Ein Nachbau der Hamburger Speicherstadt, darin stecken rund 10.000 Klötzchen. Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Viele Kinder spielen gern mit Bauklötzchen – aber niemand macht es so professionell wie diese Hobby-Baumeister: In einem kleinen Domizil in Spandau haben es sich die „Anker Steinbaukastenfreunde Berlin“ gemütlich gemacht. Sechs Männer und Frauen, allesamt Fans von Bausteinchen der Marke „Anker“. Aus unzähligen Steinchen bauen sie kleine Meisterwerke nach, verwirklichen Architekten-Träume. Und lassen jeden, der vorbeikommt, Bauklötzchen staunen!

Ein Nachbau der Hamburger Speicherstadt, daneben eine Miniatur-Version des Pomonatempels auf dem Pfingstberg – und ein Zimmer weiter nimmt ein Fernsehturm Gestalt an. Willkommen im Reich der Mini-Baumeister! Seit drei Jahren entstehen in den Räumlichkeiten der „Anker Steinbaukastenfreunde Berlin“ in der Pichelsdorfer Straße in Spandau Mini-Bauwerke aus Tausenden Bausteinchen der Marke „Anker“. Dieter Schäfer und Helmuth Schultze, beide seit Jahren begeisterte Fans der Klötzchen, haben sich hier einen kleinen Traum verwirklicht.

Marion Kalmbach baut gerade den Fuß eines Fernsehturms. Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Schäfer (82) war selbst über Jahre begeisterter Sammler, erzählt er dem KURIER. Seinen ersten Baukasten bekam er im Alter von zehn Jahren. „Mein Vater blieb im Krieg – und meine Großmutter übereignete mir den Nachlass“, sagt er. Zu Geburtstagen und Weihnachtsfesten bekam er später immer mehr Sets geschenkt. Flohmärkte halfen dabei, die Sammlung zu erweitern. 850 Baukästen häufte er im Laufe der Zeit an – „der Steinbestand beläuft sich auf etwa 245.000 Stück.“

Alfred Puschmann setzt Stein für Stein zusammen – eine Kirche entsteht. Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Zunächst durften Schäfer und Schultze im Gotischen Haus in Spandau bauen, doch der Platz wurde knapp. „Und wir mussten jeden Tag alles zusammenräumen“, sagt Schäfer. Langzeit-Bauprojekte wurden dadurch unmöglich. Deshalb zogen die Sammler in die Gewerberäume in der Pichelsdorfer Straße. In unzähligen Schränken und Schubladen an den Wänden schlummern nun die Steine, nach Farben, Größen und Formen sortiert. An mehreren Tischen entstehen die Gebäude und Bauwerke.

Dieter Schäfer, Chef der Baumeister, erklärt KURIER-Reporter Florian Thalmann die „Bauarbeiten“. Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Die Mineralbausteine gibt es seit 1875, erfunden wurden sie von den Gebrüdern Lilienthal. Sie konnten das Spielzeug nicht vermarkten, verkauften das Rezept an einen Unternehmer. Er errichtete 1880 eine Fabrik in Rudolstadt. Unzählige Kästen kamen auf den Markt, bis die Firma nach einem DDR-Beschluss 1963 geschlossen werden musste. Doch 1995 wurde die Tradition neu belebt, eine Manufaktur in Rudolstadt nahm die Produktion wieder auf.

Klein und verspielt: Detailaufnahme des Steinchen-Nachbaus der Hamburger Speicherstadt.  Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Das Aufbauen erfordert Fingerspitzengefühl: Schicht für Schicht werden die Klötzchen gestapelt, bis ein Bauwerk entsteht. Das Gewicht der Steine – sie sind wesentlich schwerer als etwa Bauklötzchen aus Holz - verleiht den Bauten Stabilität. Pläne für verschiedene Gebäude liegen den Baukästen bei. Schäfer mag besonders die Vielfalt. „Man kann die Steine beliebig miteinander kombinieren. Die Möglichkeiten, daraus etwas zu bauen, sind nahezu unbegrenzt.“

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Die Berliner Gruppe ist inzwischen auf sechs Mitglieder angewachsen. Alfred Puschmann (67) kam etwa bereits im Alter von acht Jahren zu den Steinen. „Ich fand das Bauen schon immer beruhigend, entschleunigend“, sagt er. Jürgen Kulus (67) kam regelmäßig als Passant vorbei, als der Laden gerade entstand. „Durch das Fenster sah ich, wie jemand eine Kirche aus den Steinen nachbaute. Als sie fertig war, ging ich einfach mal rein“, sagt er und lächelt. Den Lego-Fan packte die Sucht. Und: Sogar zwei Frauen sind dabei. Etwa Gertrud Linke (71) – sie begeistert sich schon lange für Architektur, schaute Schäfer und Schultze beim Basteln im Gotischen Haus über die Schulter. „Ich sah diese beiden Herren mit ihren Gebäuden und war fasziniert.“

Die Vielfalt der einzelnen Bauteile kennt keine Grenzen. 245.000 Einzelteile nutzen die Baumeister in ihrem Domizil für die kleinen Kunstwerke. Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Er baute etwa an der Mini-Version der Hamburger Speicherstadt mit – rund 10.000 Steine stecken darin, außerdem ein halbes Jahr Arbeit. Trotzdem sind die Baumeister nicht traurig, wenn sie die kleinen Werke wieder abreißen müssen. „Wir freuen uns dann meistens schon auf das nächste Projekt“, sagt Puschmann. Wer es ausprobieren möchte, kann jeden Dienstag zwischen 10 und 16 Uhr vorbeischauen, dann sind die Räumlichkeiten zum gemeinsamen Bauen für jeden offen.