Julia Krawelitzki in ihrem Café „Fräulein Juli“. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Ich bin eine von vielen, die zurzeit jeden Tag um ihren Traum bangen müssen. Ich kann ihn nicht mehr leben, ich kann nur noch durchhalten. Vielleicht nehmen Sie sich einen Moment Zeit, diese Zeilen zu lesen, um mich und meinen Traum kennenzulernen.

Ich bin gelernte Medienmanagerin. Ich habe nach meinem Abschluss sogar in diesem Beruf gearbeitet. Doch manchmal kommt ganz unverhofft die Realität und zerstört die wilden jugendlichen Vorstellungen. Ich stellte schnell fest, dass ich niemand bin, der am Schreibtisch vereinsamen kann. Eine Daseinskrise gab es bei mir aber zum Glück nie, denn neben dem Studium habe ich immer in der Gastronomie gearbeitet. Rückblickend erkannte ich, dass ich genau dort sein sollte. Dass es mich glücklich gemacht hat. Ich wusste: Ich wollte meinen Computer gegen eine Schürze eintauschen.

Am Hochzeitstag meiner besten Freundin, es war der 26. August 2016, saß ich mit ein paar Freuden vor Glück ganz betrunken unter dem Sternenzelt und sinnierte über die Zukunft. Die Anwesenden wussten, dass es immer schon mein Traum war, etwas Eigenes zu schaffen. Doch noch fehlten mir Mut und Selbstvertrauen. Doch an diesem Abend, an dem das Glück so greifbar war, entstand die Idee: Ich fange mit einem Foodtruck neu an. Klitzeklein, nur ich und mein Hänger sollten die Herzen der Berliner erobern.

Kuchen gibt es bei Fräulein Juli momentan nur zum Mitnehmen. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Schon am nächsten Tag setze ich mich hin und begann, meinen Businessplan zu schreiben. Nach Stolpersteinen und Hürden stand ich am 1. April 2017 tatsächlich mit meinem Hänger Quentin in Lichterfelde auf dem Ostermarkt. Vollkommen fassungslos und überglücklich. Ich verkaufte Waffeln, süß und herzhaft. Von der Marmelade über das Apfelmus bis hin zum Waffelteig alles frisch und handgemacht. Und die Leute standen Schlange, gaben tatsächlich ihr hart verdientes Geld bei mir aus! Ich fing mit Wochenmärkten an, stand ein Jahr jeden Tag zwischen drei und vier Uhr auf, um mit Quentin die Stadt abzuklappern.

2019 schritt plötzlich das Schicksal ein

Schnell kamen Festbuchungen dazu. Hochzeiten, Firmenfeiern, Geburtstage. Im Herbst 2018 eröffnete ich ein Pop-up-Café in einer Eisdiele in Lichterfelde West. Der Laden war voll. Ich stellte meinen besten Freund ein. Er arbeitete erst im Café mit und bekam im Februar 2019 einen eigenen Hänger namens Vincent. Und dann schritt im Jahr 2019 das Schicksal ein. Ein befreundeter Konditor, der auch selbstständig war, sah ein Ladengeschäft in Lichterfelde Ost, das leer stand. Kurzerhand entschieden wir, etwas zusammen zu machen.

Nach unendlich scheinenden Arbeiten, ein paar Nervenzusammenbrüchen, vielen Litern Farbe und dem ersten Kredit wurde am 1. September 2019 Fräulein Juli eröffnet. Und das war und ist er immer noch: mein großer Traum. Wir hatten einen Ort geschaffen, der vom Kiez sofort angenommen wurde und immer gut besucht war. Ein kleines Fleckchen Erde, wo es sich lohnte, Rast zu machen. Doch auf einmal musste ich nicht nur mich und Quentin durchbringen, sondern auch 19 Mitarbeiter. Ich erinnere mich noch so gut daran, wie ich morgens oft ganz allein im Laden war. Wie ich überglücklich da saß und nur dachte: Du hast alles richtig gemacht.

Kekse machen glücklich – auch sie gehören in Krawelitzkis Café zum Programm. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Dann kam Corona. Die erste Zeit des Lockdowns habe ich erlebt, als würde ich in einer Blase sitzen. Ich fragte mich: Was dürfen wir überhaupt? Wir schlossen den Laden, aber öffneten ein Fenster für den To-go-Betrieb. Wir stampften einen Lieferservice aus dem Boden. Wir drehten Videos und schnürten Angebotspakete, führten Waffel-Bonuskarten ein. Auch an unsere Gäste haben wir appelliert, uns nicht zu vergessen. Haben mit geschmälerter Speisekarte versucht, die Kosten zu senken.

