Berlin. Die Gewinner der „First Steps“-Awards: (erste Reihe, v. l.) Pipi Fröstl, Nancy Mensah-Offei, Kaiman Nagy, Valentin Stejskal, Sophie Linnenbaum, (zweite Reihe, v. l.) Pasindu Goldmann, Lea Najjar, Marleen Valien und Mariam Shatberashivili.
Berlin. Die Gewinner der „First Steps“-Awards: (erste Reihe, v. l.) Pipi Fröstl, Nancy Mensah-Offei, Kaiman Nagy, Valentin Stejskal, Sophie Linnenbaum, (zweite Reihe, v. l.) Pasindu Goldmann, Lea Najjar, Marleen Valien und Mariam Shatberashivili. dpa/Monika Skolimowska

Mehr als 1800 Spielfilme und Kinodokumentarfilme wurden 2021 in der EU und dem Vereinigten Königreich produziert. Diese ungeheure Zahl ist bloß zustande gekommen, weil führende  Produktionsländer wie Deutschland nicht allein die Stars der Branche fördern, sondern ebenso den Nachwuchs. Und das auch in den harten und entbehrungsreichen Jahren der Pandemie.

Dazu passt, dass am Montagabend in Berlin wieder einer der wichtigsten Nachwuchspreise der Filmindustrie vergeben wurde: „First Steps“ ist die bedeutendste Auszeichnung für Abschlussfilme von Filmschulen in den deutschsprachigen Ländern. Er ist mit insgesamt 119.000 Euro der höchst dotierte Nachwuchspreis und wird jedes Jahr in Berlin vergeben – und zwar in neun Preiskategorien.

Schauspielerin Dennenesch Zoudé und Produzent Nico Hofmann kommen zur Verleihung der „First Steps“-Awards ins Motorwerk Berlin.
dpa/Monika Skolimowska
Schauspielerin Dennenesch Zoudé und Produzent Nico Hofmann kommen zur Verleihung der „First Steps“-Awards ins Motorwerk Berlin.

27 Nominierte und Trauben von Stars hatten sich dieses Jahr zur Verleihung im Berliner Motorwerk angekündigt, um die Filme der jungen Talente zu ehren und zu feiern: darunter auch UFA-Boss  und „First Steps“-Mitbegründer Nico Hofmann, das Präsidenten-Duo der Deutschen Filmakademie, Alexandra Maria Lara und Florian Gallenberger, die Preis-Stifterinnen Marika George (Götz-George-Nachwuchspreis), Katja Eichinger (No Fear Award) und Sherry Hormann (Michael-Ballhaus-Preis).

Dazu schillernde Gäste wie Mo Asumang, Luise und Max Befort, Anna Brüggemann, Caro Cult, Daniel Donskoy, Pipi Fröstl, Jella Haase, Anna Loos, Caroline Peters, Kida Khodr Ramadan, Armin Rohde, Pheline Roggan, Alexander Scheer, Jörg Schüttauf und Dennenesch Zoudé.

27 Nominierte und Trauben von Stars hatten sich zu den „First Steps“ angekündigt

Den coolsten Spruch hatte „First Steps“-Moderator Hassan Akkouch schon vor der Preisverleihung vom Stapel gelassen. Der deutsch-libanesische Schauspieler aus Berlin-Neukölln („4 Blocks“) scherzte mit Bezug auf die handverlesene Schar: „800 geladene Gäste, das ist überhaupt kein Problem, für Neuköllner Verhältnisse ist das eher so ein kleines Treffen …“.

Akkouch ist nicht nur Film- und Theaterstar (Münchner Kammerspiele!), er ist auch ehemaliger Profi-Breakdancer und konnte sich bei der Verleihung entsprechend ins Zeug legen. Schick, dass Live-Looperin Lisaholic („Fuk Perfection“) mit ihren Beats die Halle beschallen durfte.

„First Steps“: Auch Schauspielerin Jella Haase schaute sich an, was der Filmnachwuchs so zu bieten hat.
„First Steps“: Auch Schauspielerin Jella Haase schaute sich an, was der Filmnachwuchs so zu bieten hat. dpa/Monika Skolimowska

Akkouch, der mal in einem Interview behauptete, „Mein Vater hat nur 22 Geschwister“,  forderte etwas hektisch und sichtlich nervös gleich zu Beginn: „Einen Applaus, bitte, für die Tänzerinnen und das geile Opening. Habt ihr Bock auf den geilsten, emotionalen Abend?“ Hatte das Publikum durchaus, das wie immer bei „First Steps“ angefixt mitging, wenngleich es nicht jeden Gag mit donnerndem Applaus quittierte. Die Veranstaltung strotzte auch dieses Jahr wieder vor Kreativität, Energie, Witz und Esprit.

