Winfried und Barbara Junge in ihrem Arbeitszimmer: Sie haben die berühmte Langzeit-Doku „Die Kinder von Golzow“ gedreht. Foto: Engelsmann

Im RBB-Fernsehen kann man sie sonntags wieder sehen: „Die Kinder von Golzow“ von Winfried Junge, der mit seiner Frau Barbara (76) eine der längsten Langzeit-Dokus der Filmgeschichte drehte. Am 19. Juli wird der Berliner 85. Auf einem Käffchen mit dem KURIER verriet er, wie seine Karriere begann – mit dem Sohn von Stasi-Chef Erich Mielke.

Die Kinder von Golzow auf dem Weg zur Schule: Winfried Junge zeigt dem Kameramann, wie er die Einstellung haben möchte. Foto: privat

Das Filmemacher-Ehepaar ist gerade dabei, in seiner Wohnung  ihr Archiv seines Lebenswerkes aufzuarbeiten. Jede Menge Ordner liegen im Wohnzimmer fein säuberlich auf Couch und Tisch sortiert. Beim Sichten erzählt Junge, dass er eigentlich Lehrer werden wollte. Doch dann bekam er einen Studienplatz an der Filmhochschule in Babelsberg.

Winfried Junge beim Drehen eines Elternabends in der Schule in Golzow. Foto: Engelsmann

Sein erstes Werk lieferte Junge Ende der 50er-Jahre bei der Defa ab. Er musste die bereits fertige Doku „Bevor der Mensch kam“ überarbeiten. „In dem Film ging es um die Jahrmillionen der Erdgeschichte. Der Defa kam darin der Mensch zu kurz“, so Junge. „Also sollte ich eine Anfangsszene mit einem Jungen nachdrehen, der in einem Buch liest.“ Das Kind war schnell gefunden. „Ich ging in das Theater der Freundschaft, sprach einen Jungen im Publikum an. Als ich den Vater um Erlaubnis bat, lamen  plötzlich zwei Personenschützer.“

Filmemacher Winfried Junge in einer Drehpause. Foto: privat

Junge war irritiert. „Erst beim nachfolgendem Telefonat erfuhr ich, dass der Vater Erich Mielke war und ich beim Drehen der Szene dann seinen Sohn Frank vor der Kamera hatte“, sagt Junge. Er hatte Mielke, der damals der neue Chef der Stasi wurde, beim Treffen im Theater nicht erkannt. „Es gab damals von ihm kaum Bilder in den Zeitungen.“

Nur 15 Minuten war der Film mit Mielkes Sohn lang, der auch in die Kinos kam. Über 42 Stunden Laufzeit hatte dagegen Junges Meisterwerk, „Die Kinder von Golzow“.  Von 1961 bis 2007 drehte der Berliner die insgesamt 20 Filme lange Doku, seine Frau war ab 1978 dabei. Eine Chronik, die über fünf Jahrzehnte Menschen aus dem Oderbruch-Dorf begleitet – von ihrem ersten Schultag bis hin zu ihrem Leben als Erwachsene. „Ungeschminkt, so wie es war, haben wir ihren Alltag in der DDR und den nach der Wende gezeigt.“

Barbara und Winfried Junge sprechen mit KURIER-Reporter Norbert Koch-Klaucke über ihre „Kinder von Golzow“. Foto: Engelsmann

Trotz internationaler Preise und Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde stand das Projekt oft auf der Kippe. So wollte die Defa Ende der 70er-Jahre nicht noch mehr Filme drehen lassen. Denn Filmmaterial war teuer. „Doch Erich Honecker war von der Reihe begeistert, sorgte dafür, dass 1981 die Golzow-Chronik ins Fernsehen kam. Später setzte sich sogar Egon Krenz dafür ein, das wir weiterdrehen durften.“

Als es die DDR nicht mehr gab, entstanden die letzten Golzow-Filme mithilfe der ARD. Ob die Junges Lust auf einen weiteren hätten? „Man sollte es bei dem jetzigen Ende belassen“, sagen Winfried und Barbara Junge. „Aber wir haben noch immer Kontakt zu unseren Golzowern.“