Das Vivantes Humboldt-Klinikum Am Nordgraben in Reinickendorf nimmt keine Patienten mehr auf.  Foto: Jürgen Ritter/imago images

In Berlin werden immer mehr Infektionen mit der Corona-Mutation B.1.1.7 aus Großbritannien bekannt. In zwei Berliner Krankenhäusern ist die Corona-Variante mittlerweile nachgewiesen worden: 20 Menschen am Humboldt-Klinikum im Bezirk Reinickendorf haben sich (Stand Sonnabend) mit der Mutante angesteckt. Neben 14 Patienten seien sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen, so die Klinik.  Zudem sollen Fälle am Virchow-Campus der Charité in Wedding aufgetaucht sein. Dass weitere Kliniken bald betroffen seien könnten, wird nicht ausgeschlossen. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci weist auf belastbare Krankenhauskapazitäten hin. 

Gebärende müssen in andere Kliniken ausweichen

Im Humboldt-Klinikum ist jetzt gehandelt worden. Am Freitag erhielten Mitarbeiter einen Brief, dass ab der Nacht zu Sonnabend keine Patienten mehr aufgenommen werden. Notfälle – auch Gebärende – sollen in andere Kliniken gefahren werden. Außerdem wurden am Sonnabend alle Patienten mittels PCR-Test noch einmal auf Sars-CoV-2 getestet.

Die Fälle am Humboldt-Klinikum waren vorher auf der Station 13.1. für Innere Medizin und Kardiologie nachgewiesen worden. Die Infektionen wurden bei einem Routinescreening der Klinik bei bereits positiv getesteten Corona-Patienten entdeckt. Keine der Personen sei zuvor in Großbritannien gewesen. Wo sich die Menschen angesteckt haben, sei unklar. Zunächst war nur die Kardiologie geschlossen worden. Nun ist die ganze Klinik dicht. Die Quarantäne ist vorerst für zwei Wochen angesetzt.

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Pressereferentin Mischa Moriceau bestätigte am Sonnabend, dass keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden. Das sei in Abstimmung des Pandemie-Stabs des Vivantes Humboldt-Klinikums und der Hygiene-Beauftragten mit den Akteuren des Gesundheitsamtes Reinickendorf und des RKI geschehen. Man konzentriere sich jetzt auf die derzeit dort stationär behandelten Patienten.

Mischa Moriceau: „Die Maßnahme wird mit den Vivantes zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt, damit sich die in den letzten Tagen im Vivantes Humboldt-Klinikum identifizierte Virusvariante B.1.1.7. nicht weiter in Berlin ausbreitet und eingedämmt wird.“

Der Aufnahmestopp gilt seit dem 22. Januar um 24 Uhr und bis auf Weiteres, so die Sprecherin. „Notfälle werden in andere Krankenhäuser gebracht, neue, sowohl stationäre als auch ambulante Patienten nicht mehr aufgenommen. Dies betrifft auch Gebärende und Besucher – mit Ausnahme von Angehörigen Sterbender.“ Die Mitarbeiter des Vivantes Humboldt-Klinikums stehen einstweilen unter Pendelquarantäne zwischen ihrem Zuhause und der Klinik. Dazu heißt es in dem Brief: „Alle Mitarbeiter werden vom Gesundheitsamt unter Quarantäne gestellt. Sie dürfen sich ausschließlich zu Hause oder in der Klinik aufhalten. Dazu dürfen, mit äußerster Vorsicht und FFP2-Maske, öffentliche Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit genutzt werden.“ Das gelte auch für die Tochterunternehmen der Vivantes. Außerdem soll vorerst nicht mehr mit Leasingkräften gearbeitet werden.