„First Steps“ wurde 1999 als private Initiative der Filmwirtschaft von den Produzenten Bernd Eichinger und Nico Hofmann ins Leben gerufen. Die Preisverleihung wird von der Deutschen Filmakademie veranstaltet – in Partnerschaft mit Amazon Studios, ARD, Seven.One Entertainment Group, Studio Hamburg, UFA und Warner Bros.

Hier die Gewinner des Abends im Überblick:

Abendfüllender Spielfilm:

THE ORDINARIES. Regie: Sophie Linnenbaum (Spielfilm, 120'), Filmuniversität Potsdam, Konrad Wolf.

Aus der Jurybegründung: THE ORDINARIES ist alles andere als ein gewöhnlicher Abschlussfilm. In diesem filmischen Metaversum ordnet sich die fantasievolle Welt nach Haupt- und Nebenfiguren – also nach solchen, die ihre eigene Geschichte formen, und denen, die nur als Beiwerk der eigentlichen Inszenierung mit limitierten Dialogen dienen. Sophie Linnenbaum inszeniert diese Segregation vom „Wir“ und „die Anderen“ nach politisch-gesellschaftlicher Doktrin als originelle und mutige Satire mit Musicalelementen. Sie beweist eine ganz eigene Vision vom Kino, die sich mit detailverliebter Raffinesse am gesamten Repertoire filmischen Handwerks bedient.

Mittellanger Spielfilm:

5PM SEASIDE. Regie: Valentin Stejskal (Mittellanger Spielfilm, 27'), freie Einreichung.

Aus der Jurybegründung: Die raue See Griechenlands, zwei kernige, wortkarge Männer und die sinnliche Tragik einer Nahtoderfahrung: Nach vielen Jahren sehen sich die ehemaligen Militärkameraden Nikos und Christos an einem „Unort“ wieder, der wenig romantisch, aber der richtige Ort für die besondere Begegnung ist. Valentin Stejskal schafft es, die richtigen Momente auszuklammern und uns mit seiner sanften, zurückgenommenen Erzählweise gänzlich in die Gefühlswelt seiner Figuren eintauchen zu lassen. Seine Inszenierung vermittelt die unendliche Schwierigkeit, Gefühle füreinander zu zeigen, und blättert nach und nach das konventionelle Bild von Männlichkeit auf.

Kurz- und Animationsfilm:

DAS ANDERE ENDE DER STRASSE/AZ UTCA MÁSIK VÉGE. Regie: Kálmán Nagy (Kurzspielfilm, 22'), Filmakademie Wien.

Aus der Jurybegründung: Mit DAS ANDERE ENDE DER STRASSE gelingt Kálmán Nagy eine feine, millimetergenaue Umsetzung eines Väter-Söhne-Konfliktes, die uns durch ihren dramaturgischen Bogen emotional mitreißt und überrascht. Mit bewusst auszuhaltenden Einstellungen und wenigen Schnitten ermöglicht uns der Film der Rollenverschiebung zwischen den Figuren nachzuspüren. Brilliant weiß der Regisseur, nicht nur die Blicke seiner Figuren, sondern auch die unseren zu führen und dadurch eine eindrucksvolle Spannung bis zum Ende zu erzeugen. Eine wahrhaft dreidimensionale Inszenierung, die die Gefühle jeder einzelnen Figur freilegt und uns diese in ihrem Dilemma zwischen Verantwortung und Gewalt wertfrei erleben lässt.

Götz-George-Nachwuchspreis:

Nancy Mensah-Offei für ihre Rolle in: MACHINES OF LOVING GRACE (Mittellanger Spielfilm, 25').

Aus der Jurybegründung: Frances entwickelt in MACHINES OF LOVING GRACE die Software einer künstlichen Intelligenz, die eine Symbiose zwischen Gesellschaft und Natur anstrebt. Eine außergewöhnlich sinnliche Science-Fiction-Erzählung, die uns auf eine Reise philosophischer Gespräche zwischen Mensch und Maschine nimmt, innerhalb derer unser Wertekompass auf den Prüfstand gestellt wird. In der Rolle der Wissenschaftlerin wandert Nancy Mensah-Offei facettenreich durch die Szenen mit ihrem gesichtslosen, technologischen Gegenüber. Dabei begibt sie sich in einen feinen, sehr stimmigen Tanz mit der Kamera und lässt die Dialoge zwischen Inhalt und Bild entstehen. Ihre nuancierten Spielentscheidungen zeugen von großer Reife und Authentizität, die uns im Nu erobern und im Kopf wie auch im Herzen bleiben.

Dokumentarfilm:

KASH KASH – WITHOUT FEATHERS WE CAN’T LIVE. Regie: Lea Najjar (Dokumentarfilm, 90'), Filmakademie Baden-Württemberg.

