Demo auf dem Alexanderplatz am 16. Mai Foto: camcop media / Andreas Klug

Schon am Sonnabendmittag stehen rund um den Alexanderplatz Absperrgitter. Auch der Springbrunnen auf dem Platz ist abgesperrt. Bilder wie vor einer Woche, als Demonstranten den Springbrunnen besetzen und Hooligans auf Polizisten losgingen, sollen sich nicht wiederholen. Dieses Mal ist die Polizei zahlreicher vertreten. Mehr als 1000 Polizisten werden an diesem Tag in der Berliner Innenstadt im Einsatz sein.

Verschiedene Gruppen haben dazu aufgerufen, in deutschen Großstädten gegen die Corona Maßnahmen zu demonstrieren. Auch für Berlin sind Proteste angekündigt. Unter anderem Xavier Naidoo, von Beruf Sänger, und der Koch Atilla Hildmann riefen zu „Spaziergängen“ auf.

Die Polizei hat mehrere Demos gegen die Corona-Maßnahmen zugelassen – unter der Auflage, dassnichtmehr als 50Menschen teilnehmen und 1,5 Meter Mindestabstand gewahrt bleiben. Auch Gegendemonstrationen linker Gruppen sind genehmigt, unter denselben Auflagen.

Die Polizei hat die Rosa-Luxemburg-Straße mit Gittern gesperrt. Davor sammeln sich Menschen. Eine Frau kreischt die Polizisten an. Sie hat sich ein gelbes Plakat umgehängt.Darauf kritisiert sie den aus ihrer Sicht drohenden „Impfzwang“. Die Polizisten fordern sie auf, Abstand zu halten.

Auf dem Rosa-Luxemburg-Platz hatten an den vergangenen neun Sonnabenden die sogenannten Hygiene-Demos stattgefunden, zu denen eine „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“ aufgerufen hatte. Es handelt sich um eine Querfront von Menschen aus der linken Szene über Verschwörungstheoretiker bis hin zu dem ehemaligen RBB-Moderator Ken Jebsen, der heute fordert, die Regierung aus dem Amt zu fegen. Diesmal demonstrieren vor der Volksbühne „Echsen gegen Nazis“. Daneben stehen einige Aliens und geben Interviews. Es sind Schauspieler der Gruppe Grandroue. „Wir sind von der NGO, der Neuen Galaktischen Ordnung und wollen gegen den ganzen Unsinn demonstrieren“, sagte er und meint damit die Hygiene-Demos der vorangegangenen Sonnabende.

Währenddessen führen Polizisten die kreischende Frau von der Rosa-Luxemburg-Straße vorbei. Neben der Volksbühne, unweit der Parteizentrale der Linkspartei, hat die Polizei eine sogenannte Bearbeitungsstrecke eingerichtet, wo die Personalien der Festgenommenen notiert werden. Und sie leiten Ermittlungsverfahren ein: wegen Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz, wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz, wegen Beleidigung von Polizisten,wegen Widerstands. Vor den Schreibtischen bildet sich eine lange Schlange aus Polizisten und Festgenommenen. Bis zum frühen Nachmittag haben die Beamten schon mehr als 70 Personalien von Festgenommenen aufgeschrieben. Am Ende des Tages werden es insgesamt 300 Verfahren sein.

Auf dem Alexanderplatz, wo eine Woche zuvor Rechtsextremisten und Hooligans auf die Polizei losgingen, darf heute innerhalb der dichten Polizeiabsperrungen ein linkes Bündnis mit 50 Leuten demonstrieren. Von einem gemieteten Lkw dröhnt Musik herab.

Auf den Treppen vor Primark gibt es eine andere Demo. Bei der Polizei wurde sie unter dem Motto „Für die konsequente Einhaltung des Grundgesetzes und gegen Rassismus und Diskriminierung“ angemeldet. Der Redner erläutert, dass der Begriff Querfront negativ belegt sei.Von gegenüber schreien die linken Demonstranten daraufhin „Alerta! Alerta! Antifascista!“ Er sei gegen eine Unterwanderung der Corona-Proteste von rechts und gegen Rassismus, sagt der Redner. Es nützt nichts, der Gegenkrach wird lauter.

