Normen Dommann (r.) und Robosonic von Turning Tables. Foto: Volkmar Otto

Asmin fehlt noch. Die Sozialarbeiterin hat die Räume zum Jugendclub Civilipark aufgeschlossen. Evelina, die Producerin, ist da und Saralène, die Sängerin. Sie haben ihre Laptops aufgebaut, die Mikrofone ausgepackt, es kann also losgehen. Nur die elfjährige Asmin ist zu spät. Beim letzten Treffen haben sie einen Song zusammen geschrieben: „Wir sitzen im Cabrio und essen das Haribo, aber leider ist kaputt unser Radio. Esse Pommes mit Mayo und ’ne Cola. Wallah!“ Heute soll es weitergehen.

Fünfzehn Minuten vergehen, dreißig. Normen Dommann, 39, steht draußen in der Kälte, er hat das alles hier organisiert, und wenn er eines gelernt hat in den vergangenen Monaten, dann ist es, Geduld zu haben. Nicht zu viel zu erwarten. Auch: dass es schon ein Erfolg ist, wenn die Kinder überhaupt zu seinen Workshops auftauchen. „Die Kids vom Sofa wegzukriegen ist das Schwierigste“, sagt er.

Nach einer Dreiviertelstunde kommt Asmin endlich angeschlendert, ein zierliches Mädchen mit breitem Grinsen, pinke Jogginghose, pinke Trainingsjacke, zwei Kumpels im Schlepptau, der eine futtert gerade eine Tüte Chips leer. Und dann müssen die Kinder erst mal erzählen: Die Moschee wurde gestern von der Polizei geräumt. „Wegen Corona“, sagen sie. Alle reden durcheinander. Am Ende nehmen sie irgendwann doch noch die zweite Strophe ihres Cabrio-Songs auf, mit Masken und Abstand. „Wir gehen mit dem Cabrio auf Welttour, fahren 100 Kilometer rund um die Uhr. Erster Stopp: Türkei! Ganze Familie dabei.“

Im Sommer war alles noch einfacher. Da konnte Dommann einfach Plattenteller im Görlitzer Park aufbauen oder im Hof des Jugendclubs Naunynritze, es gab Grillwürstchen und viel Platz im Freien. Jetzt muss er für jeden Workshop Räume organisieren – in Kreuzberg ist das sowieso nicht einfach. Eine Woche nach dem Nachmittag im Civilipark ruft Michael Müller den zweiten Lockdown für Berlin aus, seitdem ist es fast unmöglich geworden.

Corona trifft die Schwächsten am härtesten

Jugendarbeit in Zeiten von Corona. Wahrscheinlich war sie nie wichtiger. Vor kurzem erst wurde eine Studie veröffentlicht, in der es um die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ging. Heraus kam, dass vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien psychische und psychosomatische Auffälligkeiten zeigten: Hyperaktivität, emotionale Probleme. Corona trifft die Schwächsten am härtesten.

Turning Tables heißt das Projekt von Normen Dommann. Es wurde vor über zehn Jahren in Dänemark gegründet, hat Ableger in Schweden, Myanmar, Kenia, Libanon, Jordanien und Kolumbien. Die Idee ist, Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit Rapmusik in Kontakt zu bringen. Professionelle Musiker helfen ihnen, ihre eigenen Reime zu schreiben, Beats zu bauen, aufzunehmen. Geben ihnen die Möglichkeit, sich auf kreative Weise auszudrücken. Das Motto von Turning Tables lautet: „If no one speaks, no one is heard.“ Wenn niemand spricht, wird auch niemand gehört.

Freunde von Dommann, der selbst DJ ist, gaben vor ein paar Jahren Workshops in einem Flüchtlingscamp in Amman, so hat er von dem Projekt erfahren. Anfangs dachte er: „Ist Musik wirklich das, was die da brauchen? Aber dann habe ich gesehen, was Musik kann: nämlich Brücken bauen.“ 2018 half er, Turning Tables nach Cottbus, in seine Heimatstadt, zu bringen.

Seit März baut Dommann Turning Tables jetzt in Berlin auf. Via Crowdfunding wollte er Geld für ein mobiles Studio in einem umgebauten Schiffscontainer sammeln. Dann kam Corona. Und die Idee ging in der Flut von Spendengesuchen unter.

Robosonic legt sonst weltweit in Clubs auf und ist bei Turning Tables eingestiegen

Andererseits hatte der Lockdown auch etwas Gutes: Dommann gelang es, bekannte Musiker für Turning Tables zu gewinnen, die in normalen Zeiten zu beschäftigt sind, um sich sozial zu engagieren. Den Berliner DJ Robosonic zum Beispiel, der weltweit in Clubs auflegt. Als im Frühjahr alle seine Auftritte abgesagt wurden, hatte er plötzlich viel Zeit – und stieg bei Turning Tables ein.

