Foto: Bernd Friedel
März 2020: Michaela Trottner hat Hähnchenschenkel mit Kartoffelsalat für die Obdachlosen vorbereitet. Damals bestand noch keine Maskenpflicht.

Michaela Trottner steht seit 392 Tagen in der Küche und bereitet bedürftigen Menschen eine Mahlzeit vor. Mehr als 18.000 Essen sind das seit Beginn der Corona-Pandemie. Der KURIER berichtete über den unermüdlichen Einsatz der Mitarbeiterin der Tee- und Wärmestube Neukölln bereits im März 2020. Ungefähr ein Jahr später traf die Reporterin die 59-Jährige erneut. Ihr Engagement ist nicht weniger geworden, dafür ist aber die Zahl der Abnehmer gestiegen.

Sie verteilt Quark, Pellkartoffeln und Leinöl gleichmäßig in die Aluminium-Boxen, die das Essen warm halten sollen. Jedes einzelne drapiert sie noch mit einem Salatblatt und einer Scheibe Tomate. „Das Auge isst mit“, sagt Trottner. Es kommen noch zwei Scheiben Brot mit Wurst und Käse belegt, ein Schokoladen-Pudding, ein Getränk sowie eine kleine Süßigkeit mit in die Lunchbox. 80 bis 90 Stück sind es am Tag, die Trottner und drei weitere Mitarbeiter an die Obdachlosen in Neukölln verteilen.

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April 2021: Michaela Trottner schneidet die Zwiebeln für das Menü.

Ein Großteil wird über Spenden finanziert

Die Idee der Lunchboxen stammt von Thomas de Vachroi, dem Armutsbeauftragten des evangelischen Kirchenkreises Neukölln. Als die dort angegliederte Tee- und Wärmestube im März 2020 pandemiebedingt schließen musste und dort auch keine Mahlzeiten mehr zubereitet werden durften, musste eine schnelle Lösung her. Das Team wich auf eine Küche des Diakoniewerks Simeon aus und liefert das Essen nun von dort in die Räumlichkeiten an der Weisestraße, wo die Boxen durch ein Fenster verteilt werden. „Wir hatten damals überhaupt keine finanziellen Mittel“, so de Vachroi. Zum Glück hätten die beiden Träger, das Diakoniewerk Simeon und des evangelischen Kirchenkreises Neukölln sich sofort bereit erklärt, das neue Projekt zu unterstützen. Ein Großteil wird inzwischen über Spenden finanziert.  

Damals hatten de Vachroi und auch Trottner nie geglaubt, dass daraus mal ein Langzeitprojekt würde. „Wir hatten damit gerechnet, dass im Sommer 2020 alles vorbei ist und wir die evangelische Tee- und Wärmestube wieder öffnen können“, sagt der Armutsbeauftragte. Doch wie so oft im Leben, kommt es anders als gedacht und die Versorgung der Ärmsten der Stadt muss bis zum heutigen Tag improvisiert werden.

„Obdachlose trifft die Corona-Krise besonders hart“

„Obdachlose und Wohnungslose, die nicht zu Hause bleiben können, weil sie kein Zuhause haben, trifft die Coronakrise besonders hart“, betont de Vachroi.  Zudem fehle es ihnen an Einkommen, weil sie nicht mehr Pfandflaschen sammeln oder Straßenzeitungen verkaufen könnten. Hinzu kommt, dass Anlaufstellen und Hilfe-Einrichtungen wie Tafeln, Sanitärstationen und Wärmestuben geschlossen sind oder nur noch eingeschränkt öffnen können.

Foto: Privat
Das fertige Menü: Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl

Etwa 1200 Lunchpakete pro Monat verteilt das vierköpfige Team, viel mehr können sie logistisch nicht leisten. Doch der Bedarf ist wesentlich größer. „Es macht mich jedes Mal traurig, wenn alle Boxen verteilt worden sind und nicht jeder etwas abbekommt“, sagt Trottner. Sie beobachte, dass auch verstärkt mehr obdachlose Frauen kämen.  „Ich sehe eine wachsende Verelendung“, sagt auch de Vachroi. Die Gruppen in unserer Gesellschaft, die ohnehin große soziale Probleme hätten, fielen hinten runter. Die Aktion sei ein finanzieller Kraftakt.

Freitags gibt es eine Extraportion 

Um so wirtschaftlich wie möglich zu arbeiten, studiert Trottner jeden Sonntag die Werbebeilagen in den Zeitungen und sucht nach günstigen Lebensmittelangeboten für ihre rund 300 Essen in der Woche. Anhand derer erfolgt jeden Montag der Großeinkauf, denn Trottner hat nur ein Budget von etwa drei Euro pro Essen zur Verfügung. Drei Tage die Woche steht die sechsfache Großmutter am Herd, an den restlichen Tagen ist sie mit Vorbereiten der Speisen, Einkaufen und Verteilen der Lunchboxen beschäftigt. Montag, Mittwoch und Freitag ist Essensausgabe. Freitags gibt es immer eine Extraportion dazu, damit die Bedürftigen das Wochenende besser überstehen.

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In 13 Monaten hat die Köchin gelernt, gut zu haushalten. „Wenn ich zum Beispiel mal zu viele Nudeln koche, brate ich den Rest am nächsten Tag“, verrät sie. Dann seien zwar nicht alle Menüs identisch und die Beilagen auch mal unterschiedlich, aber das sei nicht entscheidend. Da Trottner mit ihrem Ehemann Hartmut, der beim Diakoniewerk Simeon als Hausmeister tätig ist, im „Haus Britz“ lebt, wo die Küche untergebracht ist, hat sie kurze Wege zu bewältigen. „Da kann ich zwischendurch auch mal das Fleisch marinieren und wieder verschwinden“, sagt sie. 

Eigene Sorgen relativieren sich

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Großeinkauf für 80 Portionen: Michaela Trottner mit den Waren für die kommenden Tage.

Wird man nach 392 Tagen nicht langsam müde? „Natürlich macht jedem von uns die Corona-Krise zu schaffen. Ich leide sehr darunter, dass ich meine Enkelkinder wegen der Infektionsgefahr schon seit mehr als einem Jahr nicht treffe“, sagt Trottner. Doch die eigenen Sorgen relativierten sich immer sehr schnell, wenn sie in die leuchtenden Augen der Menschen schaue, die sich an ihrem Essen erfreuten. In zwei Tagen wird Trottner nullen, so erzählt sie. Eigentlich wollte sie ihren 60. „groß mit Familie und Freunden feiern“, doch die Pandemie hat all ihre Pläne zunichte gemacht. Ein weiteres Mal wird sie nun ihren Geburtstag mit ihrem Mann allein zu Hause verbringen müssen und auch an diesem Tag für die Obdachlosen in der Küche stehen.

Ungefähr bis Juni wird das derzeitige Spendenaufkommen für die Lunchboxen noch reichen, schätzt Thomas de Vachroi. Die Solidarität und Bereitschaft zu helfen sei groß in der Bevölkerung, aber vielen Menschen fehlten in dieser Zeit die finanziellen Möglichkeiten. Wer das Team unterstützen mag, kann sich an die Tee- und Wärmestube Neukölln des Diakoniewerks Simeon www.diakoniewerk-simeon.de wenden. Michaela Trottner plant schon die nächsten Menüs. „Bratkartoffeln mit Sülze und Buletten mit Möhren.“ Die Rezepte gehen ihr auch nach 13 Monaten nicht aus.