Helmut Klopfleisch:  Der ehemalige Pankower zahlte für  seine Liebe zu Hertha BSC einen hohen Preis. RBB

Der Trainer gefeuert, der Klub steht derzeit auf einem der letzten Tabellenplätze. Doch Helmut Klopfleisch (73) hält weiter fest zu seiner „Hertha“. Egal, was noch kommen mag: Der Mann hat für die alte Berliner Fußballdame weitaus Schlimmeres durchgemacht. Für seine Liebe zu Hertha BSC überstand der einstige Pankower zu DDR-Zeiten sogar die Machenschaften der Stasi, die ihn wegen seiner Beziehungen zum West-Fußball zum Staatsfeind erklärt hatte.

Klopfleisch steht auf dem Rasen des Olympiastadions. Vor ihm eine Kamera, vor der er für die RBB-Doku „Ein Herthaner und die Stasi“ seine Lebensgeschichte erzählt. Über eine Liebe zu einem Fußballverein, die in dem Teil Berlins einst verboten war, in dem er aufwuchs und lebte.

Sie beginnt in Pankow Ende der 50er-Jahren, als Berlin noch nicht durch eine Mauer geteilt war. Klopfleisch erinnert sich, wie er als kleiner Junge mit seinem Vater mit der S-Bahn in den Westteil fuhr, um im legendären Gesundbrunner Stadion „Plumpe“ die Bundesliga-Heimspiele von Hertha BSC zu sehen. „Es gab für uns keinen anderen Verein als die Hertha“, sagt Klopfleisch. „Meine Mutter hatte für uns aus FDJ-Hemden und weißen Bettlaken eine Fahne und Trikots genäht.“

Aus Liebe zu Hertha reist Klopfleisch dem West-Klub hinterher

Mit den Stadionbesuchen war Schluss, als 1961 die Mauer errichtet wurde. Doch sie konnte nicht Klopfleischs Liebe zu Hertha stoppen. Der junge Mann verfolgte die Spiele nun im Radio, später im Westfernsehen. Und er ging noch weiter.

Helmut Klopfleisch fuhr seiner Hertha nach Prag, Warschau, Ostrava oder Sofia nach, wenn der Klub  in den Europapokal-Wettbewerben gegen Vereine aus den damaligen Ostblockstaaten spielte. Erst allein, dann unternahm er die Fahrten mit seiner Frau, der Mutter und seinem Sohn. „So konnten wir die Touren als Städtereisen tarnen“, sagt Klopfleisch. „Wenn ich diese Hertha-Spiele im Ostblock gesehen habe, war das für mich wie Urlaub von der Diktatur.“

Helmut Klopfleisch mit seiner Frau im Hertha-Trikot und mit Vereins-Wimpel. In ihrer Wohnung waren die Fußballer aus dem Westen zu Gast. RBB

Bei den Fahrten entstanden auch Kontakte zu den Hertha-Spielern. Einige Stars wie Jochem Ziegert besuchten den Ostberliner Fan sogar privat in seiner Wohnung. In einer Kneipe nahe Wandlitz wurden sogar Weihnachtsfeiern mit Ost- und West-Hertha-Fans veranstaltet.

Dies blieb nicht unentdeckt. Durch Spitzel geriet Klopfleisch immer mehr ins Visier der Stasi. Und so waren Mielkes Agenten und deren Ostblock-Geheimdienstkollegen dem Hertha-Fan stets auf den Fersen, wenn dieser wieder einmal seinem Lieblingsklub und auch anderen Westvereinen hinterherfuhr.

Denn Klopfleischs Sohn war Fan vom FC-Bayern München, vor allem von Karl-Heinz Rummenigge. Bei einem Spiel der Bayern durfte der Junge sogar zu seinem Idol in den Tourbus. Klopfleisch und seine Familie erlebten bei ihren Kurzreisen in den Ostblock auch Spiele der westdeutschen Nationalmannschaft, trafen Stars wie Paul Breitner und Franz Beckenbauer. Eines Tages stand sogar der damalige Bayern-Präsident Fritz Scherer in Klopfleischs Ostberliner Wohnung, um persönlich ein Trikot des Bayern-Stars Rummenigge mit Autogramm für den Sohn vorbeizubringen.

Festnahmen, Verhöre: Die Stasi wollte sogar seinen Sohn zum Spitzel machen

Der Stasi war das irgendwann zu viel. Wegen Schädigung des Ansehens der DDR wurde in den 80er-Jahren gegen Klopfleisch ermittelt. „Ich wurde damit zum Staatsfeind in der DDR. Meine Akte soll sogar Stasi-Minister Erich Mielke persönlich vorgelegt worden sein“, sagt der Hertha-Fan.

Um Klopfleischs Fahrten und Treffen zu unterbinden, wandte die Stasi gegen ihn ihre sogenannte Zersetzungstaktik an. „Ich wurde mehrfach verhaftet und verhört, mein Personalausweis wurde entzogen, damit ich nicht mehr zu den Spielen fahren kann. Ich bekam den sogenannten  PM-12-Ausweis, den in der DDR Sexualstraftäter und andere Schwerverbrecher bekamen.“

Der Hertha-Fan verliert seinen Job als Elektriker. Bei Verhören soll er den Namen anderer Fußball-Fans verraten, die ebenfalls die Spiele von Westvereinen im Ostblock besuchten. Die Stasi versuchte sogar, den Sohn als Spitzel gegen den Vater anzuwerben.

1985 traf Helmut Klopfleisch in Prag den damaligen Bundestrainer Franz Beckenbauer, überreichte ihm einen Berliner Bären aus der Hauptstadt der DDR. Der Beginn einer Freundschaft.  RBB/privat

1986 stellt Klopfleisch den Ausreiseantrag. Am 26. Juni 1989 wird er genehmigt, die Familie soll sofort an diesem Tag bis 22 Uhr nach West-Berlin ausreisen. Auch da zeigt die Stasi ihre grausame Seite. „Die Genehmigung kam genau, als meine Mutter im Sterben lag“, sagt der Hertha-Fan. Ein Aufschub der Ausreise wurde abgelehnt. „Ich konnte mich nur ganz kurz von meiner Mutter verabschieden. Vier Tage nach unserer Ausreise ist sie dann verstorben.“

Klopfleisch hat für seine Liebe zu Hertha BSC einen hohen Preis bezahlt. Eine Anerkennung als Stasi-Opfer bleibt ihm bis heute verwehrt.

Die RBB-Doku „Ein Herthaner und die Stasi“  ist  in der ARD-Mediathek zu sehen.