Orte, an denen Jugendliche kreativ sein können, kann es nicht genug geben

Normen Dommann

Ein Morgen Anfang September, es ist noch warm, Robosonic und Dommann sitzen vor einem Ladenlokal am Kastanienplatz, ein grünes Fleckchen zwischen grauen Plattenbauten. Die Räume gehören der Streetwork-Organisation Outreach, mit der Turning Tables zusammenarbeitet. Oben stehen Sofas, es gibt eine kleine Küche. Im Keller wollen sie ein Studio einrichten, das Jugendliche nutzen können, um selbst aufzunehmen. „Soziale Zentren, in denen es ein Studio gab, haben im HipHop immer schon eine wichtige Rolle gespielt, so etwas wollen wir auch schaffen“, sagt Dommann. „Orte, an denen man kreativ sein kann, kann es nicht genug geben.“

Robosonic hat heute Boxen mitgebracht, die er selbst nicht mehr braucht. Er hat auch bei anderen Musikern Sachspenden für die Jugendlichen gesammelt. „Das soll ihr Ort werden, wo sie Musik machen können, ohne Zeitdruck, ohne dafür viel Geld zu bezahlen“, sagt er. Robosonic lebt seit vielen Jahren in Kreuzberg. Turning Tables, sagt er, sei eine Chance für ihn, seinem Kiez etwas zurückzugeben. „Inspiration in die Straße werfen und gucken, was zurückkommt“, so nennt er das.

Rotzige, rohe Aufnahmen geben einen Einblick in das Leben der Kinder

In den Sommermonaten sind erste Tracks entstanden: rotzige, rohe Aufnahmen, die Texte Fragmente von Geschichten, die einen Einblick in das Leben der Kinder und Jugendlichen geben:

Von Mert und Bedo, 19 und 17 Jahre alt, die in Kreuzberg 36 geboren und aufgewachsen sind: „Ich erzähl’ dir aus der Gegend, doch es gibt nicht viel zu reden, überleben hier im Elend, in der Zelle fünfmal beten, keine Aussicht in meinem Leben, wa.“

Von Lyan, neun Jahre alt, deren Vater im Nahen Osten lebt: „Papa, ich vermiss’ dich, und du bist weit weg, doch bald bist du wieder da und dann ist es perfekt. Und wenn du nicht da bist, kann ich nicht schlafen. Und wenn du nicht da bist, zähl’ ich die Tage.“

Von Valentin, 24, einem der Ältesten im Projekt: „Komm mit dahin, wo Häuser 70 Meter in den Himmel ragen, komm mit dahin, wo sie ihre Pisse in den Windeln tragen, komm mit dahin, wo es still ist, wo sie mit den Händen reden, fass mein Leben an und du wirst mit den Konsequenzen leben.“

Wovon genau die Jugendlichen erzählen, können Dommann und Robosonic oft nur erahnen. Sie fragen sie nicht aus, versuchen nur herauszufinden, worauf sie Lust haben, welche Musik sie mögen, stellen die Technik zur Verfügung, zeigen ihnen, wie die Aufnahmeprogramme funktionieren, geben ihnen die Möglichkeit, sich auszudrücken.

„Die Kids brauchen Menschen mit Leidenschaft um sich herum, die ohne Vorurteile auf sie zugehen“, sagt Zeljko Ristic von Outreach, „sie brauchen Menschen aus der Kunst, Musik, Sport – Sozialarbeiter kennen sie genug.“

„Der Mut, einfach zu machen, wird eigentlich immer belohnt“

Zwei Wochen später, draußen regnet es in Strömen, drinnen sitzen drei Jungs auf dem Sofa, die Käppis tief ins Gesicht gezogen, die Jacken behalten sie an, als wären sie nur auf dem Sprung. Vor ihnen sitzt Uchenna van Capelleveen, Künstlername Megaloh. Er ist seit 20 Jahren im Musikbusiness, hat sein eigenes Label gegründet und einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma. Seine Alben waren öfter in den deutschen Top Ten zu finden. Er ist auf großen Festivalbühnen aufgetreten und hat mit Stars wie Max Herre zusammengearbeitet. Die drei Jungs haben noch nie von ihm gehört. Aber jetzt hören sie ihm zu.

HipHop ist Heilung, Texte können dich therapieren, wenn du ehrlich ist.

Megaloh, Rapper

„HipHop ist die Stimme der Freiheit“, sagt Megaloh, „HipHop ist Heilung, Texte können dich therapieren, wenn du ehrlich ist.“ – „Wie ein Tagebuch?“, sagt einer der drei. „Besser“, antwortet Megaloh, „macht mehr Spaß.“

Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Megaloh erzählt von den vielen Jahren vor dem Erfolg, als man ihn in Moabit kannte, wo er seine Platten selbst verkaufte, aber sonst nirgends. Vor dem Erfolg verdiente Megaloh sein Geld als Lagerarbeiter und machte Musik nach Feierabend. Alles, was er kann, hat er sich selbst beigebracht.

