Das Grab von Max Friedlaender auf dem Stahnsdorfer Friedhof dpa/Kalaene

Eigentlich ist das nicht zu entschuldigen, aber die evangelische Kirche versucht, den Schaden zu begrenzen. Rund ein halbes Jahr nach der skandalösen Beisetzung eines Neonazis im Grab des jüdischen Wissenschaftlers Max Friedlaender auf dem Friedhof von Stahnsdorf bei Berlin hat die evangelische Landeskirche dort einen Gedenkort eingeweiht.

Sechs Monate nach der umstrittenen Beisetzung eines Neonazis im früheren Grab des jüdischstämmigen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender hat die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz einen Gedenkort eingeweiht. Auf Deutschlands zweitgrößtem Friedhof erinnert jetzt eine Gedenktafel neben dem neu aufgestellten Grabstein an das Leben und das Werk von Max Friedlaender (1852–1934).

Bei der Einweihung auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf am Montag waren neben dem Berliner evangelischen Bischof Christian Stäblein auch Angehörige der Familie und Nachfahren von Friedlaender dabei. Die können es vermutlich immer noch nicht fassen.

Das war passiert: Im vergangenen Oktober hatte die Urnenbeisetzung eines Neonazis im früheren Grab von Friedlaender auf dem Südwestkirchof Stahnsdorf für Schlagzeilen gesorgt.

Horst Mahler kam zur Neonazi-Beisetzung

Das Nutzungsrecht an dem Grab war 1980 erloschen, der Grabstein blieb allerdings stehen. Ein NPD-Politiker erwarb die Grabstätte als Provokation und am 8. Oktober 2021 wurde auf dem Grab der Holocaust-Leugner Henry Hafenmayer bestattet. Unter den Trauergästen war auch der wegen Volksverhetzung verurteilte Horst Mahler.

Die Landeskirche plante daraufhin einen Gedenkort, mit neu aufgestelltem Grabstein und Gedenktafel. Von einer Umbettung der Urne des Rechtsextremisten Henry Hafenmayer war abgesehen worden. Verstehen muss das keiner, es ist eine Klatsche für Friedlaenders Angehörige.

Mit der historischen Aufarbeitung war das Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam von der Landeskirche beauftragt worden. Auf dessen Vorschlag sei der Historiker Thomas Irmer mit der Erforschung des Lebens von Max Friedlaender betraut worden, teilte die Landeskirche weiter mit.

Eine Gruppe von Expertinnen und Experten begleite diese Arbeit, die fortgeführt werde. Zusätzlich sei eine Veranstaltung geplant, in der die bedeutende Leistung von Max Friedlaender als Musikwissenschaftler analysiert werden soll, hieß es.

Friedlaender war jüdischer Herkunft, trat aber 1894 zum Protestantismus über. Er starb am 2. Mai 1934 in Berlin und wurde auf dem evangelischen Südwestkirchhof in Stahnsdorf bestattet. Bischof Stäblein bedankte sich bei der Familie des Musikwissenschaftlers: „Sie haben mit uns die Versetzung des Grabsteins bedacht und entschieden; ebenso das Aufstellen der Gedenktafel zu seinem Gedenken.“

Friedlaender wurde von Nazis aus Ämtern verdrängt

Die Familie wandte sich gegen eine Vereinnahmung Friedlaenders „als Projektionsfläche durch verschiedene Seiten“. Die mit der Landeskirche gemeinsam geplante Schaffung des Gedenkortes sei „geprägt vom Leitgedanken der Befriedung und Versöhnung für alle Seiten“.

Der Konzertsänger und Musikwissenschaftler Friedlaender wurde 1852 in Brieg in Schlesien geboren, das heute zu Polen gehört. Nach einem Gesangsstudium in London und Frankfurt am Main studierte er in Berlin Musikwissenschaft. Nach kurzer Lehrtätigkeit in den USA gründete er 1917 das Berliner Deutsche Volksliedarchiv.

Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er von den Nationalsozialisten aus seinen Ämtern verdrängt, obwohl er noch 1933 eine „Hymne an Deutschland“ veröffentlicht hatte, die als vaterländische Komposition galt.

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Der mehr als 200 Hektar große Südwestkirchhof liegt am südlichen Berliner Stadtrand in Brandenburg und ist der größte evangelische Friedhof in Deutschland. Er gehört zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und ist als Landschaftsdenkmal geschützt.