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Die Sprecherin auf die Frage, ob weitere Vivantes-Kliniken dichtmachen müssen: „Ein ganzes Krankenhaus war bisher davon nicht betroffen, wie im Fall des Vivantes Humboldt-Klinikums.“

Gestern äußerte sich zudem Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD): „Es ist zu begrüßen, dass die Bundeskanzlerin und die Spitzen der Länder die Gefährlichkeit der sogenannten britischen Mutation unterstrichen und die Sequenzierung in Deutschland stärken. Die Regeln die wir uns im Kampf gegen das Virus auferlegt haben, müssen weiterhin streng eingehalten werden.“

Zur Frage, ob noch weitere Kliniken schließen müssen, antwortete sie: „Zur Zeit sind wir über rund 20 Mutationen informiert, müssen aber wahrscheinlich von mehr ausgehen. Möglichen Schließungen wollen wir hier nicht vorwegnehmen, weisen aber auf belastbare Krankenhauskapazitäten hin.“

Alarmiert ist man auch bei der Berliner Krankenhausgesellschaft. Sprecherin Barbara Ogrinz gestern: „Zurzeit wird das Ausbruchs-Geschehen untersucht. In die Aufklärungsarbeit wird auch das Robert Koch Institut involviert. So können die Ursachen für den Vorfall ermittelt werden. Diese Erfahrung mit der Virus-Mutante ist alarmierend. Daher werden weitere Maßnahmen zur Abwehr der Virusvariante zu Beginn der Woche gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, der Berliner Feuerwehr und den Amtsärzten dringlich zu erörtern sein.“

Ein wirksames Mittel zur Absicherung der Arbeitsfähigkeit des Krankenhäuser sei die Impfung aller Beschäftigten in den Kliniken, die jetzt mit Hochdruck ermöglicht werden müsse. Daneben benötigten die Kliniken dringend Erleichterungen bei der Dokumentation und mehr Spielraum für den Einsatz von Personal. Die Sprecherin weiter: „Zusätzlich muss auch sichergestellt werden, dass ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, sollte das gesamte Behandlungs-Geschehen sich nur auch auf die Behandlung von Covid-Patienten konzentrieren müssen. Politik und Verwaltung müssen die Krankenhäuser jetzt voll unterstützen, damit ihre wichtige Arbeit abgesichert ist.“

Die Charité hatte in der vergangenen Woche angekündigt, zusammen mit dem Vivantes-Verbund und Labor Berlin positive Corona-Proben auf die bekannten Virus-Mutationen hin zu prüfen. Ziel sei es, einen besseren Überblick darüber zu bekommen, wie stark sich die Sars-CoV-2-Mutationen bereits in der Hauptstadt verbreitet haben. „Durch diesen nun standardisierten Prozess ist davon auszugehen, dass täglich weitere Fälle mit der Virusvariante festgestellt werden und die Entwicklung der Zahlen sehr dynamisch bleibt“, ordnet Vivantes die gemeldeten Infektionen ein.

Mutation B.1.1.7 deutlich ansteckender

Die in Großbritannien entdeckte Mutation B.1.1.7 ist Experten zufolge infektiöser als bisherige Formen. Sie wurde in der zweiten Januarwoche das erste Mal in Berlin nachgewiesen. Infiziert war ein junger Mann, der zu Weihnachten aus Großbritannien in die Hauptstadt eingereist ist. Nachdem eine starke Ausbreitung mehrerer Corona-Varianten im Ausland beobachtet wurde, wird nun auch in Deutschland verstärkt danach gesucht.

Die Gesamtzahl der Varianten-Nachweise in Berlin war zunächst nicht zu erfahren. „Sobald die vorgeschriebenen Meldewege belastbare Zahlen ermöglichen, können diese kommuniziert werden“, teilt ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung mit.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat bislang (Stand Donnerstag, 0.00 Uhr) 28 Nachweise von B.1.1.7 aus sieben Bundesländern gemeldet bekommen. Bei 19 der bisher bekannten Fälle wird laut dem Institut eine Ansteckung im Ausland angenommen, in neun Fällen sei die Quelle noch unklar. Für die andere Variante, die sich in Südafrika stark verbreitete, waren bisher insgesamt 17 Fälle aus Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg bekannt.

Der Virologe Christian Drosten, dessen Labor an der Charité auf Coronaviren spezialisiert ist, sagte im NDR-Podcast, er schätze, dass die Mutante aus Großbritannien ungefähr ein Prozent oder weniger der Fälle in Deutschland ausmache. Drosten vermutete Einschleppungen über die Weihnachtstage. Mehr Daten seien in den nächsten Wochen zu erwarten.