„Der Mut, einfach zu machen, wird eigentlich immer belohnt“, sagt er. „Das ist der Spirit von HipHop.“

Vielleicht macht in diesem Moment etwas Klick bei einem der drei Jungs. Er heißt Mert, ist 19 Jahre alt und arbeitet als Maler und Lackierer. Mert hat schon gerappt, bevor er zu Turning Tables kam. Sein Onkel ist ein berühmter Gangsterrapper, der in seinen Musikvideos neben Kampfhunden und vierschrötigen Typen düstere Texte zum Besten gibt und dafür Millionen Klicks auf YouTube bekommt. Manchmal sieht Mert seinen Onkel auf Familienfesten, er hat sich auch schon mal einen seiner Tracks angehört, die Mert „Hood-Musik“ nennt, Kiezmusik. Aber Mert ist nur einer von vielen Nichten und Neffen. Er muss es alleine schaffen, so viel ist klar.

Ein paar Wochen sind vergangen seit dem Gespräch mit Megaloh. Mert sitzt im Baraka, einem arabischen Restaurant am Lausitzer Platz, er ist ein höflicher junger Mann, der ein bisschen schüchtern ist. In einem der Songs, den er für Turning Tables aufgenommen hat, rappt er vom Dealen und vom Gefängnis, von den Narben auf seiner Seele und dem harten Leben im Viertel. Hat er das alles selbst miterlebt? „Klar“, sagt er und grinst, „sonst wäre es ja nicht authentisch.“

Turning Tables hilft mir, meinem Traum ein paar Schritte näherzukommen.

Mert, 19

Die Gegend rund um das Kottbusser Tor gilt als eine der gefährlichsten in Berlin. Wer hier aufwächst, wie Mert und die anderen Jugendlichen, braucht Erfahrungen von Gewalt nicht zu erfinden. Sie gehören zum Alltag.

Der Kellner bringt Baklava und Tee. „Turning Tables hilft mir, meinem Traum ein paar Schritte näherzukommen, kleine Steps“, sagt Mert. Seine Musik klinge anders, wenn Robosonic sie aufnimmt, professioneller. „Ich lerne auch, wie ich das alles selbst machen kann, das ist eine große Hilfe.“

Normen Dommann sitzt gut gelaunt daneben und hört zu. Am Tag vorher hat er die Nachricht bekommen, dass neue Fördergelder für Turning Tables bewilligt wurden, aus dem Fonds „Neustart Kultur“, einem milliardenschweren Rettungspaket der Bundesregierung für Kultur und Medien. Das sichert Dommann die nächsten Workshops für die Jugendlichen.

Er hat extra einen Kurs besucht, in dem Kreativen, die wie er soziale Projekte auf die Beine stellen wollen, gezeigt wird, wie und wo man Fördermittel beantragen kann. „Das ist fast wie eine neue Sprache lernen“, sagt Dommann. Seine ersten Förderanträge scheiterten noch an falschen Formulierungen.

Hinzu kommt, dass sich diese Arbeit mit Jugendlichen so schwer in Stunden messen lässt. Es hat lange gedauert, erzählt Dommann, überhaupt das Vertrauen zu Mert und den anderen aufzubauen; bis sie die Jugendlichen überzeugt hatten, dass sie nicht nur die „Spinner mit den Kameras sind, die hier die Ghettokids abfilmen wollen“. Dommann hat auch schon die Eltern angerufen, um sicherzugehen, dass ­­einer der Jungs zu den Workshops kommen darf.

Die Musik hilft den Jugendlichen, ihren Alltag zu verarbeiten

50 Kinder und Jugendliche waren inzwischen bei Turning Tables dabei, zum festen Kern gehören um die 15. Wenn Dommann den Erfolg des Projektes messen soll, sagt er: „Dass die Kids so offen über ihre Geschichten reden.“ Das berührt ihn, das zeigt ihm, dass das Projekt an der richtigen Stelle ansetzt, dass die Musik den Jugendlichen hilft, ihren Alltag zu verarbeiten.

Wie es in den kommenden Monaten weitergehen soll, weiß er noch nicht. Die Räume von Outreach können sie erst mal nicht mehr nutzen, wegen Corona. „Soziokulturelle Arbeit in den digitalen Raum verlegen ist schwer“, sagt Dommann. Junge Männer wie Mert sind den ganzen Tag unterwegs, besitzen keinen eigenen Computer zu Hause. „Da fallen genau die hinten über, die unser Projekt am dringendsten brauchen.“

Dommann verbringt jetzt viel Zeit damit, Ideen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. Sony will mit einsteigen, mehrere bekannte Musiker haben ihre Unterstützung zugesagt. „Das können die Kids dann hoffentlich alles einlösen, wenn man wieder loslegen kann.“

Robosonic hat in den vergangenen Monaten viele kleine Szenen aus der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zu einem HipHop-Hörspiel zusammengesetzt. „Kinder vom Kotti“, heißt es. Es geht um Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit, Gentrifizierung. Die erste Staffel ist fertig.