Aus der Jurybegründung: KASH KASH – WITHOUT FEATHERS WE CAN’T LIVE entführt uns in eine Männerdomäne. Sie sehen keine Zukunft im erodierenden Libanon, das Zerfressen ist von Korruption, der wachsenden Inflation, und zerrieben von religiösen Spannungen. Sie entfliehen auf die Dächer ihrer Häuser zu ihren Tauben. Eine Metapher und ein berührender Film. Lea Najjar ist mit dabei, ohne zu stören – mit einfühlsamen Gesprächen, einer genau zuschauenden Kamera und einer Montage, die die unterschiedlichen Protagonisten und filmischen Ebenen stimmig zusammenfügt.

Drehbuch:

Pipi Fröstl für (W)HOLE (Spielfilm, 93'), Filmakademie Wien.

Aus der Jurybegründung: (W)Hole. Selten bringt ein Titel die Essenz eines Drehbuchs so auf den Punkt wie hier. Das Loch im eigenen, nach außen erfüllt wirkenden Sein, das man trotz aller Sinnsucherei und guten Taten im Alltag nicht zu füllen vermag – es klafft auch im Leben der Sozialpädagogin Lisa. Bis sie ihrem entfremdeten leiblichen Bruder Paul wiederbegegnet. Es gibt sofort eine starke Verbindung zwischen den beiden, die keiner Erklärung bedarf. Die gemeinsame DNA? Ein unsichtbares Band durch zusammen erlebte frühkindliche Traumata? Pipi Fröstl liefert in ihrem Buch keine einfachen Antworten. Stattdessen führt sie Lisa an Pauls Hand auf ihre bisher verdrängte, destruktive Seite, in die eindrücklich geschilderten Gefilde des Tabuisierten, Verbotenen. Dabei verliert sich Fröstl nie im Bildlichen, sondern schafft es stets, die symbolisch klug aufgeladenen Geschehnisse auf eine nachvollziehbare Alltagsebene zu bringen.

Werbefilm:

MADE FOR HOOMANS. Regie: Marleen Valien (Werbefilm, 5'), Filmakademie Baden-Württemberg.

Aus der Jurybegründung: „Animals love oatmilk“ betont die innerfilmische neue Kampagne von Oatley. Wenn da nur nicht diese mürrischen Tiere am Filmset wären ... Denn in MADE FOR HOOMANS müssen die Werbeschaffenden hinter der Kamera bei allen tierischen Protagonisten ihre Geduld gleichermaßen unter Beweis stellen: Das Pony Werner fragt sich nach der tieferen Motivation seiner Rolle und warum es durch ein Haferfeld laufen soll, in einem Werbespot für Milch. Eintagsfliege Jean klagt über die amateurhaften Produktionsbedingungen und Eichhörnchen Frank verpatzt jeden Packshot. Marleen Valien inszeniert damit nicht nur einen kreativ animierten Spot, sondern auch eine köstlich amüsante Fabel auf die Werbebranche.

NO FEAR Award für Produktionsabsolvent:innen:

Mariam Shatberashvili für WAS SEHEN WIR, WENN WIR ZUM HIMMEL SCHAUEN? (Spielfilm, 150'), Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin.

Aus der Jurybegründung: Zwei Liebende, die sich durch einen bösen Zauber nicht wiederfinden können und auf eine lange Suche gehen. Mit dem poetisch-modernen Märchen WAS SEHEN WIR, WENN WIR ZUM HIMMEL SCHAUEN? hat sich Mariam Shatberashvili ein eher ungewöhnliches und herausforderndes Projekt für ihren Abschluss ausgesucht. Unerschrocken und immer nah am Projekt hat sie am ihr völlig unbekannten Drehort Kutaissi eine nachhaltige Infrastruktur geschaffen, die es dem Team ermöglichte, sich auf die kreative Umsetzung der filmischen Idee zu konzentrieren. Dabei stellte sie sich jeden Tag aufs Neue respektvoll und engagiert den auftretenden kulturellen Differenzen der deutsch-georgischen Co-Produktion. Den damit einhergehenden Hürden begegnete Mariam Shatberashvili mit einer perfekten Mischung aus Bauchgefühl und Verhandlungsgeschick an dessen Ende ein beeindruckender Film steht, der ohne sie nicht so reich an Fantasie und Ideen gewesen wäre.

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Michael-Ballhaus-Preis für Kameraabsolvent:innen:

Pasindu Goldmann für THE KIDS TURNED OUT FINE (Spielfilm, 73'), ifs Internationale Filmschule Köln.

Aus der Jurybegründung: THE KIDS TURNED OUT FINE nimmt uns an die Hand und gewährt uns einen authentischen Einblick in die Selbstwahrnehmung der Generation Y. Locker und lässig wie die Figuren selbst führt uns die Kamera von Pasindu Goldmann durch ein Lebensgefühl, das von Lebendigkeit und Vitalität zeugt, ohne dabei in eine heroisierende Beschönigung abzudriften.