Lesen Sie auch: Pankower Wirt pleite wegen Corona: Hier flüchtet er aus Berlin! >>

Hinter den Kulissen habe ich mich in den Papierkrieg mit den Behörden gestürzt. Die Nächte durchgearbeitet. Nicht selten mit Tränen in den Augen und Angst im Herzen weiter gemacht. Immerhin: Die ersten Hilfen kamen schnell, rund 11.000 Euro gab es an Unterstützung. Das Geld half, aber nur kurz, denn die Kosten laufen weiter. Und auch, nachdem wir wieder öffnen konnten, büßten wir aufgrund der Hygiene und Abstandsregeln viel Umsatz ein. Dann der zweite Lockdown ab November, die Hilfen für Dezember sind bis heute nicht vollständig ausgezahlt. Man muss viel Geduld haben, um so schwere Monate zu überstehen. Aber ich habe meinen Mitarbeitern versprochen, dass wir es schaffen werden. Ein Versprechen, das ich bis heute nicht brechen musste. Keiner musste entlassen werden.

Hinter den Kulissen habe ich mich in den Papierkrieg mit den Behörden gestürzt. Die Nächte durchgearbeitet. Nicht selten mit Tränen in den Augen und Angst im Herzen weiter gemacht.

Julia Krawelitzki, Café-Betreiberin

Aber es fällt mir manchmal, wenn ich allein bin, so schwer, weiter zu lächeln und durchzuhalten. Ich hatte für 2020 und 2021 so viele Pläne. Fast alle Buchungen für unsere Hänger wurden 2020 abgesagt. Wurden teilweise hoffnungsvoll auf dieses Jahr verschoben. Mein Laden, der immer voller Leben war, war auf einmal nicht mehr das, was ich aus ihm gemacht hatte. Die Tische an die Wände geschoben. Alles funktional umgebaut, um auf das To-go-Geschäft einzugehen und bloß keinen Gast dazu zu animieren, sich setzen zu wollen. Die immer gleichen Erklärungen den Kunden gegenüber, warum sie sich nicht setzen dürfen, dass wir das auch alles doof finden, dass wir durchhalten werden und nicht aufgeben.

Die 33-Jährige verkauft auch Suppen im Glas. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Dieses Jahr sollte unser Lieferkundenstamm ausgebaut werden. Wir beliefern noch andere Cafés mit unseren Kuchen und Torten. Dafür habe ich 2020 ein Kühlhaus bauen lassen, um diesen Geschäftszweig zu erweitern. Hätte ich den Lockdown erahnt, wäre dieses Projekt wohl erst einmal verschoben worden, aber dafür war es schon zu spät. Ich wollte neue Kunden für unsere Hänger generieren. Neue Festivals ausprobieren. Doch jetzt bleibt mir immer noch nichts weiter übrig, als durchzuhalten. Ich laufe auch immer noch lächelnd durch die Straßen und begrüße meine Gäste freudig. Wir entwickeln neue Ideen, neue Kuchen und neue Anreize, um zu beweisen, dass es sich immer noch lohnt zu uns zu kommen.

Januar und Februar sind die Saure-Gurken-Zeit der Gastronomie

Aber wie jeder weiß, sind der Januar und der Februar die Saure-Gurken-Zeit für die Gastronomie. Ich würde mir so sehr wünschen, dass mehr Menschen von „Fräulein Juli“ erfahren. Mehr Menschen gerade jetzt den Weg zu uns finden. Mir damit helfen, das Versprechen gegenüber meinen Mitarbeitern nicht zu brechen. Aber ich habe in der Krise auch etwas Gutes gelernt. So schwer alles war: Wir haben von unseren Gästen unglaublich viel Zuspruch bekommen. Sie schickten uns Karten, stellten Blumen vor die Ladentür, sprachen uns Mut zu. Es zeigt: In Krisensituationen erkennt man, wie gut viele Menschen sind – und wie sie wirklich ticken, auch wenn man nicht daran geglaubt hätte.