Als die Kundgebung vorüber ist, sagt Demonstrations-Anmelder Sebastian auf die Frage, wen er denn im breiten Spektrum einer Querfront nicht sehen möchte: „Für mich hört es da auf,wo es radikal wird, wo es Bereitschaft zur Gewalt gibt.“ Auf dem Rosa Luxemburg-Platz habe sich immer ein breites – eher sogar ein mittleres bis linkes – Spektrum versammelt. „In der Öffentlichkeit werden aber immer nur rechte statt linker Protagonisten gezeigt.“

Im Polizeifunk herrscht Durcheinander. Atilla Hildmann habe zu einem Spaziergang aufgerufen, der am Großen Stern starten soll. Jetzt heißt es aber: am Brandenburger Tor. „Selbst seine Anhänger kommen da jetzt nicht mehr hinterher“, sagt einer der Polizeiführer. „Einige warten jetzt am Großen Stern.“ 

Plötzlich ist bei den antifaschistischen Gegendemonstranten die Musik aus. Polizisten sind auf den Lkw geklettert und haben den Generator mitgenommen. „Es war zu laut und hat die andere Kundgebung beeinträchtigt“, begründet Polizeisprecher Thilo Cablitz. „Niemand hat sich beschwert“, sagt Rechtsanwalt FadiEl-Ghazi,der die Demonstranten vertritt. „Die Leute halten sich an die Regeln, doch die Polizei dreht die Schrauben immer enger.“

Hinter dem Anwalt führen Polizisten fünf Hooligans vorbei – hin zu einer Bearbeitungsstrecke neben dem Kaufhof. Diese Männer erhalten Platzverweise.

Während am und um den Alexanderplatz und an der Volksbühne in kleinen Grüppchen protestiert wird, füllt sich die Wiese vor dem Reichstag mit einigen Hundert Menschen. Hier steht der Vegankoch Attila Hildmann, der vor den Machenschaften einer korrupten Elite warnt, die er aber auch am Sonnabend nicht näher benennt.Er ist mit Oliver Pocher, der selbst an Corona erkrankt war, verabredet.

Pocher fräst in Begleitung von mehreren behelmten Polizisten über die Wiese. Erst führt er ein Gespräch mit einem buntbemalten Indianer, der sich zig Länderflaggen auf die Weste genäht hat und „allgemein für Pluralismus“ ist. Dann steuert er mit zur Begrüßung auf Hildmann zu.

Vor zig Kameras beginnen Pocher und Hildmann ein recht höfliches Gespräch. Pocher bringt darin den Satz unter, dass er vegan gar nicht so schlecht finde. „Man kann das machen, aber dabei auch die Fresse halten“, sagt er und man kann sich jetzt durchaus vorstellen, dass der kleine Zusammenschnitt ihm für die nächste Sendung genügen könnte. Dann fragt er Hildmann, was es mit dessen Ansicht über Bill Gates auf sich habe.

Hildmann kann gerade noch sagen, dass Bill Gates gewissermaßen hinter allem steckt, da unterbricht der Einsatzleiter das Gespräch. Die Leute stehen jetzt dicht an dicht, um das Gespräch der beiden Promis zu verfolgen, von der Einhaltung der Abstandsregeln kann keine Rede mehr sein. Pocher verschwindet in einer Polizeieskorte so schnell, wie er aufgetaucht ist.

Die Versammelten strömen jetzt vom Reichtag in Richtung Alexanderplatz, wo es wird immer voller wird. Gegen 18 Uhr setzen die Polizisten Helme auf. Niemand wird mehr auf den Platz gelassen.Vor dem Bahnhof Alexanderplatz stauen sich die Massen. Behelmte Polizisten drängen die Menge in Richtung Rotes Rathaus ab, Menschen mit Handys und zahlreiche Kamerateams filmen. Mehrere Männer schreien im Chor „Lügenpresse– auf die Fresse!“ Diese Parole kennt man von Neonazi-Aufmärschen.

Eine Frau trägt ein Pappschild, das für Grundrechte und gegen den Impfzwang wirbt. Sie findet die Frage,was sie denn mit Impfzwang meine, „unfassbar naiv“. Inzwischen wisse doch jeder, dass das angebliche Corona-Virus nur der Durchsetzung des Impfzwanges diene. Aber wem soll so ein Zwang dienen? „Das weiß ich auch nicht genau“, sagt die Frau. „Wahrscheinlich will die Pharmaindustrie, die mit der Politik unter einer Decke steckt, so ihr dickes Geschäft machen.“ Die von manchen verbreitete Behauptung, dass die Menschen auf diese Weise mit Mikrochips versehen werden sollen, glaubt die Frau aber dann doch nicht. Das hält sie für „eine Verschwörungstheorie“