staatsmacht Eltern, die in den Westen wollten oder die Flucht dorthin planten, die Kinder wegnahm und diese in Heime steckten. Dass schwer erziehbare Mädchen und Jungen mit drastischen Maßnahmen auf Staatslinie gebracht wurden. „Doch wie vieles im Leben gibt es auch eine andere Seite“, sagt Glaesmer. „Dass nicht alle Einrichtungen gleich waren, dort Kinder auch ein gutes und behütetes Leben vorfanden, höre ich immer wieder von Menschen, die vor allem in der Nachkriegszeit ihre Kindheit in einem DDR-Heim verbrachten.“